Pfarrer Marius Kaiser: «Es gibt ganz viel Kirche – neben der Kirche»
Vor gut einem halben Jahr wechselte Pfarrer Marius Kaiser von einer grossen Zürcher Pfarrei in den Kanton Schwyz und übernahm die ländlichen Pfarreien Nuolen und Wangen. Wie können historisch getrennt gewachsene Pfarreien zusammenfinden? Und was ist heute die Rolle eines Pfarrers? Darüber hat kath.ch mit Marius Kaiser gesprochen.
Sabine Zgraggen
Pfarrer Marius Kaiser, der am Donnerstag seinen 63. Geburtstag feiert, erscheint motiviert zum Gespräch. Seinen Wechsel vor sieben Monaten in die Linth-Ebene hat er sich gut überlegt. Nach Hausen am Albis ZH wirkte er 16 Jahre lang in Thalwil ZH und konnte dort mit dem Team vieles bewegen. Als der Churer Bischof Joseph Maria Bonnemain ihn um einen Wechsel bat, erkannte er darin eine Chance – und ergriff sie. «Ich habe entdeckt, dass das die Chance für eine Art Reset ist», gibt er freimütig zu. Für seinen letzten «Pilgerabschnitt», wie er es nennt, wünscht er sich mehr Spiritualität und Lebensbalance.
Vor Ort in Nuolen und Wangen fand er zwei sehr unterschiedliche Pfarreien vor. In Zeiten von Priestermangel und sinkender Zahl an Freiwilligen stellten sich von Anfang an organisatorische Fragen: Wie kann ein Pfarrer für zwei Pfarreien gleichzeitig zuständig sein und allen Erwartungen gerecht werden?
«Ich kann mein Herz nicht teilen.»
In enger Absprache mit den Verantwortlichen vor Ort und dem Generalvikariat konnte Kaiser aufzeigen: Er will ein Pfarrer mit den Menschen sein. «Ich kann mein Herz nicht teilen. Ich kann nur ein Herz für eine Pfarreigemeinschaft haben.» Er möchte nicht nur die Fragen, Sorgen und Freuden der Menschen verstehen, sondern einer von ihnen sein.
Sein Bild von Kirche in der Nachfolge Jesu ist die Emmaus-Geschichte: «Aufeinander hören und immer bereit sein, die dritte Stimme, Jesus, unterwegs zu vernehmen…». Besonders inspirierend findet Kaiser die Enzyklika «Laudato Si» von Papst Franziskus, in der die Schöpfung, Tiere und die Menschen in gegenseitiger Achtung und Wertschätzung leben. «Hier in der ländlicheren Region gibt es Schafe, Esel und Lamas», sagt er begeistert – der Heilige Franziskus ist ihm ein Vorbild.
Zwei Pfarreien, zwei Schutzheilige
Nuolen liegt direkt am letzten Zipfel des Zürichsees – ein kleines Nest mit knapp 600 Einwohnern, darunter rund 200 Katholiken. Bis September vergangenen Jahres lebten hier die Missionare der Heiligen Familie, die den Ort überregional bekannt gemacht hatten. «Als das Glöcklein am ehemaligen Kollegi abgestellt wurde, waren viele Nuoler sehr traurig», erzählt Marius Kaiser. Gleichzeitig gab es gewisse Erwartungen, dass die Gottesdienstordnung unverändert bleibt – «wie immer». Doch nichts bleibt, wie es war, «das müssen wir alle lernen», sagt er nachdenklich und dennoch hoffnungsvoll.
Die Pfarreien Wangen und Nuolen sind in den letzten 1000 Jahren getrennte Wege gegangen. Jeder der beiden Ortsteile ist stolz auf seine Eigenständigkeit. Während Wangen den heiligen Kolumban, den grossen Glaubensboten, im Signet trägt, verehrt Nuolen die heilige Margaretha, die Patronin der Familien und der einfachen Leute. Das findet Kaiser spannend, denn auch hier ist ein geistiger Ausgleich möglich.
Erste gemeinsame Anlässe
Ab dem 1. März erscheinen die beiden Pfarrblätter erstmals in einer gemeinsamen Ausgabe. «Damit überhaupt jeder erfährt, was in der anderen Pfarrei geschieht», sagt der Pfarrer. Auch erste gemeinsame Anlässe gab es bereits: Eine Pilgerfahrt nach Maria Bildstein, dem Marienwallfahrtsort auf dem Benkner Büchel, und eine Exkursion zur Ammler Krippe brachten Gläubige aus beiden Gemeinden zusammen. Eine neue Erfahrung. Eine neue Erfahrung als «Pfarreiengemeinschaft».
Marius Kaiser geht es behutsam an: «Erst muss eine Vertrauensbasis geschaffen werden.» Und schliesslich sind wir so auch «gemeinsam auf dem synodalen Weg, wo sich erst unterwegs zeigt, wohin es geht.»
Adventsfenster und Alpgottesdienste
Zudem entdeckt er vor Ort verschiedene «Milieus». In der Adventszeit gestalten Nuoler und Wangener kunstvolle Adventsfenster und besuchen sich gegenseitig. Jede Familie öffnet ihre Tür für Nachbarn und pflegt eigene Rituale. Am Fest der heiligen Agatha kommt die Feuerwehr einmal im Jahr in die Kirche zusammen. Die Alp-Genossenschaft organisiert eigenständig den Alp-Gottesdienst und lädt den Pfarrer dazu ein.
Auch die regelmässige Gottesdienst-Gemeinschaft im Behindertenwohnheim Höfli und im Seniorenzentrum Brunnenhof sind eine Art Hauskirche, der auch auswärtige Leute angehören. Bei Beerdigungen kommen viele Menschen zusammen – selbst jene, die keine spezifisch katholischen Rituale mehr wünschen. All das sei Kirche, sagt der Pfarrer. «Die Sehnsucht der Menschen nach einem Zusammenkommen und Sich-Ausdrücken ist gross. Es gibt ganz viel Kirche – neben der Kirche.»
«Networker und Verstärker des Guten»
Seine Rolle hat Marius Kaiser zunehmend als «Networker und Verstärker des Guten» definiert. Er zitiert Dietrich Bonhoeffer: «Hinschauen, wo Christus schon am Werk ist!» Oft zeige sich genau dort Kirche, wo man es nicht erwarten würde. So gesehen gebe es bereits viele Formen an Hauskirchen.
Wie sieht der Pfarrer von Nuolen und Wangen die Zukunft der Kirche? Für ihn gleicht sie einer Karawane. «Menschen können sich anschliessen, mitgehen oder auch eine Abzweigung nehmen. Wichtig ist, gemeinsam auf dem Weg zu bleiben – und nach Jesus Ausschau zu halten.»
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