Zwei junge Frauen der Gemeinschaft der Rikebaktsa, Brasilien.
International

«Katholischer Kontinent» befindet sich in rasantem Wandel

Der verstorbene Papst Franziskus hat seinen Kontinent und sein Heimatland Argentinien geliebt. Er hat hart für ihn gekämpft; auch weil er die Gefahren für dessen Zukunft erkannte.

Alexander Brüggemann

Lateinamerika heisst auch der «katholische Kontinent». Doch wäre es Illusion – wie man spätestens seit der Amtszeit von Papst Franziskus weiss -, einen gesamten Subkontinent als kulturellen oder gesellschaftlichen Monolithen wahrzunehmen. Lateinamerika, das ist ein Gesamt von Ländern wie in Europa etwa Albanien und Norwegen, die Schweiz und Russland.

Missbrauchsskandale in Mexiko und Chile

Die katholische Kirche in Lateinamerika hängt zwischen Baum und Rinde. Einerseits wurden in westlicher orientierten Ländern wie Chile oder Mexiko kirchliche Missbrauchsskandale von teils grossem Ausmass aufgedeckt. Zugleich schlagen vor allem soziale Nöte gnadenlos zu, die noch verstärkt wurden durch die Corona-Pandemie. In ihrem Kampf gegen Not leidet die Kirche auch unter gravierendem Priester- und Seelsorgermangel sowie der Abwerbung von Gläubigen durch Sektenkirchen und unseriöse Heilsversprecher.

Stand mit Souvenirs, Heiligenfiguren und Heiligenbildern am Heiligtum "Unsere Liebe Frau von Guadalupe" in Mexiko-Stadt.
Stand mit Souvenirs, Heiligenfiguren und Heiligenbildern am Heiligtum "Unsere Liebe Frau von Guadalupe" in Mexiko-Stadt.

Rund 500 Millionen Katholikinnen und Katholiken

Mehr als 500 Millionen und damit über 40 Prozent der Katholiken weltweit leben in dieser Region, die massgeblich durch vier Jahrhunderte spanischer und portugiesischer Kolonialgeschichte geprägt ist.

Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts brachte für Lateinamerikas Ortskirchen vielfache Umbrüche. Die traditionelle Allianz zwischen Kirchenoberen und herrschenden Eliten wurde aufgebrochen: Das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) und die «Theologie der Befreiung» auf der einen sowie zahlreiche blutige Bürgerkriege und Militärdiktaturen auf der anderen Seite brachten die Kirche zu einer «vorrangigen Option für die Armen» und Unterdrückten. Dafür gerieten Bischöfe und Menschenrechtler ins Visier gedungener Mörder.

Hausfassade mit einem grossem Bild von Papst Franziskus an einer Strassenkreuzung in Buenos Aires (Argentinien), 23. September 2023.
Hausfassade mit einem grossem Bild von Papst Franziskus an einer Strassenkreuzung in Buenos Aires (Argentinien), 23. September 2023.

Befreiungstheologie als Reizthema

Die Sicht auf die Theologie der Befreiung ist bis heute mit Ideologisierungen behaftet und umstritten. Für Johannes Paul II. (1978-2005), den Papst aus dem kommunistisch regierten Polen, war der Gedanke an eine Verquickung von Christentum und Marxismus unerträglich. Auch sein oberster Glaubenshüter Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI. (2005-2013), dachte im Umgang mit der Befreiungstheologie vor allem europäisch.

Ein theologischer «Rollback» war die Folge: Lateinamerikas Bischöfe standen zwischenzeitlich deutlich weniger «links» als die der 80er Jahre. Zugleich fanden Botschaften der lateinamerikanischen Theologie Eingang in die offizielle Sozialverkündigung der Gesamtkirche. Papst Franziskus (2013-2025) war in diesem Sinne ein linker Lateinamerikaner auf dem Papstthron («Diese Wirtschaft tötet!»). Seine vertrauliche Nähe zu Linkspolitikern seines Kontinents ist ihm im Westen oft angelastet worden.

Auch seine Stimme ist verstummt: Befreiungstheologe Ernesto Cardenal aus Nicaragua starb 2020.
Auch seine Stimme ist verstummt: Befreiungstheologe Ernesto Cardenal aus Nicaragua starb 2020.

Grundpfeiler des Zusammenlebens

So verschieden die gesellschaftliche, wirtschaftliche und kirchliche Lage in den Ländern des Subkontinents ist: In den vergangenen Jahren war in vielen Staaten Lateinamerikas, ausgehend von Venezuela, Ecuador, Nicaragua und Bolivien – ein politischer Linksruck zu verzeichnen, den die katholische Kirchenführung dort oft kritisch begleitete. Mancherorts sind sogar Bischöfe die einzig vernehmbare Opposition, wie auf Kuba oder in Venezuela und Nicaragua.

Dabei legen die Kirchenführer Wert auf die Feststellung, ihnen gehe es nicht um Parteipolitik, sondern um die Grundpfeiler gesellschaftlichen Zusammenlebens: Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit und Menschenwürde. Weitere Positionen im Sozialen Diskurs sind der Schutz von Migranten, der traditionellen Familie, Lebensschutz oder der Kampf gegen Drogenkriminalität.

Explosion evangelikaler Sekten

Ein starker Trend auf dem Kontinent ist die fast explosionsartige Ausbreitung evangelikaler Gemeinschaften. Einst von den USA massiv befördert als ein Gegengewicht zum «linken», befreiungstheologisch geprägten Katholizismus, gewannen diese Gruppierungen mit massiver medialer Präsenz, einer rasant schnellen «Ausbildung» von Predigern und haltlosen Heilsversprechen grossen Zulauf; vor allem dort, wo die «normale» katholische Pfarrseelsorge durch Priestermangel an die Grenzen ihrer Ressourcen stösst: in den Favelas, bei Verzweifelten und Heilsuchenden.

Gottesdienst an der Amazonas-Synode, 2019
Gottesdienst an der Amazonas-Synode, 2019

Tiefe Religiosität ist in Lateinamerika ein so allgemeines wie alltägliches Phänomen. Der Glaube ist hier viel stärker emotional geprägt als von kritischer Vernunft oder Empörungskultur. Gemeinde ist oft noch tatsächlich Ort gemeinsamen Lebens, Lernens und Teilens.

Basisgemeinden und Hauskirchen

Hier gibt es «Kleine Gruppen», Basisgemeinden, Hauskirchen, für die sich Familien zusammenschliessen, um Gottesdienst zu feiern. Junge charismatische Gemeinschaften unterhalb von «kirchlichen Strukturen» zu fördern, war ein Ansatz der Versammlung von Aparecida 2007, wo der Lateinamerikanische Bischofsrat CELAM – unter Federführung des späteren Papstes Franziskus – eine neue «kontinentale Mission» beschloss.

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In den vom Modernisierungsschub erfassten Ländern Lateinamerikas hat die katholische Kirche nach wie vor eine starke Stimme. Sie hat aber täglich zu kämpfen – und vielfältige Vermittlungsprobleme. (kna)


Zwei junge Frauen der Gemeinschaft der Rikebaktsa, Brasilien. | © Fastenopfer/Stefan Salzmann
12. Mai 2025 | 11:00
Lesezeit : ca. 3  Min.
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