Wahlresultate vom 18. Oktober im "20 Minuten" vom 19. Oktober
Schweiz

Wahlkommentar: Zuhören statt jammern

Zürich, 19.10.15 (kath.ch) Mehr Synodengeist in der Schweizer Politik, fordert kath.ch-Redaktorin Sylvia Stam in ihrem Kommentar zu den Wahlen vom vergangenen Wochenende.

Sylvia Stam

Überraschung gestern an der Frankfurter Buchmesse: Navid Kermani, der den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, rief am Ende seiner Rede nicht zum Krieg, sondern zum Gebet auf. Und verband damit auf eindrückliche Weise Politik mit Religion.

Überraschung herrschte gestern ebenfalls in den Wahlstuben und Parteilokalen vor. Überrascht hat nicht etwa der Rechtsrutsch durch den Wahlsieg der SVP, überrascht hat vielmehr das Ausmass dieses Sieges. Als christlich denkender Mensch, der die von Papst Franziskus immer wieder eingeforderte Barmherzigkeit mit Menschen am Rande, auch die am Rande Europas, ernst zu nehmen versucht, reibe ich mir an diesem Tag nach den Wahlen die Augen: In was für einem Land lebe ich denn, dass 30 Prozent der Wählerschaft ihre Stimme einer Partei gibt, die angesichts sinkender Boote auf dem Mittelmeer von einem «Asylchaos» hierzulande spricht? Habe ich etwas verpasst? Leben wir denn nicht in einem der reichsten Länder der Welt? Und verlangt christliche Nächstenliebe denn nicht, dass ich diesen Reichtum teile, der nota bene auch auf Kosten derer entstanden ist, die da aus wirtschaftlichen Gründen fliehen?

Vielleicht habe ich tatsächlich etwas verpasst. Vielleicht habe ich es verpasst, auf die Ängste derer zu hören, die sich nun abschotten und die Grenzen dicht machen wollen. Vielleicht müsste auch in unserem Alltag und in unserer Politik jener Geist der Bischofssynode Einzug halten, an den Papst Franziskus immer wieder appelliert: Das Aufeinander-Hören. Vielleicht läge hier ein Schlüssel zu den verhärteten Fronten von rechten und linken Positionen.

Ich meine damit nicht, die eigenen Werthaltungen aufzugeben, jedoch zu hinterfragen, was der Antrieb hinter diesen Haltungen ist. Welches unausgesprochene Bedürfnis der scheinbar sachlichen Argumentation zu Grunde liegt. Um das zu können, bedarf es vielleicht tatsächlich dessen, worauf sich auch die Bischofssynode immer wieder beruft: Die Wirkung des Heiligen Geistes. Oder, etwas weltlicher ausgedrückt: Die Offenheit zu authentischer, zwischenmenschlicher Begegnung, auch mit dem politischen Gegner, und den Blick für das Ganze, in diesem Fall das Wohl der Gesellschaft, die eine globalisierte geworden ist. Das bedeutet auch, Erwartungen loszulassen, sich Unerwartetem zu öffnen. Wo dies geschieht, wird Undenkbares möglich.

Eine utopische Haltung? Aber könnte ich denn Christin sein, wenn ich nicht an Wunder glauben würde? (sys)

 

Wahlresultate vom 18. Oktober im «20 Minuten» vom 19. Oktober | © 2015 Sylvia Stam
19. Oktober 2015 | 10:39
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