Nicola Neider: «Ich verstehe mich als Anwältin für geflüchtete Menschen»
Die Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus hat Nicola Neider mit einem Preis geehrt. Im Podcast «Laut + Leis» spricht die Theologin über ihr Engagement für Flüchtlinge und Sans-Papiers und über die Asylpolitik.
Sandra Leis
Sie leitet seit 16 Jahren den Fachbereich Migration und Integration der Katholischen Kirche Stadt Luzern und präsidiert eine Beratungsstelle für Sans-Papiers. Zudem arbeitet sie einmal pro Woche als Seelsorgerin im Bundesasylzentrum auf dem Glaubenberg ob Sarnen.
Auf die Frage, was sie antreibt, sagt Nicola Neider: «Mich treibt ein Gerechtigkeitssinn an sowie ein Interesse und eine Liebe zu den Menschen, die hier fremd sind.» Oder anders ausgedrückt: «Ich verstehe mich als Anwältin für geflüchtete Menschen.»
Eigene Ressourcen aktivieren
Gleichzeitig betont sie: «Was ich überhaupt nicht schätze, ist die Haltung, wenn jemand kommt und sagt: Helft mir. Da frage ich, was kannst du selber tun?»
Als Seelsorgerin habe sie das Privileg, im Gespräch zu sein und nicht ein Ziel erreichen zu müssen. «Doch ich versuche stets, die eigenen Ressourcen der Person zu aktivieren und sie zu unterstützen, kleine Schritte zu gehen.»
«Sans-Papiers sind nicht gesellschaftsfähig»
Kürzlich hat die Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus Nicola Neider mit dem Fischhof-Preis geehrt. Die Auszeichnung habe sie überrascht – vor allem mit Blick auf die Menschen ohne Aufenthaltsbewilligung.
«Denn Sans-Papiers sind nicht gesellschaftsfähig», und auch das Engagement für sie werde oft sehr kritisch beäugt. «Deshalb hat es mich riesig gefreut, dass eine so grosse Stiftung ein solches Engagement würdigt.» Das Preisgeld von CHF 50’000 teilt sie sich mit Mitte-Ständerätin Marianne Binder und alt Nationalrat Angelo Barrile.
Gibt die Kirche Sans-Papiers Tipps?
Bei der Gründung des Vereins Kontakt- und Beratungsstelle für Sans-Papiers gab’s Gegenwind. Denn Sans-Papiers müssen die Schweiz eigentlich verlassen. Deshalb haben kritische Stimmen gesagt, der Verein sabotiere die Arbeit der Politik, und die katholische Kirche gebe Sans-Papiers Tipps, wie sie im Land bleiben können.
Dazu sagt Neider: «Als Verein machen wir nichts, was gesetzlich nicht erlaubt ist.» Hilfe geholt hat sich der Verein bei der Migrationsrechtsprofessorin Martina Caroni, die in Luzern lehrt. Sie hat eine Art Handbuch erstellt und zeigt darin auf, was auf Basis der Grundrechte möglich ist. «Mit diesem Handbuch haben wir Kritiker überzeugen können.»
Die Frau aus Guinea
Eine zweite Strategie sei das Erzählen von konkreten Geschichten. Neider nennt als Beispiel eine Frau aus Guinea, die mit ihren drei Töchtern in die Schweiz geflüchtet ist vor Genitalverstümmelung und Zwangsheirat.
Laut Gesetz des Staates Guinea ist beides verboten. «Die Haltung der Schweiz ist es, wenn das gesetzlich so festgeschrieben ist, dann kann die Frau sich an die dortige Polizei wenden. Deshalb sollte sie zurückkehren», sagt Nicola Neider.
Sie wurde gemeinsam mit anderen Kirchenverantwortlichen beim damaligen Luzerner Justizdirektor vorstellig und stiess zunächst auf Ablehnung. «Doch auf einmal rührte sich etwas in seinem Gesicht, und er fragte seinen Berater, ob man denn da gar nichts machen könne.»
Thierry Burkart und das Staatssekretariat für Migration
Asylpolitik ist ein hoch emotionales Thema. Mario Gattiker, ehemaliger Asylchef des Bundes, sagte kürzlich im «Tagesgespräch» von Radio SRF: «Unser Asylsystem hat zu grosse Anziehungskraft.»
Das findet auch FDP-Präsident Thierry Burkart: Seine Empörung über den Instagram-Auftritt des Staatssekretariats für Migration (SEM) gipfelte im Satz: «Das SEM verbreitet einen Werbeprospekt.» Zu sehen sind Fotos von Jugendlichen, die im Alpstein-Gebiet wandern. Zudem wird erklärt, wie man ein Asylgesuch einreicht.
Die Grenzen des Asylsystems
Darauf angesprochen, sagt Neider: «Ich finde es viel besser, ein Bild zu zeigen von wandernden Jugendlichen als von konsumierenden Jugendlichen. Das wäre ein falsches Signal.» Natürlich könne man auch ein PDF auf die Website des SEM stellen. Nur lese das kaum jemand. Deshalb sei es zielführender, auf Instagram über die Aufnahmekriterien zu informieren.
Trotzdem hat das Schweizer Asylsystem seine Grenzen. Dem stimmt auch Nicola Neider zu und verweist auf die Pendenzenberge auf Bundesebene. Doch sie plädiert nicht für Abschottung, sondern fordert zusätzliche Zugangswege legaler Art. Damit soll Menschen ermöglicht werden, in die Schweiz zu kommen und sich hier ein neues Leben aufzubauen.
Resettlement-Programm auf Eis gelegt
Als Beispiel nennt sie das offizielle Resettlement-Programm, das nicht über das Asylsystem funktioniert: «Die Schweiz hat zugesichert, alle zwei Jahre 1600 Personen direkt aus Flüchtlingslagern in die Schweiz zu evakuieren.» Zurzeit ist dieses Programm wegen der Flüchtlinge aus der Ukraine auf Eis gelegt, was Nicola Neider kritisiert.
Hier geht es zur › Bestellung einzelner Beiträge von kath.ch.




