Mutter Teresa
Schweiz

Missbrauch und Demütigungen im Orden von Mutter Teresa?

Die 2006 vom Papst heiliggesprochene Teresa von Kalkutta, auch bekannt als Mutter Teresa, ist für viele Katholikinnen und Katholiken eine Ikone der Nächstenliebe. Ihr Hilfswerk stand aber bereits mehrfach vielgestaltig in der Kritik. Nun haben ehemalige Schwestern Missbrauchsvorwürfe gegen den Mutterorden erhoben. Eine Schwester der Schweizer Niederlassung in Zürich sagt: «Wir möchten das nicht kommentieren.»

Sarah Stutte

Die 1997 verstorbene nordmazedonische Ordensschwester Mutter Teresa gründete 1950 in Kalkutta ihre Ordensgemeinschaft «Missionarinnen der Nächstenliebe» mit dem Ziel, den Armen und Bedürftigen zu helfen. Heute gehören dem Orden weltweit etwa 5’750 Schwestern an, die sich in 139 Ländern in den Einrichtungen der Kongregation um Sterbende, Waisen, Obdachlose und Kranke kümmern.

Mutter Teresa.
Mutter Teresa.

Für ihr Engagement wurde Mutter Teresa unter anderem 1979 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Der Orden stand aber in der Vergangenheit auch schon in der Kritik, etwa wegen Spendenveruntreuung, dem Missionierungswillen der Gründerin und der schlechten Hygienebedingungen in den Sterbehäusern.

Vorwürfe des Missbrauchs

Nun haben verschiedene Frauen, ehemals Mitglieder der Mutter Teresa-Kongregation «Missionarinnen der Nächstenliebe», gegen den Mutterorden schwere Vorwürfe erhoben. Von sexuellem Missbrauch ist die Rede, sowie von Demütigungen und Züchtigungen, die an der Tagesordnung gewesen seien. Dies berichtet das amerikanische Online-Portal «Crux», deren Journalistin mit einigen dieser Ex-Missionarinnen gesprochen hatte.

Missbrauch (Symbolbild)
Missbrauch (Symbolbild)

Schon 2008 wurden Vorwürfe einer ehemaligen australischen Missionarin laut, die von «einem Klima der übermässigen Kontrolle und des unreflektierten Gehorsams während ihrer Zeit im Orden» berichtete. Eine Amerikanerin, die 20 Jahre bei den «Missionarinnen der Nächstenliebe» verbrachte, sprach von ähnlichen Erfahrungen. Zwar lehnten es diese beiden Frauen ab, mit dem Online-Portal über ihre Erfahrungen zu reden, doch dafür meldeten sich aber etwa zwölf andere Schwestern bei «Crux».

Depressionen und Selbstmordgedanken

Diese beschreiben dem Medium das Leben innerhalb der Gesellschaft als isoliert, sagten, dass sie fast keinen Kontakt zu ihren Familien hatten, dass ihnen enge Freundschaften untersagt waren und dass sie nichts ohne die Erlaubnis einer Oberin tun konnten, wobei jede ihrer Handlungen genau überwacht wurde. In anderen Fällen, so die ehemaligen Ordensmitglieder, seien die Probleme schwerwiegender.

Treffen von Frère Roger mit Mutter Teresa in einem Waisenhaus in Kalkutta im Oktober 1976.
Treffen von Frère Roger mit Mutter Teresa in einem Waisenhaus in Kalkutta im Oktober 1976.

Sie zeichnen eine Kultur, in der Grenzverletzungen in Form von Körperkontakt toleriert oder wegdiskutiert werden und in der sexueller Missbrauch über lange Zeiträume hinweg stattfinden kann, ohne entdeckt oder bestraft zu werden. Mutmassliche Täter wurden manchmal versetzt, anstatt zur Rechenschaft gezogen zu werden, und mutmassliche Opfer wurden ermutigt, zu schweigen. Viele der Schwestern litten deshalb unter Depressionen und Selbstmordgedanken.

Tägliche Selbstgeisselungen

Eine ehemalige Schwester sagte gegenüber «Crux», dass kleinere körperliche Grenzverletzungen unter den Schwestern an der Tagesordnung waren und dass «jeder jemanden kannte», der sie erlebt hatte. Sie prangerte auch die umstrittenen Bussübungen an, einschliesslich der täglichen Selbstgeisselung für Schwestern, die eine erste Ausbildungsphase abgeschlossen hatten. Eine weitere Frau gab an, dass sie Opfer eines gewalttätigen körperlichen Angriffs durch einen Priester wurde.

Peitsche
Peitsche

Fast alle dieser ehemaligen Ordensschwestern, das gaben sie auch zu Protokoll, hätten versucht, die zuständigen Personen sowohl innerhalb des Ordens als auch im Vatikan auf diese Probleme aufmerksam zu machen, im Allgemeinen ohne jegliche Reaktion. Ein Sprecher des Vatikans reagierte nicht auf eine dementsprechende Anfrage von «Crux». Dem Online-Portal liegt jedoch ein Brief vor, den eine der Schwestern 2018 an Papst Franziskus schickte und darin die erlebte Problematik schilderte.

Schweigen aus dem Vatikan

Kurz nach der Übergabe des Briefes erhielt sie einen Anruf des spanischen Erzbischofs José Rodríguez Carballo, der bis letzten Oktober Sekretär des vatikanischen Dikasteriums für die Institute des geweihten Lebens und die Gesellschaften des apostolischen Lebens war, auch «Dikasterium für Ordensleute» genannt.

Vatikan
Vatikan

Carballo sagte der Schwester, er sei «sehr besorgt» über die Angelegenheit, weil sie nicht die Einzige sei, die eine Beschwerde eingereicht habe. Er befürchtete einen möglichen öffentlichen Skandal für die «Missionarinnen der Nächstenliebe» weltweit. Auch er wurde von «Crux» daraufhin angefragt, reagierte jedoch nicht auf die Kontaktaufnahme – ebenso wenig wie seine Nachfolgerin, die italienische Schwester Simona Brambilla, die neue Sekretärin des Dikasteriums.

Priester schrieb Papst Franziskus

Ein ehemaliger chilenischer Priester namens Eugenio de la Fuente, der bis zu seinem Ausscheiden aus seinem Amt die Messe für die chilenische Ordensschwestern feierte, hatte dem Papst ebenfalls 2018 in einem Brief seine Bedenken zum Orden mitgeteilt und diesem bei einer Audienz persönlich übergeben haben. Angeblich soll Franziskus daraufhin gesagt haben:  «Noch einer!». De la Fuente meinte über die Mentalität im Orden, dass Demütigungen hier als Weg der geistlichen Entwicklung verstanden werden.

Papst Franziskus
Papst Franziskus

Ein Sprecher des Ordens wies die Vorwürfe zurück und sagte, dass die Behauptung, es gäbe eine interne Kultur des Missbrauchs unter den «Missionarinnen der Nächstenliebe, «offenkundig falsch ist». So würde der Orden Behauptungen über die Misshandlung ihrer Mitglieder ernst nehmen. Der Bericht von «Crux» sei nur eine «alte Klage einer entschlossenen, kleinen Gruppe ehemaliger Mitglieder, von denen fast alle den Orden vor Jahrzehnten verlassen hätten, meinte der Sprecher. Der Artikel untergrabe die fürsorgliche Arbeit der auf der ganzen Welt tätigen Schwestern des Ordens.

«Wir möchten das nicht kommentieren»

In der Schweiz haben die «Missionarinnen der Nächstenliebe» Niederlassungen in Zürich und Lausanne. Gerade in Zürich haben die Schwestern eine lange Tradition. Früher engagierten sich die «Missionarinnen der Nächstenliebe» für Junkies auf dem Platzspitz und dem Letten. Heute helfen sie von ihrer Einrichtung in der Nähe der Langstrasse aus den Flüchtlingen und Prostituierten. Kath.ch war 2021 bei ihnen zu Besuch.

Niederlassung der "Missionarinnen der Nächstenliebe" im Zürcher Kreis 4
Niederlassung der "Missionarinnen der Nächstenliebe" im Zürcher Kreis 4

Auf telefonische Anfrage bei der Schweizer Vertretung des Ordens in Zürich zu den genannten Vorwürfen, meinte eine Schwester, die ihren Namen nicht nannte: «Wir möchten dazu keinen Kommentar abgeben. Dieses amerikanische Portal weiss nicht, wer wir sind und was wir machen. Wir kennen diese Schwester nicht und möchten sie nicht bekämpfen. Wir sagen nicht, dass ihre Behauptungen falsch sind. Aber wir möchten das nicht kommentieren».


Mutter Teresa | © KNA
4. Juli 2024 | 12:30
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