Katholikin steht neu an der Spitze der nordirischen Regierung
Die 47-jährige Michelle O’Neill wurde in Nordirland zur neuen «First Minister» gewählt. Damit hat das Land nach einer zweijährigen politischen Krise wieder eine Regierung und zum ersten Mal auch eine Katholikin an ihrer Spitze.
Sarah Stutte
Als Kind erlebte Michelle O’Neill den Nordirlandkonflikt hautnah mit. Der Zeit zwischen 1969 und 1998, als sich Protestanten und Katholiken einen blutigen Kampf um die Identität ihres Heimatlandes lieferten. Während die Erstgenannten Teil des Vereinigten Königreichs Grossbritanniens und Nordirlands bleiben wollten, versuchten sich die Katholiken von der – in ihren Augen – «britischen Besatzung» zu befreien und sich mit der Republik Irland zu vereinen.
An vorderster Front kämpfte damals die Irisch-Republikanische Armee (IRA) mit zahlreichen Bombenanschlägen, Entführungen und Raubüberfällen für ein unabhängiges Irland. Michelle O’Neills Vater war Aktivist dieser Terrororganisation und sass dafür im Gefängnis. Später suchte er den friedlichen, politischen Weg der irischen Wiedervereinigung. Diese Erfahrungen haben die 47-jährige Politikerin geprägt. Sie folgte dem Weg ihres Vaters und träumte fortan von einem geeinten Irland.
Erste Ministerin für alle
Diesem Traum ist sie nun einen grossen Schritt nähergekommen. Am Samstag wurde Michelle O’Neill vom Regionalparlament in Belfast zur «Ersten Ministerin» Nordirlands gewählt. Genau 26 Jahre nach Abschluss des Karfreitagsabkommens, mit der die gewaltgeladene Phase des Nordirlandkonflikts 1998 beendet wurde.
Das ist aus mehreren Gründen ein historischer Moment. Denn O’Neill gehört der Partei Sinn Fein an. Diese kämpft für die Wiedervereinigung der Republik Irland und der Provinz Nordirland und gewann 2022 die Wahlen. Damit ist Michelle O’Neill nicht nur die erste Vertreterin ihrer Partei an der Regierungsspitze, sondern auch die erste Katholikin an vorderster Front. Bisher hatten immer Parteivertreterinnen und -vertreter des protestantischen Lagers die Regierung angeführt, die sich die letzten zwei Jahre gegen eine solche Regierungsbildung wehrten.
Wirtschaftlicher Zusammenschluss
Die 47-Jährige sagt über ihr neues Amt, dass sie eine «erste Ministerin für alle» sein werde. Sie sei sich im Klaren darüber, dass die Verbitterung zwischen Protestanten und Katholiken über den damaligen Bürgerkrieg nach wie vor gross sei und sie die Vergangenheit nicht ändern könne. Doch sie betonte, dass «wir alle nach vorn schauen müssen», wie in einem Artikel der «NZZ am Sonntag» zu lesen war.
Die grosse Aufgabe, die O’Neill dabei zu leisten hat: Sie muss einerseits in Nordirland beide Lager von einer Einigung überzeugen können. Doch auch auf der anderen Seite der irischen Grenze braucht es genügend Menschen, die sich in einer Volksabstimmung für diesen Schritt entscheiden. Damit dies geschieht, will O’Neill beispielsweise in den nordirischen Wohnungsbau und in den Ausbau des Gesundheits- und Bildungssystems investieren. Zugute kommt ihr, dass seit dem Brexit Nordirland und Irland wirtschaftlich ebenfalls zusammengewachsen sind.
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