Schweiz

Lochers Ehefrau kritisiert Synode: «Die Reformierten veranstalten eine Inquisition wie im Mittelalter»

Bislang hat sich Gottfried Lochers Ehefrau zurückgehalten. Nun hat Barbara Locher einen Brief verschickt – kurz vor der Synode am Sonntag. Sie wittert eine Intrige: «Erwachsene Frauen streiten besser auf Augenhöhe als unter der Gürtellinie», findet Barbara Locher. kath.ch veröffentlicht den Brief in voller Länge.

«An die Synode des Vereins ‘Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz’

Muri b. Bern, im September 2021

Sehr geehrte Damen und Herren

Ich bin die Ehefrau Ihres ehemaligen Präsidenten, Gottfried Locher. Ich schreibe Ihnen, um Ihnen meine Bestürzung über Ihr Vorgehen auszudrücken.

Sie haben einen kirchlichen Schauprozess gegen meinen Mann aufgeführt. Am Rechtsstaat vorbei haben Sie Ihre eigene Scheinjustiz installiert – ohne Strafanzeige, ohne Strafverfahren, ohne Rechtsmittel. Ihre Prozessvollstrecker waren Partei und machten keinen Hehl daraus.

Sie haben es von Beginn weg öffentlich gesagt, schon vor über einem Jahr im Schweizer Fernsehen. Sie waren gleichzeitig Kläger und Richter. Sie haben mehrere Anwälte bezahlt, um gegen meinen Mann vorzugehen. Sie waren nicht neutral, sondern Partei.

Ihr Gutachten ist ein Parteigutachten, gekauft bei einer weiteren Anwältin Ihrer Wahl. Ihre PR-Leute haben eine einseitige öffentliche Kampagne geführt. Für all das haben Sie Hunderttausende von Franken bewilligt. Für eine Verteidigung hingegen nicht einen Franken. So «neutral» waren Sie. 

Das Kirchengericht, das Sie hier simulieren, ist Ihre Erfindung. Wir leben in einem Rechtsstaat. Muss ich Sie daran erinnern? Niemand hat Klage eingereicht. Kein Gericht hat getagt. Mein Mann ist so unbescholten wie Sie hoffentlich auch. Er hat sich nichts zuschulden kommen lassen.

Dass Ihr Verein das nicht laut und deutlich sagt, ist unerträglich. Ausgerechnet die Reformierten veranstalten eine Inquisition wie im Mittelalter. Nicht einmal die Aufforderung zum anonymen Denunziantentum hat gefehlt. 

Wozu diese Inquisition dient, spüren viele Menschen längst: Ihre «Kirche» will Gottfried Locher zum Schweigen bringen. Er hat für die reformierte Stimme in der Schweiz und international mehr geleistet als die mediokren Kirchenoberen, die sich jetzt wohlfeil von ihm distanzieren. Seine Ausstrahlung in Gesellschaft, Politik und Ökumene hat sie überragt. Das haben sie ihm nicht verziehen.

Ein Mann, dem man angebliche «Grenzverletzungen» vorwirft, hat keine Chance, fair behandelt zu werden. Der Begriff ist nicht justiziabel, man kann sich nicht dagegen wehren.

Nur wer selbst an der Seite eines solchen Mannes steht, weiss, was eine solche Diffamierung bedeutet, beruflich, sozial, persönlich. Für ihn als Mann. Für uns als Familie. Und für mich als Frau. Scheinheilig sprechen Sie vom Schutz vor Grenzverletzungen. Aber die Grenzverletzungen an meiner Familie kümmern Sie nicht. 

Männern «Grenzverletzungen» anzuhängen ist zwar im aktuellen Klima wirkungsvoll, aber es ist unwürdig. Uns Frauen wird es auf Dauer mehr schaden als nützen. Denn es macht uns zu Opfern, die wir nicht sind. Erwachsene Frauen streiten besser auf Augenhöhe als unter der Gürtellinie. 

Mit Mitleid schaue ich auf die frühere Mitarbeiterin, die zu dieser Intrige Hand bot. Eine Frau, die jahrelang um meinen Mann geworben hatte. Was sie an ihm bewunderte, blieb ihr unerreichbar. Nun hat sie sich für fremde Zwecke benutzen lassen. 

Ich bin mit einem Mann verheiratet, der nicht fehlerfrei ist, aber authentisch. Das unterscheidet ihn wohltuend von den vielen heuchlerischen «Geistlichen». An seiner Seite zu stehen ist ein Privileg, jetzt ganz besonders. 

Sehr geehrte Damen und Herren, Sie tragen die Verantwortung für das, was geschehen ist. Ich kann darin nichts Christliches erkennen. 

Mit freundlichen Grüssen

Barbara Locher»

Anmerkung der Redaktion: Am Sonntag beginnt die EKS-Synode in Bern. Der Locher-Komplex steht am Montag auf der Tagesordnung.


Gottfried Locher nach seiner Wahl 2018 in Schaffhausen. | © Keystone
5. September 2021 | 14:00
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