Caritas-Direktor: «Franziskus' erster Besuch auf Lampedusa war ein starkes Zeichen»
Der Direktor von Caritas Schweiz, Peter Lack, lobt das Engagement des verstorbenen Papstes Franziskus für Migration und globale Gerechtigkeit. Er habe in jener aufgeheizten Stimmung die Perspektive gewechselt und sich auf die Seite von Migrantinnen und Migranten gestellt.
Regula Pfeifer
Welches Engagement von Papst Franziskus für Migration und gegen Armut hat Sie besonders beeindruckt?
Peter Lack: Unvergesslich war sein erster Besuch auf Lampedusa im Jahr 2013. Das war ein starkes, symbolisches Zeichen! In der damals schon sehr aufgeheizten Stimmung in Bezug auf Migration in Europa hat er die Perspektive gewechselt und sich auf die Seite von Migrantinnen und Migranten gestellt. Er hat so den Blick auf die Opfer der herrschenden Migrationspolitik gerichtet und damit ihre Leben und Anstrengungen für ein gutes Leben gewürdigt.
Von unschätzbarem Wert war auch seine Enzyklika «Laudato si» aus dem Jahr 2015. Darin hat er die Klimakrise und die nachhaltige Entwicklung in Zusammenhang mit der globalen Armutsbekämpfung gebracht. Für die kirchliche Soziallehre war dies ein Quantensprung und ein grosses Verdienst.
«Die Veröffentlichung von «Laudato si» geschah zu einem Zeitpunkt, als es immer noch Stimmen gab, die den Klimawandel leugneten.»
Haben Sie eine Wirkung davon bei Ihrer Tätigkeit in der Entwicklungszusammenarbeit festgestellt?
Lack: Wir bewegen uns in der Entwicklungszusammenarbeit in einem breiten Feld mit sehr unterschiedlichen Akteuren. Die Klimathematik war in Fachkreisen schon etabliert und die Aufnahme in die katholische Soziallehre hat die strategische Verankerung bei kirchlichen Hilfswerken nochmals eingeordnet und gestärkt. Wir dürfen nicht vergessen: diese Veröffentlichung von «Laudato si» geschah zu einem Zeitpunkt, als es immer noch Stimmen gab, die den Klimawandel leugneten – darunter auch politisch sehr einflussreiche Personen.
Sie sagen: «Seine Stimme für mehr Menschlichkeit und Frieden wird fehlen». Wie denken Sie, wird das konkret spürbar werden?
Lack: Die letzten Wochen und Monate waren für die Hilfswerke und für alle, die sich weltweit für mehr Gerechtigkeit und Menschlichkeit engagieren, eine schwierige Zeit. Ich stelle in der Politik eine dramatische Verschiebung von Werten, Argumentationen und im Verhalten fest. Etablierte und einflussreiche Politiker wie Trump und die US-Regierung brechen mit Prinzipien der Solidarität und die Nöte von Menschen, die von Armut betroffen sind, werden in eklatanter und beunruhigender Weise ausgeblendet. Leider hat die europäische Politik gegenüber diesem Verhalten bisher wenig entgegengesetzt.
«Der Papst war mit seiner deutlichen Kritik an der US-Migrationspolitik einer der wenigen.»
Der Papst war mit seiner deutlichen Kritik an der US-Migrationspolitik einer der wenigen Staatsoberhäupter und Würdenträger, die im Februar die Rechtsstaatlichkeit der Massenabschiebungen infrage und sich auch da auf die Seite der Betroffenen stellten. Ich habe in der aktuellen Situation grosse Sorge, dass niemand von Rang und Namen diese Rolle übernehmen wird. Ich bezweifle auch, dass sich jemand traut, so unüberhörbar Politikerinnen und Politikern ins Gewissen zu reden.
Gerade auch seine jüngste Stellungnahme gegen eine einseitige und ungerechtfertigte Instrumentalisierung von religiösen Traditionen zur Unterstützung einer migrationsfeindlichen Politik fand ich gleichermassen wichtig wie beeindruckend.
«Ich hoffe, dass der Nachfolger von Franziskus ebenso stark Stellung beziehen wird.»
Wird es sich – nach Ihrer Einschätzung – auf die Weltpolitik und die Entwicklungsarbeit auswirken?
Lack: Wie gesagt: ich glaube, dass seine Stimme fehlen wird. Andere werden dies kurzfristig übernehmen müssen und ich hoffe, dass es diese Stimmen auch im Rahmen der internationalen Politik gibt und sie sich nun immer stärker zu Wort melden. Natürlich hoffe ich, dass der Nachfolger von Franziskus zu diesen Themen ebenso stark Stellung beziehen wird. Ich wünsche mir, dass Franziskus’ programmatische Weichenstellungen bestehen bleiben und der von ihm eingeschlagene Weg weiterverfolgt wird.
Was für einen Nachfolger auf dem Heiligen Stuhl wünschen Sie sich?
Lack: In Bezug auf die globale Gerechtigkeit und die für Hilfswerke zentralen Themen wünsche ich mir einen nächsten Bischof von Rom, der sich mit diesen Anliegen identifiziert und sie weiter vorantreibt. Das ist für Hunderte von Millionen Menschen in dieser Zeit wichtig und auch von grosser Bedeutung für die Kirche weltweit. Persönlich wünsche ich mir auch jemanden, der in Bezug auf kirchliche Themen wie Synodaler Prozess, Sexualmoral, Frauenordination und vor allem in Bezug auf die tiefgreifende und nachhaltige Aufarbeitung der Missbrauchsthematik entschieden vorgeht.
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