Ordensfrauen wappnen sich für Zeit ohne Priester
Zürich, 31.10.18 (kath.ch) Seit etwa 100 Jahren feiern Ordensfrauen täglich Eucharistie. Doch diese Tradition ist bedroht, denn es gibt immer weniger Priester. Weibliche Ordensgemeinschaften interessieren sich deshalb für andere Formen des Feierns. Zum Teil organisieren sie sich eine liturgische Fortbildung. Was noch nicht heisst, dass sie die neuen Formen sofort einführen.
Barbara Ludwig
2014 klopfte erstmals eine Frauengemeinschaft bei Gunda Brüske an. Seither hat sie vier liturgische Fortbildungen für Frauenklöster angeboten. Immer auf Anfrage, wie die Co-Leiterin des Liturgischen Instituts der deutschsprachigen Schweiz sagt. Eine fünfte Weiterbildung steht im kommenden Jahr an.
«In absehbarer Zeit werden wir keine tägliche Messe mehr haben.»
Im vergangenen Februar holten die Schweizer Ursulinen Gunda Brüske in ihr Mutterhaus in Brig. Noch habe man «das Glück», jeden Tag in der Gemeinschaft Eucharistie feiern zu können, sagt Petra Marzetta, Mitglied der Provinzleitung der Gemeinschaft. Doch das wird ein Ende haben.
«In absehbarer Zeit werden wir keine tägliche Messe mehr haben», so die Ordensfrau, die innerhalb der Gemeinschaft für die Liturgie zuständig ist. Die beiden Priester, die mit den Schwestern Eucharistie feiern, sind betagt. Wenn sie ausfallen, ist die Chance auf einen Ersatz gleich null.
Diese Situation hat Petra Marzetta veranlasst, bei der Ordensleitung für eine Fortbildung in Liturgie zu werben. «Ich fand, wir sollten frühzeitig darüber informiert sein, wie eine Wort-Gottes-Feier abläuft, und uns darauf einstimmen.»
Alternativen zur Eucharistiefeier
Gunda Brüske bestätigt, dass die Nachfrage nach den Kursen bei ihr mit dem Priestermangel zu tun habe. An Sonntagen vielleicht werde den Frauengemeinschaften künftig noch ein Priester zur Verfügung stehen. An Wochentagen könne es schwierig werden. Dann stelle sich die Frage, wie man unter der Woche ohne Priester feiern könne. «Grosse Gemeinschaften können nicht einfach die Messe in der nächstgelegenen Pfarrkirche besuchen. Auch für alte Schwestern im Rollstuhl ist das nicht möglich.» Also brauche es andere Lösungen.
Die Liturgieexpertin arbeitet mit Frauengemeinschaften, die sich mit anderen Formen des Gottesdienstes auseinandersetzen wollen, etwa mit der Wort-Gottes-Feier, für die es keinen Priester braucht. Dabei gehe sie stets von den Bedürfnissen der jeweiligen Gemeinschaft aus, erklärt Brüske.
Nicht alle Gemeinschaften sind gleich weit
Diese sind unterschiedlich. Denn einige Gemeinschaften hatten bereits vor der Fortbildung Erfahrung mit anderen Feierformen, andere nicht. Zu letzteren gehören die Ursulinen. Nicht aber die Menzinger Schwestern, die 2015 eine Fortbildung bei Gunda Brüske organisierten. Diese feiern «wegen des Priestermangels» bereits seit Ende der 1990er Jahre ein bis zwei Mal pro Woche eine Wort-Gottes-Feier, die sie selber gestalten, wie Ursula Maria Niedermann, Mitglied in der Provinzleitung, sagt. Immer mit Kommunionspendung.
Auch die Schwestern des Klosters Heiligkreuz im zugerischen Cham, die 2019 bei einer Fortbildung für alle Schweizer Benediktinerinnen mitmachen, haben schon erste Erfahrungen mit der Wort-Gottes-Feier. «Einmal pro Monat gibt es eine Wort-Gottes-Feier als ordentlichen Gemeinschaftsgottesdienst. Dabei wird auch die Kommunion gespendet», sagt Mattia Fähndrich.
Unterschiedliche Ziele
So wie die Ausgangslage unterschiedlich ist, kann auch das Ziel, das eine Gemeinschaft mit Hilfe einer Fortbildung erreichen will, verschieden sein. Die Menzinger Schwestern etwa wollten mit dem Kurs die – bislang fehlende – Akzeptanz von Wort-Gottes-Feiern ohne Kommunionspendung steigern, sagt Ursula Maria Niedermann. «Mit dem Kurs wollten wir zeigen, dass Wort-Gottes-Feiern ohne Kommunionspendung nicht weniger wert sind als Eucharistiefeiern.»
Funktioniert hat das nicht. Seit der Fortbildung habe sich an der liturgischen Praxis der Gemeinschaft nichts verändert, so Niedermann. «Würde man auf Feiern ohne Kommunionspendung beharren, gäbe es grosse Spannungen unter den Schwestern.» Eine Mehrheit von ihnen akzeptiere diese Feier nicht. Wort-Gottes-Feiern mit Kommunionspendung seien hingegen akzeptiert.Alte und Junge ticken nicht gleich
Ursula Maria Niedermann sagt, das Thema sei stark mit Emotionen verbunden. Sie führt die Ablehnung von Feiern ohne Kommunionspendung vor allem auf das hohe Alter der meisten Schwestern zurück, der Altersdurchschnitt betrage 82 Jahre. «Die betagten Schwestern feierten ein Leben lang jeden Tag Eucharistie.» Der Gemeinschaft sei es deshalb wichtig, dass insbesondere die Schwestern im Pflegeheim die Messe feiern können. Das sei dort prioritär. «Denn das gibt ihnen Heimat.»
Jüngere Schwestern zwischen 60 und 75 könnten sich hingegen mit einer reinen Wort-Gottes-Feier ohne Kommunionspendung einverstanden erklären, glaubt Niedermann. Allerdings sei es auch eine Sache der Einstellung, fügte die Menzinger Schwester hinzu.
Auch wenn man mit Mattia Fähndrich spricht, bekommt man den Eindruck, die jüngere Generation sei offener gegenüber anderen liturgischen Formen. Die 56-Jährige Theologin organisiert in Zusammenarbeit mit Gunda Brüske die kommende Fortbildung für die Benediktinerinnen.
«Hilfreich wäre, über Ängste ins Gespräch zu kommen.»
«Die Tatsache, dass die katholische Kirche das Wort Gottes über Jahrhunderte eher in den Hintergrund stellte, führte ein Stück weit auch zu einer Verarmung», meint sie. Und leider sei die mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil verbundene neue Wertschätzung für das Wort Gottes bei den Ordensgemeinschaften nicht immer zur Kenntnis genommen worden.
Von der Fortbildung im kommenden Jahr erhoffe man sich «Impulse und Erfahrungen für die Gestaltung von Liturgien in Frauengemeinschaften», so Fähndrich. Und sie ergänzt: «Hilfreich wäre auch, über Neuerungen im liturgischen Verständnis und über Ängste und Unsicherheiten ins Gespräch zu kommen.»
«Es hat keinen Sinn, dass man die Schwestern im Alter noch frustriert.»
Auch die Ursulinen haben das Wissen aus der Fortbildung bislang nicht in die Praxis umgesetzt. Dies, weil die beiden Priester noch da seien und sich bemühten, immer die Messe anzubieten, erklärt Petra Marzetta, die den Kurs an sich durchaus geschätzt hat. «Da mache ich natürlich nicht Konkurrenz mit einer Wort-Gottes-Feier.» Die erste und bislang einzige Wort-Gottes-Feier im Kloster in Brig fand im Rahmen des Fortbildung mit Gunda Brüske statt, wie die Ursulinen-Schwester freimütig zugibt.
Marzetta vermutet, dass – wenn ihre Gemeinschaft dereinst «auf die Wort-Gottes-Feier ausweichen muss» – die Variante mit Kommunionspendung praktiziert wird. «Dass man kommuniziert, ist bei uns eine Gewohnheit. Es hat keinen Sinn, dass man die Schwestern im Alter noch frustriert und verletzt, indem man ihnen den Kommunionempfang vorenthält.»
Expertin will Chancen aufzeigen
Gunda Brüske hat Verständnis für die Ordensfrauen. «Insbesondere für ältere Schwestern ist es ein Einschnitt, wenn sie nicht mehr täglich Eucharistie feiern können.» Die tägliche Eucharistie und die tägliche Kommunion wurden insbesondere nach 1905, als Papst Pius X. ein entsprechendes Dekret erliess, Bestandteil der Spiritualität vieler Frauengemeinschaften, weiss die Expertin. In den Kursen zeigt sie in einem historischen Überblick auf, dass im Verlauf der Geschichte auch in Klöstern nicht täglich kommuniziert wurde.
In ihren Kursen wolle sie den Ordensfrauen die Angst nehmen und neue Möglichkeiten der liturgischen Gestaltung aufzeigen, sagt Gunda Brüske. Darin liege auch eine Chance. «Ich möchte den Schwestern zeigen, dass auch etwas Neues anfangen kann, wenn etwas zu Ende geht. Die Christus-Begegnung ist auch im Wort der Schrift möglich.»
Eucharistiefeier und Wort-Gottes-Feier
Die Eucharistie ist ein Sakrament und zentraler Teil der Liturgie der katholischen Kirche. Die Eucharistiefeier wird auch als Messe bezeichnet. Sie folgt auf den Wortgottesdienst (Lesungen aus der Bibel, Predigt). In der Feier der Eucharistie, der immer ein Priester vorsteht, wird an das letzte Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern erinnert. Mit dem vom Priester gesprochenen Hochgebet werden und bleiben Leib und Blut Jesu in den Hostien und im Wein für die Gläubigen sakramental gegenwärtig.
Wo für Gottesdienste keine Priester zur Verfügung stehen, kann eine Wort-Gottes-Feier gehalten werden. Diese kann mit oder ohne Kommunionspendung stattfinden. Bei der Kommunionspendung werden den Gläubigen Hostien gereicht, die in einer früheren Eucharistiefeier geweiht (konsekriert) und danach im Tabernakel aufbewahrt wurden. (ms)
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