Schweiz
Kardinal Koch über Konzil von Nizäa: «Sie verfassten ein Glaubensbekenntnis, das erstmals universalen Wert besass»
Der Schweizer Kardinal Kurt Koch äussert sich zum Konzil von Nizäa, dessen 1700-Jahr-Jubiläum dieses Jahr gefeiert wird. Es ermögliche ein gemeinsames Feiern aller christlichen Kirchen. «Wir müssen uns bemühen, einen gemeinsamen Ostertermin zu finden», sagt Koch. Dieses Ostern feiern alle am 20. April.
Cristina Uguccioni, catt.ch
Angesichts des nahenden Osterfestes, das die Kirchen des Ostens und des Westens dieses Jahr am selben Tag feiern, reflektiert der Schweizer Kardinal Kurt Koch, Präfekt des Dikasteriums zur Förderung der Einheit der Christen, in diesem Gespräch über den Wert des Konzils von Nizäa vor 1700 Jahren. Dieses Konzil, das 325 von Kaiser Konstantin einberufen wurde, stellt einen grundlegenden Wendepunkt in der Geschichte des Christentums und der Weltgeschichte dar.
«Im Jahr 325 war die Kirche noch ungeteilt. Deshalb können alle christlichen Gemeinschaften der Welt diesen Jahrestag feiern.»
Welchen Stellenwert hat das Konzil von Nicäa in der Geschichte der ökumenischen Bewegung? Damals waren zum ersten Mal die Bischöfe des Westens und des Ostens eingeladen.
Kardinal Kurt Koch: Es stellt einen entscheidenden Moment dar: Im Jahr 325 war die Kirche noch ungeteilt, die grossen Trennungen sollten erst in den folgenden Jahrhunderten erfolgen. Deshalb können heute alle christlichen Gemeinschaften der Welt diesen Jahrestag feiern und gemeinsam den christologischen Glauben bekennen, der in Nizäa Gestalt angenommen hat. Ich erinnere daran, dass die 318 Konzilsväter gemeinsam ein «Glaubensbekenntnis» verfassten, das zum ersten Mal universalen Wert besass. Es wurde dann auf dem Konzil von Konstantinopel im Jahr 381 vollendet: Es ist das Glaubensbekenntnis «Nizäo-Konstantinopolitanum», das wir noch heute während der Sonntagsmesse rezitieren.
Die Konzilsväter waren sich im «Glaubensbekenntnis» einig, dass Jesus «von derselben Substanz (griechisch homooúsios) wie der Vater» ist.
Koch: Mit dieser Aussage wurde der Streit von Alexandria auf Ebene der Doktrin endgültig beendet, der zwischen dem Bischof Alexander und dem Priester Arius ausgebrochen war. Letzterer vertrat einen rigiden Monotheismus, demzufolge Christus nicht «Sohn Gottes» im eigentlichen Sinne sein könne, sondern nur ein Zwischenwesen, dessen sich Gott in der Beziehung zu den Menschen bedient. Das Konzil von Nizäa verurteilte diese Position aufs Schärfste und bestätigte endgültig, dass Jesus Christus der wahrhaftige Sohn Gottes ist.
Dieses Glaubensbekenntnis – ich wiederhole es – ist von grosser ökumenischer Bedeutung, denn es wird von der katholischen Kirche, den Ostkirchen, den orthodoxen Kirchen und auch von den aus der Reformation hervorgegangenen kirchlichen Gemeinschaften geteilt.
«Wir müssen eine beunruhigende Sinnentleerung des christlichen Glaubens an Jesus Christus feststellen.»
Glauben Sie, dass es heute ein Wiederaufleben des Arianismus in der Christenheit gibt, also der damaligen Meinung des Priesters Arius?
Koch: Ja, wir müssen eine Arianisierung des Christusglaubens und damit eine beunruhigende Sinnentleerung des christlichen Glaubens an Jesus Christus feststellen. Vielen Gläubigen fällt es heute schwer, zu bekennen, dass Jesus Gott ist: Sie reduzieren ihn auf seine menschliche Dimension, von der sie fasziniert und berührt sind.
Nach einer im vergangenen Jahr in Deutschland durchgeführten Umfrage glauben nur 32 Prozent der Katholikinnen und Katholiken, dass sich Gott in Jesus Christus offenbart hat. Der arianische Geist ist auch eine der grossen Herausforderungen unserer Zeit: Der Jahrestag des Konzils ist eine ausserordentliche Gelegenheit, das christologische Bekenntnis zu bekräftigen.
«Es handelt sich um ein sensibles Thema.»
Das Konzil von Nizäa hat sich auch mit dem Osterdatum befasst: Schon damals gab es unterschiedliche Daten, und das Thema war umstritten. Glauben Sie, dass die Zeit reif ist, um zu einem gemeinsamen Osterdatum zu kommen?
Koch: Der 1700. Jahrestag des Konzils von Nizäa bietet eine besondere Gelegenheit, diese Frage aufzugreifen, zumal die Ost- und die Westkirche in diesem Jahr Ostern am selben Tag, dem 20. April, feiern können. Wir müssen uns bemühen, ein gemeinsames Datum zu finden: Der Wille ist da, aber wir müssen sehr vorsichtig sein, denn es handelt sich um ein sensibles Thema: die Lösung darf keine neuen Spaltungen hervorrufen.
Haben die Kirchen des Ostens den Wunsch geäussert, sich auf ein gemeinsames Datum zu einigen?
Koch: Einige ja: Ich denke dabei an das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel unter der Leitung von Bartholomäus I. und an die koptisch-orthodoxe Kirche Ägyptens unter der Leitung von Tawadros II., Papst von Alexandria. In den anderen Ostkirchen gibt es jedoch keinen solchen Willen: Das orthodoxe Patriarchat von Moskau beispielsweise hat bereits mitgeteilt, dass es nicht beabsichtigt, das Datum zu ändern.
Welche ökumenischen Veranstaltungen werden zur Feier des 1700. Jahrestages des Konzils durchgeführt?
Koch: Die Programme sind noch nicht vollständig festgelegt, daher kann ich sie im Moment noch nicht nennen. Sicherlich wird man das Jubiläum ökumenisch feiern, mit Veranstaltungen, die gemeinsam mit den anderen Kirchen organisiert werden: Unser Dikasterium hat nämlich schon vor zwei Jahren beschlossen, keine Angebote ohne die anderen Kirchen zu machen, sondern sie gemeinsam mit ihnen zu entwickeln. Vor seinem Krankenhausaufenthalt hatte Papst Franziskus auch den Wunsch geäussert, zur Gedenkfeier nach Nizäa zu reisen.
«Es wäre nützlich, wenn die Priester ihre Predigten dem Glaubensbekenntnis widmen würden.»
Wie könnte man diesen Jahrestag in den Pfarreien würdig begehen?
Koch: Ich denke, es wäre nützlich, wenn die Priester ihre Predigten dem «Glaubensbekenntnis» widmen und Begegnungen und Momente der Vertiefung organisieren würden, die dem Dreifaltigkeitsglauben gewidmet sind. Das wäre eine nicht-formale Art, diesen wichtigen Jahrestag zu feiern. Auf diese Weise könnte das Glaubensbekenntnis gewürdigt werden, so dass es den Glauben derjenigen, die sich heute als Christen bekennen, bestätigen und stärken kann. (Adaption: Regula Pfeifer)
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