Kardinal Schönborn über Diskussionsgruppe mit Kurt Koch: Fetzen fliegen noch nicht

Rom, 9.10.15 (kath.ch) Kardinal Christoph Schönborn hat die Wortmeldungen bei der Bischofssynode seit deren Start am Montag (5. Oktober) als ein Meinungsspektrum zur Familiensituation mit «ganz grossen Unterschieden» charakterisiert. Es zeige sich deshalb, dass die Synode «ein äusserst mühsamer Weg» werden dürfte. Zugleich zeigte er sich aber über den bisherigen Verlauf der Synode mit vielen offenen Diskussionsmöglichkeiten sehr zufrieden.

Der Wiener Erzbischof äusserte sich in einem Interview für die französische sowie die deutsche Redaktion von Radio Vatikan am Freitag, 9. Oktober, im Anschluss an fünf anstrengende, je dreistündige Diskussionsrunden in der hochkarätig besetzten deutschsprachigen Kleingruppe, die er moderiert. Ihr gehören unter anderem die Kardinäle Walter Kasper, Reinhard Marx, Gerhard Müller und Kurt Koch an.

Gegenüber der deutschen Redaktion von Radio Vatikan meinte der Kardinal, dass ihm die deutschsprachige Kleingruppe kulturell fast ein bisschen zu homogen sei, da alle Vertreter aus Mitteleuropa kommen würden. «Die Fetzen sind jedenfalls noch nicht geflogen», wie dies manche Beobachter aufgrund der Zusammensetzung der Gruppe vermutet hätten.

Das liege freilich wohl auch daran, dass es in der ersten Woche der Synode vor allem um den «gemeinsamen Blick auf die Realität geht, in der wir leben». Und diesbezüglich bestehe sehr viel Einmütigkeit. In der zweiten und dritten Synodenwoche, wenn es um die kirchliche Lehre und die Seelsorge geht, werde die Debatte wohl sicher spannungsreicher verlaufen.

Scheidungen schneiden tief in Familien hinein

Der Wiener Erzbischof wies im Interview auch auf «den Schaden, den jede Scheidung bei Kindern und im familiären Umfeld verursacht», hin. Das Thema sei bei den Synodensitzungen oft präsent. «Es ist kein Geheimnis, dass wir sehr facettenreiche Sitzungen erleben. Es gibt Diskussionen, und es gibt notwendige, sogar heilsame Spannungen», fasste Kardinal Schönborn zusammen.

Dabei zeige sich auch, dass es «immer die persönliche Erfahrung ist, die die einzelnen Beiträge zur Debatte färben», analysierte Schönborn. Jeder der Mitbrüder der Synode komme «mit seinem eigenen Erleben der Familie, ihren Freuden und Leiden», was den Debatten manchmal eine stark emotionale Dimension gebe, was aber durchaus positiv sei. «Die Familie ist so tief in der menschlichen Natur und in der Menschheit verwurzelt, dass man sagen kann: Wenn es ein kulturübergreifendes Menschheitsthema gibt, dann ist das sicher die Familie», betonte der Wiener Erzbischof.

Leiden der Kinder zu wenig thematisiert

Der frühere Dogmatikprofessor an der Universität Freiburg (Schweiz) äusserte sich auch zur Trennung von Paaren. Er wies auf die tiefen seelischen Schäden hin, die dadurch bei Kindern, Partnern, der Umwelt und der Gesellschaft verursacht werden. Es gelte einerseits die Bedeutung der Lehre zur Ehe-Unauflöslichkeit anzuerkennen, doch sei es wichtig, jeweils konkret zu prüfen, «wie man sich angesichts von so stark unterschiedenen Situationen, die aber doch wieder etwas Gemeinsames haben, zu verhalten hat».

Das Leiden der Scheidungskinder, das auch im «Instrumentum laboris» vorkommt, ist laut Kardinal Schönborn nur unzureichend in den Diskussionen angesprochen worden. Er selbst habe die Trennung seiner Eltern «als eine der schmerzhaftesten Momente meines Lebens» erlebt.

«Weder Rigorismus noch Laxismus»

Gegenüber der deutschen Redaktion von Radio Vatikan bekräftigte Schönborn einmal mehr, dass sowohl das Extrem des Rigorismus wie auch des Laxismus bei der Synode nichts verloren hätten. Das Evangelium lehre keinen Rigorismus. Jesus habe auf das Herz der Menschen geblickt, ihm sei es um konkrete Hilfe für die Menschen gegangen.

So müsse es auch in der Kirche darum gehen, in der Haltung der Barmherzigkeit auf die Not und den guten Willen der Menschen zu sehen; zugleich natürlich auch das Versagen und Scheitern in den Blick zu nehmen, «aber nicht verurteilend, sondern helfend und begleitend». Zugleich gelte es natürlich stets zu beachten, was Papst Franziskus als «Gottes Traum für seine geliebte Menschheit» bezeichnete – die gelungene Familie.

Gefahr von Spaltungen bei Synode

Schönborn warnte in dem Journalistengespräch laut der Mailänder Tageszeitung «Corriere della Sera» auch vor der Gefahr von Spaltungen bei der Synode. Es bestehe die Versuchung, Gruppierungen aufzubauen, als wären diese politische Parteien. Damit würde man nur die «Logik der Trennung» nähren. «Wir haben einen arbeitsreichen, aber notwendigen Weg unternommen», betonte der Kardinal. Er gab zu, dass es «verschiedene Sensibilitäten» gebe. «Wenn man die Aufmerksamkeit auf einen Aspekt konzentriert, besteht die Gefahr, dass man andere nicht sieht», erklärte der Wiener Erzbischof.

Dialog sei im Rahmen der Familiensynode daher prioritär. «Wir sind hier, um unsere Erfahrungen, Sensibilitäten und Leiden zu teilen und auch unsere Ängste. Franziskus hat uns aufgefordert, mit Offenheit zu sprechen und mit Bescheidenheit zuzuhören. Auf diese Weise kann man Schritt für Schritt Klarheit schaffen», meinte Schönborn. Der Papst habe dabei vor «Nachlässigkeit und übertriebener Strenge» gewarnt. Man dürfe nicht der «Versuchung der Härte» nachgeben und dabei auf Barmherzigkeit und Mitleid verzichten. (kap)

 

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