Neue Orgel in Baar geplant: «Kirchenrat misst Musik hohes Gewicht bei, um Pfarreileben attraktiv zu gestalten»
Eine Emporenorgel für knapp 2 Millionen Franken will die katholische Kirchgemeinde Baar für die Pfarrkirche St. Martin anschaffen. Ein teures Projekt. Anscheinend haben sich Reparatur- und Wartungsarbeiten der gut 60-jährigen Orgel in den letzten Jahren gehäuft. Zudem sei die Orgel im Grunde zu klein angelegt für den grossen Kirchenraum – der Menschen auch durch Konzerte erfreuen soll, wie Kirchenratspräsident Thomas Inglin im Interview versichert.
Wolfgang Holz
Herr Inglin, an der kommenden Kirchgemeindeversammlung vom 24. Juni beantragt der Kirchenrat einen Kredit für den Bau einer neuen Emporenorgel in Höhe von 1,938 Millionen Franken. Hat die katholische Kirchgemeinde Baar so viel Geld auf der hohen Kante – angesichts zunehmender Kirchenaustritte und damit zurückgehender Kirchensteuern?
Thomas Inglin: Die Finanzlage der Katholischen Kirchgemeinde Baar ist gesund. Der Kirchenrat steht mit den zur Verfügung stehenden Mitteln verantwortungsbewusst um. Die Ausgaben für die neue Emporenorgel in der Pfarrkirche St. Martin sind Teil der langfristigen Investitionsplanung.
Das Projekt wurde nun über mehrere Jahre hinweg sorgfältig entwickelt und geplant. Die Bereitstellung der dafür notwendigen finanziellen Mittel gehört zu dieser Planung dazu. Zum verantwortungsvollen Umgang mit den finanziellen Ressourcen zählt auch, dass praktisch das gesamte Pfeifenwerk der alten Orgel im neuen Instrument wiederverwendet wird, was dem Gedanken der Nachhaltigkeit Rechnung trägt.
Eine neue Emporenorgel ist sicher eine schöne Sache. Als regelmässiger Kirchgänger ist mir allerdings noch nicht aufgefallen, dass die jetzige Orgel schwerwiegende klangliche Defizite aufweist. Will die Kirchgemeinde Baar die St. Martinskirche etwa zu einem Konzertsaal umnutzen, um neues Publikum anzuziehen?
Inglin: Die aktuelle Emporenorgel besteht seit 60 Jahren. Altersbedingt nimmt seit einigen Jahren der Aufwand für die Wartung und den Unterhalt des Instruments laufend zu. Der Kirchenrat hat auch eine Generalrevision geprüft. Eine solche würde ebenfalls viel Geld kosten. Dabei könnten aber die bestehenden konstruktiven Mängel der Orgel nicht behoben werden.
Was meinen Sie damit konkret?
Inglin: Namentlich verhindert die heutige Positionierung der Orgelprospekte die optimale Verbreitung des Klangs im Raum. Auch führte ein früherer Umbau der Orgel dazu, dass das Klangerlebnis zusätzlich vermindert wurde. Diese Mängel werden durch den Neubau behoben. Die Pfarrkirche St. Martin verfügt tatsächlich über herausragende akustische Eigenschaften. Ein solcher Raum verdient ein Instrument, das seine Möglichkeiten zum Tragen bringt.
«Es steht fest, dass Gottesdienste mit besonderer Musikbegleitung, sei es eine klassische Musik- oder eine Jodelmesse viele Leute anzieht und begeistert.»
Die Orgel dient in erster Linie der Begleitung liturgischer Feiern. Die Kirchgängerinnen und Kirchgänger werden den klanglichen Unterschied mit der Inbetriebnahme der neuen Orgel feststellen und zu schätzen wissen. Und es ist aber bestimmt auch nicht falsch, Menschen durch Konzerte auf einem schönen Instrument in einem zu diesem Zweck hochgeschätzten Kirchenraum zu erfreuen.
Trotzdem: Sind knapp zwei Millionen Franken für eine Orgel inklusive Einbau nicht etwas viel Geld angesichts des immer spärlicher werdenden Gottesdienstbesuchs der Gläubigen? Meiner Schätzung nach besuchen beispielsweise den 10.45 Uhr-Gottesdienst am Sonntag im Schnitt maximal 50-70 Personen – in einer Kirche die rund 700 Personen fasst.
Inglin: Der Kirchenrat misst der Musik ein hohes Gewicht bei, um das Pfarreileben attraktiv zu gestalten. Es steht fest, dass Gottesdienste mit besonderer Musikbegleitung, sei es eine klassische Musik- oder eine Jodelmesse viele Leute anzieht und begeistert. Eine neue Emporenorgel wird wesentlich dazu beitragen, die Kirchenmusik in der Pfarrei neu zu beleben. So gesehen ist die Investition in eine neue Kirchenorgel auch in der heutigen Zeit richtig und wichtig.
Es kommt hinzu, dass die Pfarrei St. Martin auch ausserhalb der Gottesdienste Plattformen nutzt, um durch Kirchenmusik Menschen anzuziehen und spirituell zu bereichern. Zu nennen seien hierbei etwa die jährlich durchgeführte Orgelnacht, die sich zunehmender Beliebtheit erfreut oder die im Zweijahresturnus stattfindende lange Nacht der Kirchen.
Gäbe es in der Kirchgemeinde Baar angesichts der teuren Lebenshaltungskosten und des zusehends verarmenden, unteren Mittelstands nicht soziale Projekte und Massnahmen, um Notleidende zu fördern? Etwa durch einen zweiten Caritas-Lebensmittelmarkt? Oder subventionierte Wohnungen? Oder durch Notschlafmöglichkeiten – Ihnen ist vielleicht auch schon jene Frau aufgefallen, die seit Monaten obdachlos in Baar den ganzen Tag verbringt.
«Die Katholische Kirchgemeinde Baar vergibt jedes Jahr mehr als 300ʾ000 bis 400ʾ000 Franken an gemeinnützige und wohltätige Projekte im In- und Ausland.»
Inglin: Die Katholische Kirchgemeinde Baar legt seit jeher ein grosses Gewicht auf ihr soziales Engagement für benachteiligte Menschen in unserer Gesellschaft. So gehört sie seit Beginn zur Trägerschaft, die den Caritas-Markt in Baar aufgebaut hat und trägt diesen weiterhin aus Überzeugung mit. Zusammen mit der von ihr gegründeten Stiftung St. Wendelin bietet sie in Baar mehr als 100 preisgünstige Wohnungen an und sucht laufend nach Möglichkeiten, dieses Angebot auszuweiten.
Was sprechen Sie damit genau an?
Inglin: Der Sozialdienst St. Martin besteht seit über 50 Jahren und unterstützt Menschen jeder Konfession in herausfordernden Lebenslagen. Dieser Dienst wurde vor kurzem erst personell ausgebaut. Die Pfarrei St. Martin verfügt bereits über eine Notwohnung, eine Kapazitätserweiterung wird im Zuge von anstehenden Bauprojekten geprüft. Dem Verein FRW – Interkultureller Dialog, der sich stark in der Beschäftigung und Bildung von geflüchteten Menschen engagiert, stellt die Kirchgemeinde seit Jahren kostenlos und permanent Räume zur Verfügung und bietet diesem so eine wichtige Basis für sein Wirken.
Zudem vergibt die Katholische Kirchgemeinde Baar jedes Jahr mehr als 300ʾ000 bis 400ʾ000 Franken an gemeinnützige und wohltätige Projekte im In- und Ausland. Wir empfinden es nicht als zielführend, wenn man verschiedene Aufgaben der Kirchgemeinde gegeneinander ausspielt.
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