Maria, Josef und ein Engel - neuerdings im XXL-Format zu kaufen
Schweiz

XXL-Maria und Josef: «Weihnachtskrippen sind Ausdruck tief verankerter Hoffnungen»

Im Handel stechen neuerdings Josef, Maria und Co. im XXL-Format hervor. Solche grossen Figuren ermöglichen einen «neuen Zugang zu Weihnachten und sind deshalb so populär», sagt die Berner Religionspsychologin Isabelle Noth.

Wolfgang Holz

Man reibt sich die Augen, wenn man Maria, Josef und das Jesuskind plötzlich im XXL-Format vor sich sieht – so wie in diesem Jumbo-Baumarkt in Cham ZG. Die kniende Maria, wunderbar gefärbt in «raffaeleskem» Rot und Blau, betet fromm vor dem Jesuskind in einer Höhe von bis zu 50 Zentimetern. Kostenpunkt allein für Maria aus Kunststoff: 49,95 Franken. Made in China.

Christkind für 14,95 Franken

Das Gleiche muss man für Josef berappen. Das Christkind in der Krippe kostet 14,95 Franken. Dazu gibt es noch eine breite Palette an Stalltieren: Esel, Schafe und Ochsen. Und auch die Heiligen Drei Könige stehen schon parat – im Grossformat. Wer will sich denn so etwas leisten? Und vor allem: wo soll man diese monumental anmutenden Krippefiguren bloss aufstellen in der guten Stube?

Das Jesuskind der XXL-Krippe kostet 14,95 Franken.
Das Jesuskind der XXL-Krippe kostet 14,95 Franken.

Pascal Rüdlinger, Geschäftsführer vom Jumbo-Markt in Cham, berichtet, dass diese riesigen Marias und Josefs schon das zweite Jahr im Sortiment seien. Und dass diese von den Kunden durchaus gerne gekauft werden. «Die Krippenfiguren sind extra für uns als Eigenmarke konzipiert, und man kann diese Figuren nicht nur in der Wohnung, sondern auch draussen vor der Tür aufstellen.»

Heiliger Franziskus gilt als Vater des Krippenbaus

Apropos Weihnachtskrippen. Erste Fresken mit Szenen der Geburt Jesu findet man in römischen Katakomben im 4. Jahrhundert. Zur gleichen Zeit wurde in Rom auch erstmals das Fest der Geburt Jesu gefeiert und verbreitete sich von dort im gesamten Christentum.

Die älteste figürliche Darstellung der Geburtsszene, ähnlich den heutigen Krippen, befindet sich in der Basilika Santa Maria Maggiore in Rom und stammt aus dem 13. Jahrhundert. Etwa zur gleichen Zeit soll der Heilige Franziskus in Greccio nördlich von Rom zu Weihnachten 1223 spontan ein «Krippenspiel» inszeniert haben.

Auch die Heiligen Drei Könige sind riesig.
Auch die Heiligen Drei Könige sind riesig.

Er soll als erster die Idee gehabt haben, zum Weihnachtsfest die Geburt Christi im Stall von Bethlehem als «lebendes Bild» mit lebendigen Personen und Tieren nachzustellen. Franz von Assisi wird deshalb auch immer wieder als Vater des Krippenbaus bezeichnet.

Krippen gibt’s eigentlich erst ab 16. Jahrhundert

Wie der deutsche Kunsthistoriker Rudolf Berliner darüber hinaus postuliert, kann von Krippe im eigentlichen Sinn aber erst von der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts gesprochen werden. «Das Wesentliche für die Krippe ist, dass diese räumlich-figürlichen Kleindarstellungen nicht dauernd, sondern zeitlich begrenzt aufgestellt werden und dass die Bestandteile nicht ortsgebunden sind, sondern erlauben, sie zu wechselnden Szenen beliebig zu komponieren.»

Jesuiten grosse Förderer

Die grössten Förderer der Krippenkunst waren die Jesuiten. Im Zuge der Gegenreformation brachten Jesuiten und Franziskaner die in Zentraleuropa figürliche Darstellungen des neugeborenen Christuskindes und des Weihnachtsgeschehens unter die Leute. Ab dem 19. Jahrhundert verlagerte sich der Krippenbau dann zunehmend in private Haushalte. 

Die Jesuitenkirche in Luzern, die dem Kanton gehört, links daneben das 185 Jahre alte Theater. Bei der Bestellung des Präfekten möchte die Luzerner Regierung auch weiterhin ein Wörtchen mitreden.
Die Jesuitenkirche in Luzern, die dem Kanton gehört, links daneben das 185 Jahre alte Theater. Bei der Bestellung des Präfekten möchte die Luzerner Regierung auch weiterhin ein Wörtchen mitreden.

Doch zurück zu den riesigen Krippenfiguren im Jumbo-Baumarkt. Sind diese XXL-Figuren von Maria und Josef einfach nur Show und Schein, oder steckt dahinter womöglich eine neue populäre Form von Religiosität?

«Solche grossen Figuren und Krippen ermöglichen einen neuen Zugang zu Weihnachten und sind deshalb so populär.»

«Ich denke tatsächlich, dass solche grossen Figuren und Krippen einen neuen Zugang zu Weihnachten ermöglichen und deshalb so populär sind», sagt Isabelle Noth von der Universität Bern. Sie ist Professorin für Seelsorge, Religionspsychologie und Religionspädagogik am Institut für praktische Theologie der Theologischen Fakultät.

Versuch, sich mit Religion auseinanderzusetzen

Der Kauf solcher Figuren in den Baumärkten sei der Versuch, so Noth, etwas von diesem positiven Gefühl, das diese in den Baumärkten verbreiten, privat einzuholen. «Es handelt sich meines Erachtens um eine weitere Spielart der zahlreichen Versuche, sich mit Religion beziehungsweise dem christlichen Glauben weiterhin auseinanderzusetzen, auch wenn oder gerade weil Religion immer wieder als passé bezeichnet wird. Das ist sie aber offensichtlich ganz und gar nicht – sogar in den Baumärkten nimmt sie viel Platz ein!»

Isabelle Noth ist
Co-Direktorin am Institut für Praktische Theologie und 
Professorin für Seelsorge, Religionspsychologie und Religionspädagogik an der Universität Bern.
Isabelle Noth ist Co-Direktorin am Institut für Praktische Theologie und Professorin für Seelsorge, Religionspsychologie und Religionspädagogik an der Universität Bern.

Zwar dürfe der Kauf solcher Krippenfiguren nicht mit gelebter Religiosität oder Glauben gleichgesetzt werden darf: «Religion bleibt ein Thema, beschäftigt die Menschen, und irgendwie will man mit ihr verbunden bleiben und sich an sie erinnern», so die Berner Religionspsychologin.

«Denn die Ahnung bleibt, dass sie von etwas handelt, das uns zutiefst betrifft», so Noth. «Weihnachtskrippen sind Ausdruck tief verankerter menschlicher Hoffnungen. Und wie wir wissen: die Hoffnung stirbt zuletzt und aus christlicher Sicht: sie ist nicht tot zu kriegen.»

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Maria, Josef und ein Engel – neuerdings im XXL-Format zu kaufen | © Wolfgang Holz
12. November 2025 | 17:00
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