«Mariä Empfängnis» – oder das Göttliche im menschlichen Leben
Am 8. Dezember feiert die Kirche das Hochfest «der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria». Hier gehe es nicht um Gynäkologie, sondern um eine theologische Aussage über Gottes Berufung Marias. Und um das Göttliche im menschlichen Leben, schreibt der Luzerner Religionspädagoge Stephan Leimgruber.
Stephan Leimgruber*
Der Kulturredaktor einer angesehenen Schweizer Zeitung fragt: «Wer glaubt noch an die unbefleckte Empfängnis Marias?» Und er bemerkt dazu, dass die Glaubensinhalte der katholischen Kirche «schwer vermittelbar» geworden seien. Man könne allerdings über «solche Skurrilitäten» diskutieren.
Religiöse Sprache – symbolische Sprache
Offenbar hat er die Vorlesungen in Religionswissenschaften über das Christentum und die Entstehung anderer Religionen etwas vernachlässigt, also in jenem Fach, das er in seinem Curriculum aufführt. Denn dort hätte er längst erfahren, dass religiöse Sprache mitunter eine symbolische Sprache ist, die das Biologische und das empirisch Wahrnehmbare transzendiert oder überschreitet. Auch von anderen Religionsgründern werden wunderbare «jungfräuliche» Entstehungen erzählt.
Eine sorgfältige Nachprüfung der Bezeichnungen des Festes vom 8. Dezember hätte ferner ergeben, dass sich diese im Laufe der Zeiten stark verändert haben. Heute spricht man im deutschen Sprachraum vor allem vom Fest der Erwählung Mariens.
Wertschätzung für Jesu Mutter
Diese Bezeichnung trifft das Gemeinte besser, denn es geht darum, dass Maria Wertschätzung zuteilwurde und sie deshalb verehrt (nicht angebetet) wird, weil Gott sie berufen oder erwählt hat, Christus auf die Welt zu bringen. Sie ist das Tor geworden, um den Erlöser und Heiland und Retter zu gebären. Und aufgrund dieser Erwählung ist sie nicht in den allgemeinen Schuldzusammenhang hineinverstrickt worden. Gott hat sie deshalb vor Schuld und Sünde bewahrt.
Die «Erbsünde» ist nicht eine vererbte Sünde, sondern die allgemeine Tatsache, dass es in dieser Welt und Geschichte nicht nur Gutes, sondern auch Schädliches und personal verantwortetes Übel gibt, christlich gesprochen, dass es Sünde gibt. Und der Mensch ist eben zugleich heilig und neigt zur Sünde, in der Sprache der Reformatoren und des Apostels Paulus «simul iustus et peccator», zugleich gerecht und der Sünde verfallen.
Gottes Berufung Marias
Das Fest «Mariä Empfängnis», wie es lange hiess, meint also keine biologische Tatsache, keine gynäkologische Beschreibung, sondern ist eine theologische Aussage über Gottes Berufung Marias. Die junge Frau hat die Gnade erfahren und angenommen, Christus zur Welt zu bringen. Von Anfang an war es der Christenheit klar, dass Gott damit Grosses an Maria getan hat und dass dieses Geheimnis in Dankbarkeit und Schlichtheit zu feiern ist.
Die religiöse Sprache zeigt immer Wirklichkeit und mehr. Sie besteht vor allem aus «Erzählungen», die das Geheimnis evozieren oder signalisieren und zum Staunen einladen. Das gilt auch für den christlichen Zentralbegriff der Auferstehung, der nicht ein Zurück in das alte Leben meint, sondern eine Verwandlung in neues Leben. Und das ist alles andere als skurril, vielmehr hoffnungsspendend.
*Stephan Leimgruber ist emeritierter Professor für Religionspädagogik der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er ist Priester des Bistums Basel und lebt in Luzern.
Der Beitrag wurde 2023 zuerst in der Zeitschrift «Sonntag» publiziert, die Zweitpublikation von kath.ch vom 8. Dezember 2023 wird hiermit wiederholt.
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