Ranftschlucht
Schweiz

Jubiläum soll Bruder Klaus nach Zürich, Basel und Paris bringen

Flüeli-Ranft OW, 22.9.16 (kath.ch) Den Menschen die Botschaft von Niklaus von Flüe näher bringen, das möchte der Trägerverein 600 Jahre Niklaus von Flüe. Unter dem Motto «Mehr Ranft» lädt er mit schweizweiten Veranstaltungen dazu ein, die Botschaft des Eremiten neu zu entdecken und in die heutige Zeit zu übertragen.

Sylvia Stam

Die Sonne hat soeben den Nebel durchbrochen, sanft zeichnen sich die Obwaldner Berge am Horizont ab, während der schmale Asphaltweg zwischen Wiesen und Wald immer tiefer in die Schlucht führt. Es ist still an diesem Herbstmorgen, ausser einer Schulklasse gehen nur einzelne Pilger in den Ranft hinunter. Nach der letzten Kurve lichtet sich der Wald und der Blick fällt auf einige Gebäude: rechterhand die Kapelle mit der Klause, links zwei Chalets und eine weitere Kapelle ganz unten in der Schlucht, direkt neben der rauschenden Melchaa.

«Den Ranft muss man erwandern», sagt Franz Enderli, Landammann (Regierungsrat) des Kantons Obwalden, vor der Klause des Eremiten. Aus diesem Grund findet die Medienorientierung zum 600-Jahr Jubiläum von Niklaus von Flüe (1417-1487) vor Ort statt: in der Ranftschlucht, wo der Eremit und Nationalheilige Niklaus von Flüe beinahe 20 Jahre lang lebte und wirkte. «Was hier im Ranft erlebbar ist,  wollen wir in die Welt bringen», fasst Enderli die Absicht des Trägervereins «600 Jahre Niklaus von Flüe» zusammen.

Konzentration auf das Wesentliche

Daher das Motto des Jubiläumsjahres, «Mehr Ranft»: Die Ranftschlucht sei ein Ort mit Ausstrahlung, sie sei identitätsstiftend für die Schweiz. Die Botschaft, die vom Leben des Nationalheiligen in die heutige Welt strahle, laute: «mehr Bescheidenheit, mehr Einfachheit, mehr Stille, Tiefe, Konzentration auf das Wesentliche», so Enderli, der auch als Präsident des Trägervereins fungiert. Es soll um Stille, Intensität und Begegnungen gehen.

Wie aber feiert man eine solche Konzentration auf das Wesentliche, wie Niklaus von Flües karges Eremitenleben sie vermittelt? Der Trägerverein hat sich in mehrjähriger Vorarbeit gegen einen «Monsterevent» entschieden, er will das Jubiläum vielmehr als «Impulsjahr» verstanden wissen, von dem man sich eine nachhaltige Wirkung über 2017 hinaus erhofft: Nicht nur im Ranft, sondern schweizweit finden Referate, Gedenkfeiern und vieles mehr statt.

Ein Theatererlebnis ist ebenso geplant wie ein mobiler Pavillon zur persönlichen Auseinandersetzung mit dem Eremiten. Obwaldner Schülerinnen und Schüler erzählen Schülern anderer Kantone und Sprachregionen seine Geschichte. Ein ökumenischer Gottesdienst unter Mitwirkung von Charles Morerod, Präsident der Schweizer Bischofskonferenz, und Gottfried Locher, Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes, ist vorgesehen sowie eine Gedenkfeier mit Locher und Kardinal Kurt Koch. Auch eine nationale Gedenkfeier voraussichtlich mit Bundespräsidentin Doris Leuthard steht auf dem Programm der vom Trägerverein selbst geplanten Kernprojekte. Darüber hinaus erscheinen zahlreiche Publikationen. Ausserdem finden schweizweit 90 so genannte «Mitmachprojekte» von externen Veranstaltern statt. (Siehe Agenda auf der Homepage des Vereins.)

Die Botschaft von Bruder Klaus an die eigenen Orte tragen

«Wir wollen die Menschen mit Niklaus von Flüe konfrontieren und sie in das Gedenken hineinnehmen», erklärt der Landammann, der auch Theologe ist, das vielfältige Programm. Niklaus von Flüe soll ausserdem neu im kollektiven Gedächtnis der Bevölkerung verankert werden. Die Menschen, die an solchen Anlässen teilnehmen, sollen die Botschaft und die Werte, für die «Bruder Klaus» steht, an ihre eigenen Orte tragen: «Mehr Ranft soll auch in Zürich, Basel oder Paris möglich sein», so Enderli.

Dass der Heilige aus dem Spätmittelalter auch für Menschen des 21. Jahrhunderts noch von Bedeutung sein kann, erklärt Doris Hellmüller, Geschäftsführerin der Bruder-Klausen-Stiftung, im Wohnhaus des zehnfachen Familienvaters: «Niklaus von Flüe war Familienvater, Richter, im Rat tätig – ein gemachter Mann. Und doch stellte sich ihm mit 50 Jahren die Frage: Ist das wirklich meine Bestimmung?»

Midlife-Crisis und Burn-Out

Heute würde man wohl von «Midlife-Crisis» oder «Burn-Out» sprechen, schlägt Hellmüller den Bogen in unsere Zeit. Auch sein Engagement für ein friedvolles Zusammenleben sei wertvoll: «Ich wünschte mir heute eine solche Lichtgestalt», gibt Hellmüller zu. Bruder Klaus habe das gegenseitige Zuhören als Weg zum Frieden bezeichnet. Lösungen gebe es auch heute nicht dadurch, dass einer seine Idee dazu durchsetze, sondern nur dann, «wenn wir einander zuhören».

Der Trägerverein – bestehend aus staatlichen und kirchlichen Organisationen Obwaldens – hat für das Jubiläumsjahr eigens die Stelle eines Projektleiters geschaffen, die der 35-jährige Obwaldner Beat Hug innehat. Zum Patronatskomitee des Vereins gehören nebst Charles Morerod, Gottfried Locher und Doris Leuthard unter anderem Kardinal Kurt Koch, Luc Humbel, Präsident der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz, Christian Meyer, Abt des Klosters Engelberg OW und Christiane Faschon, Generalsekretärin der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in der Schweiz.

Im wissenschaftlichen Beirat des Vereins sind unter anderem Eva-Maria Faber, Professorin für Dogmatik und Fundamentaltheologie an der Theologischen Hochschule Chur, Markus Ries, Professor für Kirchengeschichte an der Universität Luzern, Pierre Bühler, emeritierter Professor für Systematische Theologie an der Universität Zürich und Peter Spichtig, Co-Leiter des Liturgischen Instituts der Schweiz.

Veranstaltungen (Auswahl):

Gedenkbuch «Mystiker, Mittler, Mensch», Buchvernissage am 30. November 2016, 18 Uhr, Centrum 66, Zürich

Nationaler Ökumenischer Gedenk- und Feiertag, Podiumsgespräch mit Charles Morerod und Gottfried Locher, Ökumenischer Gottesdienst mit Bischof Felix Gmür und Gottfried Locher, 1. April 2017, Zug

Nationale Gedenkfeier, voraussichtlich mit Bundesrätin Doris Leuthard, 30. April 2017, Landenberg bei Sarnen

Kirchliche Gedenkfeierlichkeiten, darunter Gedenkgottesdienst mit Kardinal Kurt Koch, 23.-25. September 2017 in Sachseln und Flüeli-Ranft

Ranftschlucht | © Sylvia Stam
22. September 2016 | 16:26
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Statue Niklaus von Flüe | © Sylvia Stam Statue Niklaus von Flüe | © Sylvia Stam

Niklaus von Flüe

Niklaus von Flüe wurde 1417 in Flüeli-Ranft geboren. Im Alter von 30 Jahren heiratete er Dorothea Wyss, die halb so alt war wie er. Das Ehepaar hatte zehn Kinder, fünf Jungen und fünf Mädchen. Niklaus von Flüe war Bauer, Ratsherr in Obwalden und Richter seiner Gemeinde.

Nach einer inneren Krise legte er 1467 alle Ämter nieder und verliess seine Familie, um auf Pilgerschaft zu gehen. Der Überlieferung nach geschah dies mit dem Einverständnis seiner Familie. Die Legende erzählt, dass er in Liestal eine Vision hatte, die ihn an seinen Wohnort zurückschickte. Er liess sich daraufhin in der Ranftschlucht, nur wenige hundert Meter vom Wohnhaus seiner Familie entfernt, nieder. Die Bevölkerung baute ihm hier eine Klause direkt an eine Kapelle.

Der Eremit nannte sich fortan Bruder Klaus und führte ein Leben des Gebets. Er soll sich nur von der Heiligen Kommunion ernährt haben. Menschen von nah und fern suchten seinen Rat. 1481 führte eine durch einen Pfarrer überbrachte Botschaft von Bruder Klaus an der Tagsatzung in Stans zum Frieden unter den Eidgenossen.

1487 starb Niklaus von Flüe, sein Grab befindet sich in der Pfarrkirche in Sachseln. Im Jahr 1947 wurde er heiliggesprochen. (sys)