Von links: Christoph Sigrist, Josef Annen, Barbara Schmid-Federer; Michel Müller, Irene Gysel | © Vera Rüttimann
Schweiz
Von links: Christoph Sigrist, Josef Annen, Barbara Schmid-Federer; Michel Müller, Irene Gysel | © Vera Rüttimann

Ökumenischer Brückenschlag bei «Disputation» in der Liebfrauenkirche

Zürich, 12.7.17 (kath.ch) Im Pfarreizentrum Liebfrauen in Zürich wurde aus Anlass des Reformationsjubiläums eine erste «Disputation» ausgetragen. Auf dem Podium kam es zwischen alt Kirchenrätin Irene Gysel, Nationalrätin Barbara Schmid-Federer, Generalvikar Josef Annen und Kirchenratspräsident Michel Müller zu einem ökumenischen Brückenschlag.

Vera Rüttimann

Der Saal im Gemeindezentrum Liebfrauen platzte aus allen Nähten, als Christoph Sigrist am Dienstag seine prominenten Gäste auf das Podium zur ersten von drei «Zürcher Disputationen» bitten konnte. Auf seine Initiative fand an diesem Abend ein «ökumenischer Brückenschlag» statt, dem sich gut gelaunte Gäste der Diskussion stellten.

Reibung und Befruchtung

Gemeinsam mit dem Zürcher Münsterpfarrer und Botschafter des Reformationsjubiläums, der als Moderator immer wieder lustvoll nachhakte, widmeten sie sich zusammen mit dem Publikum dem Verbindenden und Trennenden zwischen Katholiken und Reformierten. Es gab genügend Stoff, denn in Zürich bedeutet katholisches Leben in reformiert geprägter Umgebung sowohl Reibung, wie gegenseitige ökumenische Befruchtung.

Münster-Pfarrer Christoph Sigrist | © Vera Rüttimann

In einer ersten Runde ging es um die Frage, in welchem konfessionellen Umfeld die Beteiligten aufgewachsen sind und wie sie die Berührung mit der jeweils anderen Konfession erlebt haben.

Biographie legt den Ökumene-Grund

Die Besucher im Pfarreizentrum Liebfrauen erhielten Einblick in spannende Biographien: Irene Gysel, alt Kirchenrätin in Zürich und Präsidentin der Stiftung Evangelische Gesellschaft des Kantons Zürich, kam unter anderem über die ökumenische Frauenbewegung mit Katholiken in Kontakt. Dies war der Ort, an dem sie intensiv über katholische Glaubenssätze und Dogmen diskutierte und stritt. Michel Müller, seit 2011 Kirchenratspräsident der Evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich, kam als Kind in Allschwil mit der christkatholischen Kirche in Berührung. Er sagte: «Ich habe früh gesehen, dass es verschiedene Katholiken gibt.»

Die CVP-Politikerin Barbara Schmid-Federer konnte zwei verschiedene Erfahrungen mit der reformierten Kirche aus ihrem Leben erzählen: «Ich bin am Züriberg aufgewachsen und habe dort früh gemerkt: Wir Katholiken sind eine Minderheit. Wir haben in einer Kontrastgesellschaft gelebt. In den 1970er-Jahren haben meine Eltern Anschluss gesucht bei katholischen Vereinen.»

Kreuze und Maria als fixe Trennung

Josef Annen, Generalvikar für Zürich und Glarus im Bistum Chur, wuchs in Küssnacht am Rigi in der Innerschweiz auf. Als er Pfarrer in Winterthur wurde, lud ihn der reformierte Pfarrer zu einem Besuch an seinen Arbeitsort ein. Annen schilderte dies so: «Mein reformierter Kollege sagte mir: ‹Ich bin froh, dass in dieser Kirche kein Kreuz hängt.› Ich ging zurück auf die andere Seite des Bahnhofs in unsere Kirche St. Peter und Paul und sagte mir: ‹Bin ich froh, dass in unserer Kirche ein Kreuz hängt.›»

Josef Annen, Generalvikar | © Vera Rüttimann

In einem zweiten Block verhandelte Moderator Christoph Sigrist mit viel Verve das Trennende zwischen beiden Konfessionen. Schnell stellte sich heraus: Es sind katholische Dogmen wie die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel. Irene Gysel vermerkte, sie könne solche lehramtlichen Aussagen «nur als Bilder akzeptieren, nicht aber als persönliche Glaubenssätze».

In der Dogmen-Frage wogte die Diskussion hin und her.

Die alt Kirchenrätin ist froh, dass die reformierte Kirche im Kanton Zürich im 19. Jahrhundert den Zwang, das Glaubensbekenntnis vorzutragen, aufgehoben hat. Barbara Schmid-Federer sieht im Glaubensbekenntnis keinen Zwang, eher eine «Richtlinie».

Michel Müller hielt dagegen: «Werden Dogmen nicht anerkannt, kann das konkrete kirchenrechtliche Auswirkungen für Personen im Kirchendienst nach sich ziehen.» – In der Dogmen-Frage wogte die Diskussion dann auch hin und her, während Christoph Sigrist das Schiff verbal durch alle Klippen steuerte.

Was Zürcher Katholiken auszeichnet

In einem dritten Block ging es um die Frage: Was zeichnet Zürcher Katholiken in ihrem Wesen aus? Für Barbara Schmid-Federer ist es der Gottesdienst, der in Zürich jedoch durch das reformierte Umfeld betont nüchtern daher komme. Zudem habe man in der Limmatstadt vielerorts Prozessionen abgeschafft, die in Regionen wie der Innerschweiz feste Tradition seien.

Generalvikar Josef Annen fühlt sich als Innerschweizer in Zürich sehr wohl. Er spürt einen grossen Zusammenhalt unter den hiesigen Katholiken. Er schilderte: «Die Leute sind aus einer inneren Entscheidung heraus dabei. Wenn ich zu Hause in Küssnacht bin, gehen viele Leute aus alter Tradition in den Sonntagsgottesdienst.» In Zürich gebe es zwar weniger gepflegtes katholisches Brauchtum, dafür Gläubige in 22 Missionen, die aus ihren Ländern Brauchtum hierher bringen würden.

Reformiert-sein hört gefühlsmässig bei der nächsten Kirchgemeinde auf.

Einen weiteren interessanten Aspekt brachte Michel Müller ein: Der reformierte Pfarrer betonte, dass sich Katholiken stärker als Teil einer Weltkirche fühlen, als Reformierte. Er sagte: «Bei uns hört gefühlsmässig reformiert-sein oftmals bei der nächsten Kirchgemeinde auf.»

Das Gemeinsame suchen und verstärken

Für die Teilnehmer auf dem Podium besteht die grösste Herausforderung nicht mehr im Trennenden zwischen Reformierten und Katholiken, sondern im Umstand, bald Minderheit inmitten eines Heers von Konfessionslosen zu sein. Deshalb, so der Tenor, müsse verstärkt das Gemeinsame betont und in der Praxis gelebt werden.

Michel Müller, Kirchenratspräsident; Irene Gysel, alt Kirchenrätin und Präsidentin der Stiftung Evangelische Gesellschaft | © Vera Rüttimann

Irene Gysel beobachtet, dass es in Zürich mittlerweile viele Leute gebe, die sagen, dass sie «irgendwie zu beiden Kirchen gehören». Für die alt Kirchenrätin ist es jedoch unerlässlich, dass die beiden Konfessionen in Glaubensfragen verstärkt zu einer gemeinsamen Sprache kommen müssen.

Viele Leute gehören irgendwie zu beiden Kirchen.

Gysel hat deshalb einen Traum: «Es wäre schön, wenn in der St.-Anna-Kapelle in Zürich einmal im Monat ein ökumenischer Gottesdienst stattfinden könnte. Mit einer schönen ökumenischen Liturgie, wo der ganze Reichtum der katholischen Kirche zum Tragen kommt. Dazu eine kritische und gute Predigt, die vom Wesentlichen spricht, was das Christentum ausmacht.»

Anbetung Jesu in der Liebfrauenkirche Zürich | © Regula Pfeifer
Anbetung Jesu in der Liebfrauenkirche Zürich | © Regula Pfeifer
Gottfried Locher und Felix Gmür an der ökumenischen Gedenkfeier | © Sibylle Kathriner
Gottfried Locher und Felix Gmür an der ökumenischen Gedenkfeier | © Sibylle Kathriner
Vorbereitung für Reformationsanlass in Zürcher Hauptbahnhof | © Vera Rüttimann
Vorbereitung für Reformationsanlass in Zürcher Hauptbahnhof | © Vera Rüttimann
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