Prozession zu Karfreitag in Mendrisio.
Schweiz

Martin Steiner: «Narrativ von den Juden als Gottesmörder muss dringend korrigiert werden»

Der Theologe Martin Steiner ist Experte zum Thema «Jesus und sein Judesein». Der Lehrbeauftragte an der Uni Luzern warnt davor, Jüdinnen und Juden kollektiv die Schuld am Tod Jesu zu geben. Und sagt: Jesus sei selbst Jude gewesen.

Die Passionsgeschichte werde oft falsch interpretiert, sagt Martin Steiner, Lehrbeauftragter am Institut für Jüdisch-Christliche Forschung (IJCF) der Universität Luzern. Das verbreitete Narrativ von den «Juden als Gottesmörder» müsse «dringend korrigiert werden», äussert sich Steiner in der «Luzerner Zeitung».

Kreuzigung war Tat des römischen Statthalters

Martin Steiner, Lehrbeauftragter am Institut für Jüdisch-Christliche Forschung der Universität Luzern.
Martin Steiner, Lehrbeauftragter am Institut für Jüdisch-Christliche Forschung der Universität Luzern.

Es gelte, die Passionsgeschichte im Neuen Testament historisch-kritisch zu lesen. Dabei zeige sich, so Steiner, «dass es sich bei der Kreuzigung eindeutig um eine römische Hinrichtungsart handelt, die Pontius Pilatus, der römische Statthalter in Jerusalem, vollstrecken liess».

Sein Fazit: «Von einer Kollektivschuld der Juden auszugehen, ist nicht haltbar.» Umgekehrt käme auch niemand auf die Idee, «heute die Italiener dafür verantwortlich zu machen, dass Pontius Pilatus einst Jesus kreuzigen liess».

«Jesus ist auch als Jude gestorben.»

Martin Steiner hat seine Dissertation verfasst zum Thema «Jesus Christus und sein Judesein. Antijudaismus, jüdische Jesusforschung und eine dialogische Christologie». Das Promotionsstudium im Fach Judaistik an der Theologischen Fakultät in Luzern schloss er 2022 mit dem Prädikat «summa cum laude» ab, wie es im Curriculum auf der Uni-Webseite heisst.

Etwas Wichtiges hat Steiner aus seiner Jesusforschung mitgenommen, wie er gegenüber der Zeitung sagt: «Jesus wurde als Jude geboren, er lebte als Jude und ist auch als Jude gestorben. Und auch der auferstandene Jesus Christus kann letztlich von diesem jüdischen Kontext des Lebens Jesu nicht getrennt werden.»

Heikle Passionsgeschichten

Die Passionsgeschichten enthalten – laut dem Experten – «Formulierungen, die ohne Kontext und ohne Einordnung leicht zu judenfeindlichen Missverständnissen führen können». Martin Steiner erwähnt Aussagen in Johannes 19,6, wonach Juden schreiend die Kreuzigung verlangten. Solche Aussagen seien nicht gegen das ganze jüdische Volk gerichtet. Sie spiegelten Auseinandersetzungen eines innerjüdischen Konfliktes im ersten Jahrhundert.

Anzeige ↓ Anzeige ↑

Steiner fordert «ein reflektiertes Bewusstsein für die Wirkungsgeschichte der Passionstexte». Dies gelte nicht nur in der Kirche, sondern auch bei Konzert- und Opernaufführungen sowie im Bildungsbereich.

Theologiestudierende haben Pflichtfach Judaistik

Das Institut für Jüdisch-Christliche Forschung der Universität Luzern arbeitet laut Steiner seit 1981 in diese Richtung. So müssten alle Theologiestudierenden in Luzern Judaistik als Pflichtfach besuchen.

Martin Steiner wurde 1988 im österreichischen Linz geboren, er studierte Katholische Fachtheologie (Mag. theol.), Judaistik (MA) und Religionspädagogik (BA) in Wien, Jerusalem, Freiburg (Schweiz) und Luzern. (rp)


Prozession zu Karfreitag in Mendrisio. | © Keystone
17. April 2025 | 15:00
Lesezeit : ca. 1  Min.
Teilen Sie diesen Artikel!