Patrice Gasser
Schweiz

Missbrauch in Missionsschule: «Kann verstehen, dass die Menschen wütend sind»

«Es gab keine Sensibilität für das Leiden der Opfer», sagt Patrice Gasser über den früheren Umgang seiner Gemeinschaft mit Missbrauch. Er spricht über Alexandre, der als Schüler im Walliser Missionskollegium Saint-Gingolph von einem Spiritanerpriester missbraucht wurde. Gasser ist in der Schweizer Provinz für den Schutz von Minderjährigen und schutzbedürftigen Erwachsenen zuständig.

Bernard Haller, cath.ch

Patrice Gasser geht im Gespräch auf den Fall Alexandre ein. Alexandre hatte in einer Reportage des Walliser Fernsehsenders «Canal9» Mitte März über den Missbrauch berichtete, den er 1982 durch einen Spiritanerpriester erlitten hatte. Gasser ist er in der Schweizer Provinz der Spiritaner – auch Missionare zum Heiligen Geist genannt – für den Schutz von Minderjährigen und schutzbedürftigen Erwachsenen zuständig und Pfarrer im Unterwallis. Er ist seit 40 Jahren Spiritanerpriester und war als Missionar in Afrika tätig. Von 2020 bis 2023 war er Provinzial für die Schweiz.

«Ich hatte damals keine Kenntnis vom Fall.»

Wann haben sich die Ereignisse um Alexandre ereignet?

Pater Patrice Gasser: Alexandre wurde Opfer eines Priesters, der 1982 in der Gemeinschaft war und einige Monate lang, aber über zwei Schuljahre hinweg, am Missionsgymnasium als Lehrer und Leiter der Krankenstation arbeitete. Ich hatte damals keine Kenntnis von diesem Fall und auch keinen Austausch mit Alexander. Im Juni 1984 schloss ich mein Theologiestudium in Freiburg ab. (Gasser lebte damals in der Gemeinschaft in Freiburg, Anm. d. Red.).

Als Bub in Missionsschule sexuell missbraucht - Alexandre sagte vor "Canal 9" aus.
Als Bub in Missionsschule sexuell missbraucht - Alexandre sagte vor "Canal 9" aus.

Das Opfer erklärte, dass es 2001 einen Brief an die Spiritaner geschickt hatte, in dem es die Handlungen des Priesters anprangerte und Kontakt zu seinem Angreifer aufnehmen wollte. Hat er eine Antwort erhalten?

Gasser: Als ich in unseren Archiven recherchierte, fand ich tatsächlich diesen Brief, aber keine Spur von einer Antwort unsererseits. Der Brief wurde an die Gemeinschaft in Le Bouveret gesandt, die den Provinzial informierte. Der Provinzial informierte den missbrauchenden Priester und forderte ihn auf, auf die Anfrage zu antworten, was anscheinend nie geschah.

«Ich bin entsetzt. Dieser Mann hatte den Mut zu sagen, was er erlitten hat. Doch er hat keine Antwort erhalten.»

Das Opfer wurde entschädigt, erhielt aber weder von der Kirche noch von der Kongregation ein offizielles Zeichen des Mitgefühls. Was sagt Ihnen das?

Gasser: Ich bin entsetzt. Dieser Mann hatte den Mut zu sagen, was er erlitten hat, und seinen Schmerz auszudrücken. Doch er hat keine Antwort erhalten. Ich möchte mit ihm Kontakt aufnehmen. Ich möchte ihm sagen, dass wir ihn als Opfer anerkennen, dass wir diesen Priester als Missbrauchstäter bezeichnen und dass wir uns von den Fehlern dieses Mitbruders betroffen fühlen, weshalb wir ihn um Vergebung für das begangene Unrecht bitten.

«Wir haben also derzeit Kenntnis von mehreren Fällen sexuellen Missbrauchs.»

Hat dieser Priester weitere Opfer gefordert? Haben sich andere Personen in der Schweiz gemeldet?

Gasser: Derzeit sind uns zwei Fälle bekannt: Alexander, der als Zeuge ausgesagt hat, und ein weiteres Opfer dieses Priesters, das sich über die Cecar gemeldet hat. Ich habe ihn im Oktober 2021 um Vergebung für das Geschehene gebeten. Andere Opfer von Spiritanern, die nicht mit dem Missionskollegium in Verbindung stehen, haben sich ebenfalls gemeldet. Wir haben also derzeit Kenntnis von mehreren Fällen sexuellen Missbrauchs.

Welche Massnahmen haben Sie ergriffen?

Gasser: Als ich von diesem zweiten Missbrauchsfall erfuhr, versuchte ich zu verstehen, was passiert war, und recherchierte in unseren Archiven über den Missbrauchstäter, seinen Werdegang und ob er weitere Opfer hatte. Bisher haben wir keine weiteren Meldungen über ihn erhalten.

Ein Bub versteckt sich.
Ein Bub versteckt sich.

Sie sagten in dem Bericht, dass die Gemeinschaft, die zur Zeit des Vorfalls bestand, «nicht ausgerüstet» war, um Missbrauchstäter zu identifizieren und zu bestrafen. Das Opfer hatte sich jedoch bei der Schulleitung gemeldet. Es war mit Verleugnung und Lügen konfrontiert.

Gasser: Seitens der Mitbrüder gab es eine schnelle Reaktion, als bestimmte Verhaltensweisen des Täters aufgedeckt wurden, er wurde im Laufe des Jahres aus dem Kollegium entfernt. Dagegen gab es keine Sensibilität für das Leid der Opfer, für den Schaden, den dieses Verhalten bei ihnen angerichtet haben könnten. Ich bedauere dies sehr. Der betreffende Priester wurde in der Schweiz versetzt und schliesslich in den Senegal geschickt, wo er bis 2006 arbeitete. Er starb 2010 in Frankreich an den Folgen einer Krebserkrankung.

«In der Kommunikation mit seinem Missionsort wurde auf die Vorfälle hingewiesen.»

Also zogen es die damaligen Verantwortlichen vor, diesen Priester zu versetzen, anstatt das Problem zu lösen?

Gasser: In der Tat haben die Mitbrüder und die Kongregation das Problem nicht erkannt und dessen Ausmass nicht erfasst. Ich bedaure das. Sie haben den Mitbruder versetzt, obwohl sie einen Fachmann hätten hinzuziehen müssen, etwa einen Psychologen, um diesem Missbrauchstäter bei der Gesundung zu helfen und ihn mit seiner Verantwortung zu konfrontieren, damit er keinen weiteren Schaden anrichten kann. In der Kommunikation mit seinem Missionsort wurde jedoch auf die Vorfälle hingewiesen und darum gebeten, den Mitbruder nicht mehr in einem Internat einzusetzen.

Wurde im Senegal eine Untersuchung durchgeführt?

Gasser: Ich kontaktierte die Person, die damals für den Senegal zuständig war. Sie beschrieb mir einen Mann, der eine grosse Ausstrahlung auf die ländliche Entwicklung hatte, aber im Gegensatz zu unserem Charisma und unserer Berufung freiberuflich arbeitete. Bis heute wurde im Senegal keine Klage gegen ihn eingereicht.

Wie sieht Ihre Arbeit als Verantwortlicher für den Schutz von Minderjährigen und schutzbedürftigen Erwachsenen in der Schweiz aus?

Gasser: Ich habe an den Schulungen zur Prävention von sexuellem Missbrauch teilgenommen, die in den Diözesen angeboten werden. Dadurch sehen wir die roten Bereiche, in denen nichts passieren darf, die grauen Bereiche, die interpretiert werden können, und die grünen Bereiche, in denen die Menschen respektiert werden und wir in Ruhe geistliche Arbeit leisten können. Wir tauschen auch unsere Erfahrungen zwischen unseren sechs Gemeinschaften aus: in Genf, Payerne, Marly, Vouvry und mit den Ältesten in St. Gingolph und Freiburg. Meine Arbeit besteht auch darin, die aktiven und pensionierten Mitbrüder auf die Bedingungen aufmerksam zu machen, die notwendig sind, um die Intimsphäre der Menschen zu respektieren und sich in ihrer Gegenwart richtig zu verhalten. Zu meiner Unterstützung besuche ich einen E-Learning-Kurs an der Gregorianischen Universität in Rom.

Welche Massnahmen haben die Spiritaner in Bezug auf Missbrauch ergriffen?

Gasser: Auf globaler Ebene der Kongregation haben wir seit 2013 Leitfäden zum Schutz von Minderjährigen, die 2016 verbessert wurden, und seit 2018 einen Leitfaden für schutzbedürftige Erwachsene. Eine Aktualisierung dieser Dokumente ist im Gange.

Was die Schweiz betrifft, so haben unsere Website 2021 erneuert, damit sich Opfer leicht bei unseren Gemeinschaften melden können. Wir haben auch Kontakte mit dem Team der Cecar (Kommission für Anhörung, Schlichtung, Schiedsgerichtsbarkeit und Wiedergutmachung) geknüpft. Das hilft uns, bei Missbrauchsfällen voranzukommen. Soweit ich weiss, hat sich Alexandre bei einer anderen Opferhilfekommission im Bistum Sitten gemeldet.

«Am Ende meines Provinzialats 2023 sind wir bei allen Gemeinschaften vorbeigegangen und haben über Missbrauch gesprochen.»

Wurde die Frage des Missbrauchs in den Gemeinschaften thematisiert?

Gasser: Im Jahr 2023, am Ende meines Provinzialats, sind wir bei allen Gemeinschaften vorbeigegangen und haben generationsübergreifend darüber gesprochen. Jeder musste am Ende unserer Treffen sagen, worauf er achten sollte, und ein Dokument unterschreiben über sein Engagement gegen Missbrauch.

Werden Sie einen breiteren Aufruf an die Opfer richten, sich zu melden?

Gasser: Ich stehe in Verbindung mit unserem Provinzialrat, der sich mit der Missbrauchsproblematik befasst. Wir werden in der Tat einen breiteren Aufruf an die Opfer richten, sich zu melden. Wir ziehen andere Kanäle als unsere Website in Betracht, um mehr Menschen zu erreichen. Wir haben auch an eine Feier zur Bitte um Vergebung in der Missionsschule gedacht, eine Feier, die zusammen mit Cecar und den Opfern durchgeführt werden soll, sofern sie es wünschen.

«Wir Spiritaner haben bereits zugestimmt, unsere Archive den Forschenden zu öffnen.»

Beabsichtigen Sie, wie andere Kongregationen auch, eine historische Untersuchung durchzuführen und Ihre Vergangenheit neu zu beleuchten?

Gasser: Die Studie der Universität Zürich wird fortgesetzt. Wir Spiritaner haben bereits zugestimmt, unsere Archive den Forschenden zu öffnen, die beauftragt sind, eine historische Untersuchung der Geschehnisse seit Mitte des 20. Jahrhunderts durchzuführen.

Pressekonferenz zur Pilotstudie zum Missbrauch in der katholischen Kirche Schweiz, September 2023
Pressekonferenz zur Pilotstudie zum Missbrauch in der katholischen Kirche Schweiz, September 2023

Wir werden auch besser verstehen müssen, wie es zu einer gewissen Blindheit kommen konnte, und dann müssen wir unsere Politik der Prävention von Missbrauch und der Betreuung von Opfern erneuern.

Sie waren drei Jahre lang Provinzial der Spiritaner in der Schweiz, von 2020 bis Oktober 2023. Was haben Sie im Bereich der Missbrauchsprävention getan?

Gasser: Wir trafen uns mit Provinzialen aus Europa, Polen, der Schweiz, Irland, Italien und Frankreich und tauschten unsere Erfahrungen aus, um zu sehen, wie wir in unseren verschiedenen Gemeinschaften insbesondere mit der Frage der Missbrauchsprävention und der Achtung vor den Opfern umgehen können. Der irische Provinzial berichtete uns zum Beispiel, was er erlebte, als er den Opfern zuhörte und den zugefügten Schaden sah; wir lernen voneinander.

Können Sie verstehen, dass viele Menschen den Entschuldigungsversuchen der Kirche nicht mehr glauben und sie als grosse Heuchelei bezeichnen?

Gasser: Ich kann verstehen, dass die Menschen wütend sind. Menschen, die den Weg mit Priestern gehen wollten und erfahren, dass er Kinder oder schutzbedürftige Personen missbraucht hat. Dieser Missbrauch steht im Gegensatz zur Botschaft, die die Kirche vermitteln möchte. Wenn man von Liebe und Respekt spricht und dann Kinder missbraucht werden, ist das unerträglich.

«Als die ersten Missbrauchsfälle in der Schweiz bekannt wurden, war ich sehr wütend auf die missbrauchenden Mitbrüder.»

Nach einem Leben in der Mission, das Sie hauptsächlich in Afrika verbracht haben, und 40 Jahren als Priester, wie erleben Sie diese Zeit der Aufdeckung von Missbrauchsfällen?

Gasser: Ich bin Sohn eines Maurers und Enkel eines Weinbauern, ich habe in Ghana Kirchen gebaut, Brunnen gegraben, Bäume gepflanzt und mit den Gemeindemitgliedern gearbeitet. Ich war glücklich, in der Mission zu leben, die Gemeinden zusammenzubringen und mit ihnen die Freude des Glaubens zu feiern.

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Als die ersten Missbrauchsfälle in der Schweiz bekannt wurden, war ich sehr wütend auf die missbrauchenden Mitbrüder. Dann wurde mir klar, dass diese Menschen ein Problem bei ihrer emotionalen Entwicklung haben. Sie verstehen nicht, dass ein Minderjähriger nicht dafür ausgerüstet ist, «Nein» zu sexuellen Aufforderungen zu sagen und sich der Erpressung oder den Drohungen von Missbrauchstätern zu widersetzen. Ich finde es wichtig, dass diese Fälle ans Licht kommen. Es ist ein Moment der Reinigung für die Kirche und für unsere Kongregation. (Adaption: Regula Pfeifer)


Patrice Gasser | © cath.ch / Bernard Hallet
4. April 2025 | 12:00
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