Schweiz

Konservativer Katholik wechselt von der «Tagespost» zur NZZ

Der Chefredaktor der konservativen «Tagespost» wechselt in das Berliner Büro der «Neuen Zürcher Zeitung». Oliver Maksan beginnt seinen neuen Job am 1. Juli. Er hat einen guten Draht zu Vitus Huonder und Martin Grichting. Die einst liberale NZZ findet in Deutschland vor allem unter AfD-Anhängern Zuspruch.

Chefredaktor Oliver Maksan verlässt die «Tagespost» auf eigenen Wunsch zum 30. Juni, teilte das Blatt am Montag mit. Bis zur Bestellung eines Nachfolgers werde sein Stellvertreter Guido Horst die Vertretung übernehmen. Wie die «Neue Zürcher Zeitung» (NZZ) ebenfalls am Montag mitteilte, tritt Maksan per Juli in das Berliner Redaktionsteam der NZZ ein.

20 Prozent Auflagenzuwachs unter Maksan

Man bedauere ausserordentlich, dass Maksan seine Aufgaben als Chefredaktor und Geschäftsführer des Verlages nach fünf erfolgreichen Jahren aufgebe, erklärte Norbert Neuhaus. Weiter sagte der Gesellschaftervertreter des Johann-Wilhelm-Naumann-Verlages, in dem die Zeitung erscheint: «Aber natürlich respektieren wir seine Entscheidung, sich beruflich neu zu orientieren, und wünschen ihm dafür alles Gute und weiterhin viel Erfolg.»

Herausgeber und Mitarbeiter seien Maksan zu grossem Dank verpflichtet, sagte Neuhaus. Unter seiner Führung sei das Produkt «Die Tagespost» komplett neu aufgestellt worden. Die Einrichtung einer redaktionell betreuten Internetseite und die Umstellung auf eine inhaltlich verdichtete Wochenzeitung hätten sich als wegweisend erwiesen: «Steigende Reichweiten Online und fast 20 Prozent Auflagenzuwachs Print zeigen das.»

Seit 2016 Chefredaktor der «Tagespost»

Der scheidende Chefredaktor dankte Neuhaus und den Mitherausgebern für das ihm entgegengebrachte Vertrauen: «Ich bin dankbar und stolz auf das, was wir in den letzten Jahren gemeinsam erreichen konnten.»

Der 1979 geborene Maksan absolvierte ab 2007 ein Volontariat bei der «Tagespost». Danach trat er als Redaktor für Innenpolitik in die Redaktion ein. Zwischen 2012 und 2016 berichtete er als Korrespondent aus Israel und der arabischen Welt mit Sitz in Jerusalem. Am 1. Juli 2016 übernahm er als Chefredaktor und Geschäftsführer die Verantwortung für Zeitung und Verlag.

Beliebt bei der früheren Bistumsleitung von Chur

Die «Tagespost» ist eine konservative katholische Zeitung, die einen guten Draht zur ehemaligen Churer Bistumsleitung hatte. Umstrittene Figuren wie der ehemalige Generalvikar Martin Grichting oder der ehemalige Churer Professor Dominikus Kraschl schrieben regelmässig Gastbeiträge. Die «Tagespost» war zeitweise das einzige Medium, dem der frühere Bischof Vitus Huonder Interviews gab. Die «Tagespost» kritisiert immer wieder den Kurs der vergleichsweise liberalen Bistümer St. Gallen und Basel.

Der emeritierte Bischof Vitus Huonder

Das erweiterte Berliner Büro der NZZ soll den Expansionskurs im deutschen Markt fortsetzen. Das Berliner Büro gilt als Baby des Deutschland sehr verbundenen NZZ-Chefredaktors Eric Gujer. Inwiefern sich das Berliner Büro rechnet, ist unklar. Laut NZZ-Sprecherin Seta Thakur hat die NZZ zum Jahresbeginn die Kosten für ein Digital-Abo in Deutschland von 100 auf 120 Euro erhöht. Insgesamt gebe es 30’000 voll zahlende Abo-Kunden.

«Wir haben unser Berliner Büro seit 2017 kontinuierlich ausgebaut. Allein im vergangenen Jahr ist die Zahl der vollbezahlten Abos um gut 70 Prozent gewachsen. Seit Jahresende haben wir das Team in Deutschland von etwa 10 auf rund 20 Stellen aufgestockt», teilte Thakur mit.

Von der FAZ zur NZZ

Früher war die NZZ in Deutschland nur eine Zeitung für Fachkreise aus Politik, Diplomatie, Wirtschaft und Kultur. Der NZZ-Expansionskurs gilt als Gujers Antwort auf den Aufstieg der AfD. Die NZZ setzt auf Menschen, die etwa von der konservativen «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» enttäuscht sind.

Auf Twitter bestreitet der Berliner NZZ-Büroleiter Marc Felix Serrao, dass die NZZ in Deutschland vor allem unter AfD-Anhängern Zuspruch finde. 2020 hatte die Republik berichtet: «Besonders häufig profiliert sich die NZZ in Deutschland mit Artikeln über die ‘vergiftete Saat der Flüchtlingskrise‘, Kritik an Merkel (‘eine Untote‘), Klagen darüber, dass ‘die sogenannten Bio-Deutschen, also Deutsche ohne Migrations­hintergrund’, bald in der Unterzahl sein werden (der Begriff wurde nach einem Shitstorm gelöscht), oder wenn sie, gern mehrmals pro Woche, gegen eine angebliche linke Meinungsdiktatur anschreibt.» Für ein Interview stand Serrao nicht zur Verfügung.

Eine erste Version dieses Artikels erschien am 31.05.2021. Der Artikel wurde am 01.06.2021 um Äusserungen der NZZ-Sprecherin Seta Thakur, des NZZ-Büroleiters Marc Felix Serrao und um ein Zitat aus der «Republik» ergänzt. Auch haben wir nach Hinweisen auf eine Preiserhöhung bei der NZZ den Abopreis korrigiert: Ein monatliches NZZ-Digitalabo kostet mittlerweile 120 Euro in Deutschland und nicht wie bis Dezember 100 Euro. (kna/rr)


Der Bundestag in Berlin | © Georges Scherrer
31. Mai 2021 | 17:07
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