Heiliger Nektarios in «Man of God» von Yelena Popov
Religion anders

Mit dem Herzen beten – «Man of God» als filmische Heiligen-Vita

Heilige darstellen im Film: Wie geht das? Mit «Man of God» (2021) gelingt der Regisseurin Yelena Popov die Umsetzung einer filmischen Heiligen-Vita. Sie inszeniert die Geschichte des Heiligen Nektarios, der in der Ostkirche hoch verehrt wird.

Charles Martig

Es ist selten und aussergewöhnlich, dass ein Film eine herausragende Persönlichkeit aus dem orthodoxen Christentum darstellt. Der heilige Nektarios von Ägina, aus Griechenland, ist eine solche Leuchtgestalt. «Man of God» bietet im Genre des Bio-Pic, das heisst des biografischen Films, die Lebensgeschichte eines orthodoxen Geistlichen. Er wird heute an vielen Orten der Ostkirchen als Heiliger verehrt.

Zu Lebzeiten verfolgt

In seiner Lebenszeit, von 1846 bis 1920, litt Nektarios unter Verleumdung und Verfolgung. Als Priester des einfachen Volkes verärgerte seine Bescheidenheit den orthodoxen Klerus. Seine Frömmigkeit erregte Argwohn. Seine Popularität war so gross, dass er zu einer Bedrohung des Patriarchen von Alexandria in Ägypten wurde. Nektarios musste nach Griechenland in die Verbannung gehen.

Herzensgebet und Nächstenliebe sind eins

Der Leidensweg dieses Gottesmannes wird in einfachen Bildern erzählt. Mehrfach sehen wir ihn versunken im Herzensgebet. Seine spirituelle Kraft kommt in seinem alltäglichen Handeln zum Ausdruck. Nektarios kümmert sich – ganz im Sinne von Jesus – um die Armen. Er lehrt Bauernmädchen lesen und schreiben, inspiriert junge Männer zum Priesteramt und schreibt Bücher.

Ein Höhepunkt der Erzählung ist die Gründung eines Frauenklosters auf Ägina, einer kargen und einsamen Insel. Das Kloster ist heute ein wichtiger Wallfahrtsort für Pilgernde aus allen orthodoxen Kirchen. Die Ursprünge des Klosters, in einfachen Mauern und bescheidenen Lokalitäten gefilmt, wirken eher wie ein Samenkorn als ein voll ausgereifter Baum.

Zwischen heilig und profan

«Men of God» ist am Leben des Nektarios und seinem bescheidenen Auftreten interessiert. Aus den Reaktionen seines direkten Umfelds wird sichtbar, dass er sowohl Unverständnis und Ablehnung als auch hingebungsvolle Zuwendung und Begeisterung bei seinen Mitmenschen auslöst. Diese Ambivalenz des Heiligen in der profanen Welt ist das Interessante an diesem Film. Hier zeigt sich die tieferliegende Dimension, welche die Regisseurin vor allem darstellen möchte.

Nektarios auf dem Weg ins Kloster von Ägina, «Man of God» von Yelena Popov
Nektarios auf dem Weg ins Kloster von Ägina, «Man of God» von Yelena Popov

In der orthodoxen Theologie spielt die Vorstellung von der «Kenosis» eine wichtige Rolle. Mit diesem griechischen Wort ist die Selbstentäusserung Gottes in die Welt gemeint. Gott sendet seinen Sohn in die Welt und gibt sich vollständig hin. Er (oder Sie) wird Mensch und entäussert sich dadurch. Für Nektarios ist diese «Kenosis» das ideal seines Lebens. Er steht in der Nachfolge von Christus und gibt sich vollständig den Menschen hin. Er geht zu den Armen und Unterdrückten. Wenn er angegriffen wird, bietet er keinen Widerstand, sondern bietet sich selbst an. Er erträgt alles und entäussert sich vollständig in die Welt. Er lebt von der Hoffnung, dass Gott ihn auffängt. Der Film folgt in seiner Erzählung dieser kenotischen Bewegung, löst damit religiöse Gefühle aus und führt zu spirituellen Einsichten.

Spirituelle Menschen darstellen – Auf das «Wie» kommt es an!

Die Bilder des Films sind in Schwarz-Weiss und Sepia-Farben gehalten. Beim Beten zeigt die Regisseurin Yelena Popov den Nektarios zumeist aus einer mittleren Distanz und wahrt dabei die Intimsphäre des Gebets. Immer wieder spricht er die gleichen Worte, verneigt sich, wirft sich nieder. Das berühmte Herzensgebet aus der Ostkirche eignet sich sehr gut für den Film, weil es einen Menschen in Aktion zeigt. Aber auch hier widersteht die Regisseurin der Versuchung, das spirituelle Erlebnis in einer subjektiven Perspektive darzustellen.

Orthodoxer Gottesdienst aus der Sicht von Gläubigen
Orthodoxer Gottesdienst aus der Sicht von Gläubigen

Nehmen wir zum Vergleich einen neueren Film aus der Europäischen Produktion. Margarethe von Trotta hat in «Vision – Aus dem Leben der Hildegard von Bingen» (2009) den Versuch gewagt, die mystischen Erlebnisse der Hildegard in Bilder zu fassen und ist damit gescheitert. Gerade weil hier die Visionen der Hildegard dargestellt werden, werden diese verdinglicht. Das Geheimnis der Inneren Schau ist gelüftet und profanisiert.

Ebenso ist es anspruchsvoll und schwierig das spirituelle Erleben des Heiligen Niklaus von Flüe im Film darzustellen. Viele Versuche, die Visionen des Niklaus von Flüe im Film darzustellen, sind gescheitert. Es bleibt das Irritierende und Verstörende des Heiligen, der sein spirituelles Leben nicht an der Welt, sondern an Gott ausgerichtet hat. Weil das Filmbild zumeist als Abbild der Realität verstanden wird, bleibt es hinter der spirituellen Tiefendimension zurück.

Auch der Versuch, in die subjektive Perspektive des Heiligen Niklaus zu gehen und dessen spirituelles Erleben aus seiner Sicht darzustellen, führt oft an Grenzen der Nachvollziehbarkeit. Eine Ausnahme bildet dabei der Dokumentarfilm «Bruder Klaus» (1991) von Edwin Beeler. Hier sind stehende Bilder vom Turm oder vom Brunnen mit gesprochenen Texten unterlegt, die die Visionen des Heiligen darstellen und in ihrer Vieldeutigkeit respektieren.

Der Blick Gottes auf die Welt

Yelena Popov geht bei Nektarios einen anderen Weg. Sie wahrt das Geheimnis und zeigt diesen Mann Gottes in seiner Gebetspraxis. Dabei konzentriert sie sich auf das Ritual. Die Kamera bleibt auf Distanz. Jeglicher Versuch, das subjektive Erleben von Nektarios im Filmbild selbst zu zeigen bleibt aussen vor. Das gibt dem Film eine spirituelle Kraft, die bei Margarethe von Trottas «Vision» und ihrer Darstellung der historischen Persönlichkeit von Hildegard nicht vorhanden ist. Dasselbe gilt von Filmen, die sich mit dem Leben des Heiligen Niklaus von Flüe beschäftigen.

Nektarios auf dem Sterbebett in «Man of God» von Yelena Popov
Nektarios auf dem Sterbebett in «Man of God» von Yelena Popov

Immer wieder gibt es in «Man of God» einen Kamera-Blick von oben auf die Szene. Mit diesem göttlichen Blick kommentiert die Regisseurin Yelena Popov die Ereignisse. Es gibt in diesem Film eine Perspektive aus dem Himmel, die die Ereignisse auf der Erde relativieren und einordnen.

Gefäss für die göttliche Gnade

«Man of God» ist ein gelungenes Drama über das Leben des Heiligen Nektarios. Sein Leiden in der Welt und sein Glauben an Gott machen ihn zu einer kenotischen Gestalt. Nektarios entäussert sich selbst und wird zum Gefäss für die göttliche Gnade. Im Moment seines Todes verbindet er Himmel und Erde.

Der Film «Man of God» wird in der Schweiz vom 3. bis 5. September 2022 gezeigt. Er läuft in verschiedenen Städten unter anderem auch in Multiplex-Kinos.


Heiliger Nektarios in «Man of God» von Yelena Popov | © Simeon Entertainment
3. September 2022 | 05:00
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