Kacem El Ghazzali
Schweiz

Kacem El Ghazzali: «Burkaträgerinnen sind Extremistinnen»

Kacem El Ghazzali (30) ist Marokkaner, Atheist und Menschenrechtsaktivist. «Die Verschleierung steht für Frauenverachtung und Extremismus», sagt der Befürworter des Verhüllungsverbots.

Alice Küng

Was symbolisiert eine Burka oder ein Nikab?

Kacem El Ghazzali: Die Verschleierung steht für Frauenverachtung und Extremismus. Es ist ein sexistisches Symbol und erlaubt, dass Frauen in der Öffentlichkeit eliminiert werden. Gleichzeitig werden auch Männer dadurch sexualisiert. Es wird ihnen unterstellt, ihre Lust nach dem weiblichen Körper nicht unter Kontrolle zu haben.

Am 7. März 2021 wird über die Volksinitiative «Ja zum Verhüllungsverbot» abgestimmt. Warum sind Sie dafür?

Ghazzali: Weil ich die Kriminalisierung des weiblichen Körpers und die Ächtung der Würde der Frau nicht akzeptieren kann. Der Nikab hat in unserem liberalen Land nichts zu suchen. Zum ersten Mal unterstütze ich eine Volksabstimmung der SVP. Auch viele Linke sind aus feministischen Gründen für das Verbot.

«Deshalb ist die überwiegende Mehrheit der Muslime für die Initiative.»

Was sagen die Muslime der Schweiz?

Ghazzali: Sie schämen sich für diese Debatte. Sie wollen nicht, dass ihre Religion mit diesem Symbol in Verbindung gebracht wird. Deshalb ist die überwiegende Mehrheit der Muslime für die Initiative.

Die Mehrheit der Schweizer Niqabträgerinnen sind Konvertitinnen. Viele sagen, dass sie das freiwillig machen. Glauben Sie ihnen?

Ghazzali: Es gibt Frauen, die sich freiwillig für das Tragen eines Nikabs entscheiden. Das macht die Situation aber noch schlimmer. Sie haben sich bewusst entschieden, die Gesellschaft mit einem Symbol der Frauenverachtung zu belasten, indem sie die Flagge der islamischen extremen Rechten zur Uniform wählten.

«Sie demonstrieren damit ihre radikale Ideologie.»

Diese Frauen sind oft Extremistinnen und befürworten auch andere extreme Auslegungen des Korans.

Seit Ihrer Jugend setzen Sie sich für die Freiheit und die Menschenrechte ein. Warum sind Sie gegen die Entscheidungsfreiheit einer Frau, einen Niqab zu tragen?

Ghazzali: Sie demonstrieren damit ihre radikale Ideologie und verbreiten ein frauenverachtendes Symbol. Das hat in der Öffentlichkeit nichts zu suchen. Freiwilligkeit war noch nie ein Freipass für Frauenverachtung.

«In der Öffentlichkeit dürfen wir ein solches frauenverachtendes Symbol nicht tolerieren.»

Und was sagen Sie zum Recht auf eine freie Religionsausübung?

Ghazzali: Dieses Recht ist nicht bedingungslos. Man darf es einschränken. In der Burkadebatte geht es um eine gesellschaftliche Frage. Es geht darum, dass wir in der Öffentlichkeit ein solches frauenverachtendes Symbol nicht tolerieren dürfen. Der Niqab bedroht die Freiheit der Frau und normalisiert Sexismus und Frauenhass. Nicht umgekehrt.

Was passiert, wenn die Initiative angenommen wird?

Ghazzali: Ein «Ja» zum Burkaverbot bedeutet, dass die Schweiz zur Mehrheit ihrer Muslime steht, die ebenfalls den Extremismus und seine Symbole, wie den Nikab, ablehnt. Mit diesem Zeichen würde auch die Position der Millionen Frauen in der muslimischen Welt gestärkt werden, die gegen den Schleier kämpfen.

«Die meisten Muslime in der Schweiz sind ein Gewinn für das Land.»

Braucht es ein globales Verhüllungsverbot?

Ghazzali: Jedes Land muss das für sich selbst entscheiden. Es ist aber unumstritten, dass eine Vollverschleierung für eine extreme politische Ideologie und die Unterdrückung der Frau steht. Nirgendwo sollte das akzeptiert werden.

Wie wird es mit dem Islam in der Schweiz weiter gehen?

Ghazzali: Die meisten Muslime in der Schweiz sind Kulturmuslime. Sie sind ein Gewinn für das Land. Wir müssen sie nur in ihrem Kampf gegen extremistische islamische Kreise, wie den Islamischen Zentralrat Schweiz oder die Muslimbruderschaft, unterstützen.


Kacem El Ghazzali | © zVg
3. März 2021 | 10:39
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Kacem El Ghazzali

El Ghazzali wuchs in einer sufistischen Familie in Marokko auf. Mit 13 Jahren schickte ihn sein Vater gegen seinen Willen in ein Internat, wo er den Koran auswendig lernen musste. El Ghazzali fing an, die Religion zu hinterfragen.

Während der Auseinandersetzung mit seinem Glauben, entdeckte El Ghazzali andere Religionskritiker in der islamischen Geschichte. «Ich fühlte mich innerhalb dieser muslimischen Kultur der freien Denker verstanden.» Er wurde Atheist.

Mit 17 Jahren begann er sich für die Menschenrechte in Marokko zu engagieren. «Wenn man als Muslim in einem islamischen Land die Religion ablehnt, lehnt man gleichzeitig auch das ganze politische System ab.» El Ghazzali erhielt viele Morddrohungen und musste sich verstecken.

2011 bat er in der Schweizerischen Botschaft in Rabat um Asyl. Nach einem Monat wurde sein Antrag bewilligt. «Mein Fall war gut dokumentiert.» Er flog in die Schweiz und arbeitet seit 2012 bei den Vereinten Nationen in Genf.

«Im Gegensatz zu Marokko fühle ich mich in der Schweiz als Bürger mit Rechten.» Vor drei Jahren erhielt El Ghazzali die Schweizer Staatsbürgerschaft. Zusammen mit seiner Frau lebt er in Zürich.