Pascal Desthieux, Rektor der Basilika Notre-Dame in Genf.
Schweiz

Pascal Desthieux: «In Notre-Dame von Genf werden wichtige Ereignisse im Leben der Kirche und der Welt gefeiert»

Die Basilika Notre-Dame von Genf ist die erste katholische Kirche, die nach der Reformation in der Cité de Calvin gebaut wurde. «Genfer Katholikinnen und Katholiken haben zwei Pfarreien: ihre eigene und diejenige der Basilika», sagt Rektor Pascal Desthieux. Ihnen hat Papst Pius IX. 1859 die Marienstatue Notre-Dame de Genève geschenkt. Ein Beitrag der Serie über «Basilicae minores» in der Schweiz.

Barbara Ludwig

Warum hat der Papst 1954 der Kirche Notre-Dame in Genf den Ehrentitel «Basilica minor» verliehen und warum genau zu diesem Zeitpunkt?

Pascal Desthieux*: Notre-Dame ist die erste (katholische, d.Red.) Kirche, die nach der Reformation in Genf gebaut wurde. Sie ist die Referenzkirche für die Katholikinnen und Katholiken in dieser Stadt. Aus diesem Grund hat François Charrière den Antrag gestellt, das Gotteshaus solle zur Basilica minor erhoben werden. Charrière war damals Bischof von Lausanne, Genf und Freiburg.

«Die Auszeichnung unterstreicht die Verbundenheit mit dem Heiligen Stuhl.»

Papst Pius XII. verlieh den Titel anlässlich des 100. Jahrestags der Verkündung des Dogmas der Unbefleckten Empfängnis durch ein am 4. August 1954 unterzeichnetes Reskript. Dieses wurde am 5. Dezember vom Diözesanbischof in Anwesenheit des Apostolischen Nuntius Gustavo Testa und der Bischöfe von Sitten und Annecy sowie der zivilen Behörden öffentlich bekannt gemacht. Die Auszeichnung unterstreicht die Verbundenheit von Notre-Dame mit dem Heiligen Stuhl und allen Basiliken der Weltkirche.

Basilika Notre-Dame von Genf.
Basilika Notre-Dame von Genf.

Welche Aufgabe erfüllt die Kirche heute in Ihrer Region?

Desthieux: Für die Genfer ist die Basilika Notre-Dame ihre «Kathedrale», die zentrale Kirche des Kantons, in der wichtige Ereignisse im Leben der Kirche und in der Welt gefeiert werden – etwa die Begrüssung des neuen Bischofs, die Chrisam-Messe oder ein Gebet nach Terroranschlägen.

«An einem gewöhnlichen Wochenende nehmen etwa 2000 Menschen an Sonntagsmessen teil.»

Wie viele Menschen kommen denn am Sonntag zum Gottesdienst in die Kirche?

Desthieux: Jedes Wochenende werden sieben Sonntagsmessen in der Basilika gefeiert: Am Samstag um 18.30 Uhr, am Sonntag 8.30 Uhr, 10 Uhr, 11.30 Uhr, 17 Uhr , 19 Uhr (in englischer Sprache) und 20.30 Uhr. An einem gewöhnlichen Wochenende ohne besondere Feiertage nehmen etwa 2000 Menschen an den Sonntagsmessen teil.

Durch welche stilistische Eigenheit fällt diese Kirche auf? Oder durch welche andere Besonderheit?

Die Marienstatue in Notre-Dame von Genf ist ein Geschenk von Papst Pius IX..
Die Marienstatue in Notre-Dame von Genf ist ein Geschenk von Papst Pius IX..

Desthieux: Die Basilika wurde zwischen 1851 und 1859 im neugotischen Stil unter der Leitung des Architekten Alexandre-Charles Grigny und des Genfer Baumeisters Jean-Marie Gignoux erbaut. Seit 1859 beherbergt sie die Statue Notre-Dame de Genève, ein Werk von Guiseppe Forzani geschaffen, das Papst Pius IX. den Katholiken in Genf schenkte.

In der Basilika gibt es sehr viele Kunstwerke wie Kapitelle und Statuen von Xavier Sartorio, Gemälde von Jérémy und Joseph Falquet und Glasfenster von Alexandre Cingria, Maurice Denis und Théodore Strawinski. Das liturgische Mobiliar ist ein Werk des Genfer Künstlers Jean-Michel Bouchardy.

Was verbindet Sie persönlich mit dieser Kirche?

Desthieux: Man sagt, dass die Genfer Katholikinnen und Katholiken zwei Pfarreien haben: ihre eigene und diejenige der Basilika. Seit meiner Kindheit im Stadtteil Eaux-Vives bin ich immer gerne in die Basilika gekommen. Als Bischofsvikar von Genf (2016-2022) kam ich jeden Mittwochabend gerne hierher, um die Messe zu feiern, ebenso wie an einigen grossen Feiertagen.

«Aufgrund der zentralen Lage kommt es zu Diebstählen, Sachbeschädigungen, Drogenkonsum.»

Was gefällt Ihnen überhaupt nicht an der Kirche?

Desthieux: Dass es aufgrund ihrer zentralen Lage unweit des Bahnhofs zu negativen Begleiterscheinungen kommt: Zu Diebstählen, Sachbeschädigungen, Drogenkonsum. Im Sommer kommt es vor, dass Menschen rund um die Basilika ihr Lager aufschlagen.

Bekam die Basilika Notre-Dame schon einmal Besuch von einem Papst?

Desthieux: Nein.

*Pascal Desthieux (54) ist Rektor der Basilika Notre-Dame in Genf.

Das Interview wurde schriftlich geführt.

«Basilica minor»: Zwölf Schweizer Kirchen haben den Titel

«Basilica minor» – kleine Basilika – ist ein Ehrentitel für eine Kirche, der seit dem 19. Jahrhundert an bestimmte Kirchen verliehen wird. Von diesen kleinen Basiliken unterscheiden sich die «basilicae majores». Bekannt sind vor allem die grossen Basiliken in Rom: die Erzbasilika Sankt Johannes in Lateran, Sankt Paul vor den Mauern, Santa Maria Maggiore und der Petersdom. In der Schweiz gibt es zwölf kleine Basiliken. Bei den meisten davon handelt es sich um Wallfahrts- und Zentrumskirchen, nicht zuletzt in reformierten Kantonen.

Der Titel «basilica minor» wird vom Papst verliehen, um eine bedeutende Kirche zu ehren. Sei es aus historischen Gründen oder aus pastoralen Gründen, zum Beispiel um ein Glaubenszentrum zu fördern. Der Ehrentitel soll auch die enge Verbindung zum Papst betonen. Nach der Verleihung des Titels können die Kirchen und Fahnen einer basilica minor die gekreuzten Schlüssel des Papstwappens tragen. Früher übliche Insignien wie der gelb-rote Seidenschirm (Padiglione) und eine liturgische Glocke (Tintinnabulum) sind heute nicht mehr obligatorisch.

Die zwölf kleinen Basiliken in der Schweiz sind: Wallfahrtskirche Madonna del Sasso oberhalb von Locarno, Pfarrkirche Sacro Cuore in Lugano, Klosterkirche Mariastein in Metzerlen SO, Notre-Dame in Freiburg, Klosterkirche der Abtei Saint-Maurice VS, Dreifaltigkeitskirche in Bern, Notre-Dame in Genf, Notre-Dame du Valentin in Lausanne, ehemalige Klosterkirche St. Ulrich und St. Afra in Kreuzlingen TG, Notre-Dame de l’Asomption in Neuenburg, Notre-Dame de Valère in Sitten, Santa Maria dei miracoli in Morbio inferiore. (bal)

 

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Pascal Desthieux, Rektor der Basilika Notre-Dame in Genf. | © Annalena Müller
28. Juli 2024 | 17:00
Lesezeit : ca. 3  Min.
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