Hl. Franz von Assisi | © 2007 flickr Walter A. Aue
Vatikan
Hl. Franz von Assisi | © 2007 flickr Walter A. Aue

Lehrschreiben mit Haken – Wie die Papstenzyklika den heiligen Franz von Assisi zitiert

Rom, 17.6.15 (kath.ch) Die neue Enzyklika von Papst Franziskus hat einen Haken, und zwar im Titel: Die offizielle vatikanische Schreibweise der beiden Anfangsworte ist: Laudato si’ – also mit einem Auslassungszeichen (Apostroph) hinter dem «i». Viele Medien verzichten auf den kleinen hochgestellten Strich; andere schreiben «sii». Der Grund der kleinen Sprachverwirrung liegt in der Geschichte.

Burkhard Jürgens

Der Name der Enzyklika – zu Deutsch «Sei gepriesen» – ist dem Sonnengesang des Franz von Assisi (1181/82-1226) entnommen. In acht zentralen Strophen ruft der Armenapostel mit einem wiederkehrenden «Sei gepriesen, mein Herr» zum Lob Gottes durch die Schöpfung auf. Genannt werden, jeweils lyrisch ausgedeutet, «Bruder Sonne» und «Schwester Mond», «Schwester Wasser» und «Bruder Feuer» sowie «Mutter Erde» und andere Phänomene der geschaffenen Welt.

Die älteste erhaltene Fassung dieses Sonnengesangs findet sich in einer in Assisi aufbewahrten Handschrift. Der Pergament-Codex mit der Katalognummer 338, gehütet vom Franziskanerkloster neben der Basilika des Heiligen, entstand aus der Mitte des 13. Jahrhunderts, jedenfalls noch zu Lebzeiten des Franziskus-Biografen Thomas von Celano (um 1190-1260).

Die richtige Schreibweise

Franziskus benutzte die mittelitalienische Umgangssprache seiner Zeit; sein Sonnengesang gilt als frühestes Werk der italienischen Literaturgeschichte überhaupt. So hält auch der Codex, eigentlich ein Sammelband mehrerer Texte von und über Franziskus, einfach das gesprochene Umbrisch des Bettelbruders fest: Bei der ersten Nennung des kehrversartigen «Sei gepriesen …» heisst es «laudato sie». In den folgenden Strophen steht dann aber «laudato si».

In der modernen Wiedergabe des Urtextes wird das ausgefallene «e» durch einen Oberstrich gekennzeichnet; das entspricht herausgeberischer Praxis. Im Original selbst finden sich als Satzzeichen nur Punkt und Komma sowie Gedankenstriche zur Abgrenzung der einzelnen Strophen.

Erlaubte Varianten

Zur Zeit des heiligen Franz gab es diesen sogenannten Apostroph noch gar nicht. Er wurde erst von dem französischen Buchdrucker und Schriftschneider Geoffroy Tory (um 1480-1533) erfunden und zusammen mit den Akzenten in die Buchdruckkunst eingeführt.

Weil bei einer korrekten Zitierweise des Titels drei Oberstriche aufeinanderfolgen würden (Apostroph plus Abführung), lassen die deutschen Agenturen das Häkchen hinter dem «si» in der Regel weg. Im heutigen Italienisch lautet der Kehrvers des Sonnengesangs «Lodato sii»; die Schreibweise «Laudato sii» für die Enzyklika wäre demnach eine Mischform.

Eindeutig falsch

So oder so falsch ist übrigens die Grosschreibung des «Si». Zwar schwankt die Praxis in der Geschichte der Enzykliken seit 1740, als Faustregel kann aber gelten: Mit einem Versal beginnen ausser dem ersten Wort nur Eigennamen oder Gottesbezeichnungen. Demach also: «Aeterna Dei sapientia» (Gottes ewige Weisheit, 1961) und «Ad Petri cathedram» (Auf den Stuhl Petri, 1959), aber «Ut unum sint» (Dass sie eins seien, 1995).

Papst Franziskus, der beim Sprechen gerne Anklänge an den Genueser Dialekt seiner Vorfahren und spanisch-argentinische Einsprengsel ins moderne Hochitalienisch einfliessen lässt, scheint an dem sprachgeschichtlich komplexen Titel jedenfalls Gefallen gefunden zu haben. (cic)

 

 

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