Schweiz

Kardinal Parolin plädiert in Davos für gerechtere Wirtschaft

Davos/Rom, 20.1.17 (kath.ch) Die Armutsbekämpfung, der Bau von Brücken und der Einsatz für Frieden in konkreten Situationen sind drei zentrale Punkte auf der Sozial-Agenda von Papst Franziskus. Das erläuterte Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin beim Weltwirtschaftsforum in Davos, wie «Radio Vatikan» am Freitag meldete. Das Weltwirtschaftsforum (World Economic Forum/WEF) im Nobelskiort geht am Freitagabend zu Ende.

Wie Parolin weiter betonte, sei für die Vatikan-Diplomatie der Schutz der Religionsfreiheit prioritär. Der Kardinalstaatssekretär bezeichnete diese als «ein erstes Menschenrecht».

Vom WEF in Davos erwartete Parolin konkrete Massnahmen für eine gerechtere Wirtschaft. Denn nur wenn Gerechtigkeit herrsche, könne es auch Frieden in der Welt geben. Die «Nummer Zwei» des Vatikan äusserte sich in einem öffentlichen Gespräch mit dem ehemaligen deutschen Wirtschaftsminister und FDP-Politiker Philipp Rösler, der jetzt Geschäftsführer der Stiftung Weltwirtschaftsforum ist.

Kein Friede bei Angst

Unter Berufung auf den Wahlspruch von Papst Pius XII. betonte Parolin: «Opus iustitiae pax – das Werk der Gerechtigkeit ist der Frieden». Mit Blick auf das atomare Wettrüsten der vergangenen Jahre unterstrich Parolin die Position des Heiligen Stuhls, der seit jeher auf atomare Abrüstung dränge. «Ein Frieden, der auf Angst aufbaut, ist kein Frieden. Und atomare Waffen sind eine Art, den anderen Angst einzuflössen, um sie vom Handeln abzuhalten.» Frieden sei auch der Grund, weshalb die vatikanische Diplomatie überhaupt bestehe, so der ranghöchste Vatikandiplomat, der in dem halbstündigen Gespräch auch auf die Rolle der Vatikan-Diplomatie, ihre Ziele und die Krise der Europäischen Union einging.

«Wir müssen anerkennen, dass die Europäische Union derzeit in einer Krise ist. Zunächst möchte ich hervorheben, dass die Europäische Union dem Europäischen Kontinent grosse Vorteile verschafft hat. Das dürfen wir nicht vergessen. Vielleicht ist es eines unserer heutigen Probleme, dass die junge Generation diese Vorteile nicht mehr erkennt. Denken wir beispielsweise an den Frieden: unser Kontinent hat 60 Jahre lang in Frieden gelebt, nach den zerstörerischen Erfahrungen des Ersten und Zweiten Weltkrieges», so Parolin wörtlich.

Freizügigkeit als Gefahr angesehen

Auch die Freizügigkeit im Waren- und Personenverkehr nannte der Kardinalstaatssekretär in seinem Plädoyer für die Europäische Union. Gerade diese Freizügigkeit sei jedoch mit ein entscheidender Grund für den Brexit gewesen, und sie werde auch von anderen Ländern als Gefahr für die je eigene Identität gesehen: «Da gibt es einen Konflikt, das müssen wir anerkennen. Beispielsweise die Tatsache, dass einige Länder entschieden haben, ihre Türen zu schliessen, weil sie sich auf ihre spezifische Identität berufen. Sie haben Angst, dass diese Identität verloren gehen könnte durch die Einreise von Menschen anderer Kulturen und Religionen.»

Das sei insgesamt kein neues Phänomen, betonte Parolin. Vielmehr ziehe sich dies durch die Geschichte der Menschheit, die «eine Geschichte des fruchtbaren Austauschs von Kulturen» sei. Neu sei höchstens die Dimension dieses Phänomens insbesondere für Europa. Zu bedenken sei dabei, dass die meisten Migranten weltweit gar nicht in Europa einträfen.

Verschiedenheit als Quelle der Bereicherung

«Was der Heilige Vater oft gesagt hat, ist das: Die Herausforderung, die vor uns liegt, ist, wie man Verschiedenheiten nicht zu einer Ursache von Konflikt, Zusammenstössen und Trennungen werden lässt, sondern zu einer Quelle gegenseitiger Bereicherung und Fortschritt. Und heute, in unserer multipolaren Welt, in der es so viele Machtzentren und Interessensgruppen gibt, wird das immer wichtiger», hob der Chefdiplomat hervor. (cic)

Pietro Parolin | © KNA
20. Januar 2017 | 16:43
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