Marienstatue in Kathedrale erhält dank KI ihren Kopf zurück
Die Gottesmutter Maria im Vorraum der reformierten Kathedrale Lausanne hat endlich wieder einen Kopf erhalten, zumindest virtuell. Das gelang mit Hilfe von KI und fundierten Gotik-Kenntnissen. Initiant René Bugnion, ein Katholik und Marienverehrer, erzählt, wie es dazu kam. Der Kopf der Marienfigur fiel dem Bildersturm in der Reformation im 16. Jahrhundert zum Opfer.
Raphaël Zbinden
(Cath.ch) «Hier haben wir eine Statue der Jungfrau aus der Kathedrale von Chartres, die als Vorbild diente», erklärt René Bugnion gegenüber cath.ch. Der Liebhaber von Architektur und Kulturerbe blättert in seinem Ordner wie in einem Rosenkranz in der Buchhandlung Valentin in Lausanne, wo er Stammgast ist. Die Faszination des Rentners für sakrale Kunst ist spürbar, während er die Seiten umblättert, auf denen die Elemente des «Projekts zur Restaurierung der Jungfrau mit Kind im Narthex (Vorhalle) der Kathedrale von Lausanne» zusammengefasst sind, dessen treibende Kraft er ist.
«Ein schrecklicher Anblick»
Die Statue der Muttergottes wurde enthauptet und das Kind, das sie in ihren Armen hielt, entfernt. Das war ein Akt im Bildersturm am Übergang der Kirche zum Protestantismus im Jahr 1536. Auch andere Kunstwerke der Kathedrale blieben davon nicht verschont.
Bei einem Besuch der Kathedrale vor einigen Jahren entdeckt René Bugnion die kleine, kopflose Statue, die über dem Narthex thront, wie der Vorraum der Kirche zwischen Portal und Kirchenschiff heisst. «Es war ein schrecklicher Anblick», beschreibt er, denn der in Lausanne geborene Katholik hegt eine besondere Verehrung und Zuneigung für Maria.
Entschlossen, diese Tat wiedergutzumachen, nahm der Rentner Kontakt mit den Verantwortlichen der Kathedrale auf, um zu sehen, was getan werden könne. Er wurde freundlich empfangen, aber die Verantwortlichen schlossen Zement und Kelle aus. Sie stimmten einer Rekonstruktion des Kopfes der Jungfrau zu, solange diese virtuell blieb.
KI als Hilfe
René Bugnion stimmte dieser Option zu. Umso mehr, als er darin technologische und pädagogische Chancen sah. Der Rentner, der 20 Jahre lang in der Leitung der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne (EPFL) tätig war, betreut weiterhin Studentenprojekte. Er begann daher eine Zusammenarbeit mit Alexis Allemand, einem Informatikstudenten, der sich auf bildgenerierende künstliche Intelligenz (KI) spezialisiert hat. Der Rentner, von Haus aus Jurist, ist kein Computerfreak, er bringt aber sein fundiertes Wissen über gotische Kunst ein.
Das Ziel war eine «restaurative Innovation», die der Jungfrau eine Form zurückgab, die dem besten Archetyp der gotischen Bildhauerkunst sowie dem Stil der Handwerker der Kathedrale zu Beginn ihres Baus im 13. Jahrhundert entsprach.
Der Maschine einen Sinn für Schönheit vermitteln
Das Duo begann daher im Laufe des Jahres 2024 mit dieser Arbeit der «Verschmelzung und Gegenüberstellung» verschiedener Modelle. «Alexis tippte auf seinem Computer und ich leitete ihn anhand der Regeln der gotischen Kunst an», erklärt René Bugnion. Diese Arbeit ermöglichte es dem Studenten nicht nur, seine Fähigkeiten in die Praxis umzusetzen, sondern diente auch als Qualitätsvalidierung für die sich ständig weiterentwickelnden digitalen Anwendungen.
Aber auch wenn KI heute über aussergewöhnliche Fähigkeiten verfügt, kann sie (noch) nicht auf menschliche Erfahrung verzichten. «Das Problem ist, dass die KI, sobald man sie startet, Halluzinationen hat», erklärt René Bugnion. «Man sagt ihr: ‹Mach uns eine gotische Jungfrau›, aber sie sucht nach Vorlagen bis in die Tiefen Indiens… Nach den ersten Ergebnissen dachten wir: ‹Wir sind erledigt!›»
Es war also notwendig, lange mit der Maschine zu «dialogieren», insbesondere indem man ihr «den Sinn für Schönheit» beibrachte. Dafür mussten René und Alexis die KI mit Archetypen der gotischen Pracht dieser Epoche «füttern». Dazu gehörten die Skulpturen der Kathedralen von Chartres und Vézelay, deren Bau zeitgleich mit dem von Lausanne erfolgte.
Suche nach der «Erweckten»
René Bugnion suchte aber auch innerhalb des Waadtländer Kirchengebäudes nach Archetypen. Als er die Statue von Mariä Himmelfahrt auf dem berühmten bemalten Portal bemerkte, machte er eine wichtige Entdeckung. Während das Werk vom Boden aus nur im Profil zu sehen ist, stellte er beim Fotografieren von vorne eine unglaubliche Schönheit fest. Zunächst glaubte er, dass es sich um die Jungfrau Maria handelte, doch schliesslich entdeckte er, dass es die Braut aus dem Hohelied Salomos war.
«Die Jungfrau beinhaltet die gesamte Schöpfung.»
René Bugnion
Der Liebhaber gotischer Kunst gibt dieser Figur den Spitznamen «die Wachsame». Der einzige Wermutstropfen war, dass auf dem Foto von vorne ein Teil ihres Gesichts durch das Kinn einer anderen Statue des bemalten Portals verdeckt war. Das «Restauratorenduo» nutzte daher auch KI, um ihr Porträt vollständig wiederherzustellen. Ein Bild, das zu Reproduktionen in verschiedenen Grössen führte.
«Viele Leute sagten mir, dass sie es anschauen und bei sich zu Hause aufhängen wollten, also habe ich ein paar Fotos und Poster gemacht», erklärt René Bugnion. Eine auf einen Stoffstreifen gedruckte «Erweckte» ist übrigens in der Buchhandlung Valentin ausgestellt.
Suche nach Kooperationen
Nach monatelanger Arbeit entstanden 2D- und 3D-Rekonstruktionen der Jungfrau. Ein «relativ sicheres» Ergebnis, so der Rentner, der daran erinnert, dass es in diesem Bereich «sehr komplex» ist, Spitzenleistungen zu erzielen. Aus diesem Abenteuer entstand im Juni 2025 ein Sammelband, der zeigt, dass Notre-Dame de Lausanne «das Diadem der mittelalterlichen Hochzeitsmystik in Verbindung mit dem Hohelied Salomos ist, das dem Heiligen Bernhard von Clairvaux und seinem Schüler und Freund, dem Heiligen Amadeus, Bischof von Lausanne, so sehr am Herzen lag».
René Bugnion möchte das Projekt weiter vorantreiben. Alexis Allemand hat sich ein Sabbatjahr genommen, und der Liebhaber gotischer Kunst sucht nach Studierenden, die ihm dabei helfen könnten. Er denkt an eine Zusammenarbeit mit Pyxis, dem Museum für digitale Kunst in Lausanne, oder an konkretere Anwendungen der Rekonstruktion in der Kathedrale selbst, insbesondere durch Hologramme.
Kerzen für die «Madonnina»
In der Zwischenzeit lebt René Bugnion seine Frömmigkeit aus, indem er regelmässig zu einer Marienstatue im Gebäude betet. Denn die Jungfrau Maria hat dort seit einigen Jahren ein diskretes Comeback erlebt.
Ein Unbekannter hat nämlich in der reformierten Kathedrale ein kleines Bildnis der Muttergottes hinterlassen. Die dortige Pastorin wollte es nicht entfernen, was der Rentner als «sehr schöne Geste der Toleranz» bezeichnet. Das Artefakt, das den Spitznamen «Madonnina» trägt, ist damit die erste vollständige dreidimensionale Darstellung der Jungfrau Maria, die seit fast 500 Jahren in dem protestantischen Gebäude Zuflucht gefunden hat.
Seither kommen Menschen, um Kerzen anzuzünden und vor der «Madonnina» zu beten. Für René Bugnion ist dies eine kleine Erinnerung an die Zeit, als Lausanne ein wichtiger Wallfahrtsort für Marienverehrende war. Im Mittelalter pilgerten jedes Jahr mehr als 70’000 Menschen zur Kathedrale. Kürzlich kam auch Erzbischof Martin Krebs, Apostolischer Nuntius in der Schweiz, um vor der «Madonnina» eine Kerze anzuzünden.
Maria, Einigerin und Trösterin
Eine Verehrung, die heute notwendiger denn je ist, versichert der 1957 in Lausanne Geborene. «Die Jungfrau beinhaltet die gesamte Schöpfung. Sie ist zugleich Tochter des Vaters, Mutter des Sohnes und Braut des Heiligen Geistes.» René Bugnion erinnert auch daran, dass sie ein Berührungspunkt zwischen den Religionen ist. Maria wird insbesondere 34 mal im Koran erwähnt. An mehreren Orten der Welt finden gemeinsame Marienwallfahrten von Muslimen und Christen statt.
Sie besitze auch eine immense Fürsprachekraft, bemerkt der Rentner. Vor allem aber sei sie eine wichtige Trostspenderin. Eine wichtige Dimension in einer so unruhigen Zeit wie der unseren.
Teil des 750-Jahr-Jubiläums
Die Wiederherstellung der Marienfigur im Narthex der Kathedrale von Lausanne geschah im Rahmen des 750-Jahr-Jubiläums der Kirche. Die Marienfigur war während der Reformation enthauptet worden. Die Initiative ist Teil einer breiteren Bewegung, die darauf abzielt, der Figur der Maria in protestantischen Gebäuden wieder mehr Bedeutung zu verleihen. (Übersetzung und Adaption : rp)
Buchhinweis: «En Quête d’une Cathédrale, de Jérusalem au Jardin du Cantique des cantiques à Lausanne », Scarcez Alicia et al., Buchhandlung Le Valentin
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