Schweiz

«Jesus kann in allen Hautfarben und Geschlechtern auftreten»

Film, Kampagne und Performance: Im süditalienischen Matera verfilmt Milo Rau mit «Das Neue Evangelium» die Passion Christi als Revolte von Migranten, die in Italien für einen Hungerlohn Tomaten ernten. Gleichzeitig startete er eine reale politische Kampagne.

Sarah Stutte

In Ihrem Film «Das neue Evangelium» interpretieren Sie dieses ein wenig anders. Wie genau?

Milo Rau: Ich habe versucht, die Geschichte ins Heute zu transferieren. Als Bibelfilm fokussiert sich die Handlung auf die Evangelien, also auf die Taufe Jesu bis zu seiner Auferstehung. Ich habe seine sozial-revolutionäre Botschaft, mit der er das damalige Establishment angriff, jedoch so umgesetzt, dass ich den Film mit Aktivisten und Flüchtlingen besetzte.

Das war aber anfangs gar nicht so geplant, oder?

Rau: Richtig. Ich bekam eine Anfrage der süditalienischen Stadt Matera, dort ein Projekt zu realisieren. Da die Ortschaft als Filmkulisse grosser Christusfilme bekannt ist – Pier Paolo Pasolini und Mel Gibson drehten hier – war mein Thema schnell klar. Zu Beginn wollte ich dafür befreundete Schauspieler engagieren, die auch in den Filmen von Gibson und Pasolini mitgespielt hatten.

Der Schweizer Regisseur Milo Rau

Als ich jedoch die dortigen Flüchtlingslager um die Tomatenplantagen herum sah, beschloss ich, bis auf wenige professionelle Darsteller überwiegend mit Laien vor Ort zu arbeiten. Aus diesem Grund habe ich auch die Dorfbevölkerung, beispielsweise bei den Massenszenen, in den Dreh involviert. Ich wollte etwas schaffen, das mit der Stadt und den Menschen dort zu tun hat. Das macht das Ganze sehr kraftvoll und besonders.

«Ich habe mich gefragt, wo Jesus heute gebraucht wird.»

Milo Rau

Ihr Jesus ist nicht nur ein Flüchtling, sondern auch dunkelhäutig. Wie begegnen Sie Vorbehalten?

Rau: Historisch gesehen war Jesus ein jüdischer Mann. Doch die Bibel richtet sich mit ihrer Botschaft an alle Menschen. Es ist eine kolonialistische Verkennung, wenn man glaubt, dass ein weisser Mann die ganze Welt missioniert. Jesus kann, dort, wo er gebraucht wird, in allen Hautfarben, Geschlechtern und Zeiten immer wieder auftreten.

Yvan Sagnet ist der Jesus-Darsteller im Film.

Ich habe mich gefragt, wo Jesus heute gebraucht wird. Vor meinem inneren Auge entstand das Bild eines Aktivisten in Italien, der sich für die Rechtlosen einsetzt. Wir müssen die Bibel immer in unserer eigenen Zeit denken, sonst macht das Neue Testament keinen Sinn.

«Lebensmittelkonzerne profitieren von der Rechtlosigkeit der Flüchtlinge.»

Milo Rau

Religion und Flüchtlingskrise sind gleich zwei Tabuthemen, für die Italien nicht gerne kritisiert wird. Sind Sie dort auf viel Widerstand gestossen?

Rau: Nicht unbedingt. In Italien zu drehen, ist extrem schön. Das Land hat eine lange Kinotradition, die Menschen sind deshalb dieser Kunstform gegenüber sehr offen. Auf der anderen Seite gibt es jedoch eine starke antiliberale, fast antireligiöse Rechte, die sich in ihrem Zynismus eingerichtet hat und die einfachsten Menschenrechte negiert. Von dieser Seite gab es hauptsächlich medialen Widerstand. Auch natürlich von den grossen Lebensmittelkonzernen, die von der Rechtlosigkeit der Flüchtlinge profitieren.

Und wer hat Sie unterstützt?

Rau: Die katholische Kirche. In Süditalien engagiert sie sich wirklich stark in der Flüchtlingshilfe. Wir haben dort mit sehr vielen Priestern zusammengearbeitet und konnten so ein Haus besetzen, das mittlerweile als Flüchtlingsunterkunft dient und jährlich mit einem kirchlichen Beitrag unterstützt wird.

Jesus (Yvan Sagnet) steht in einem Tomatenfeld.

Es scheint ein guter Zeitpunkt, ein solches Projekt zu realisieren. In einer Zeit, in der die meisten Regierungen mit der Mafia und grossen Konzernen kooperieren, kann sich die Kirche auf ihre eigentliche Aufgabe zurückbesinnen.

Die Ausbeutung von Flüchtlingen bei der Tomatenernte in Italien hat schon Markus Imhoof in seiner Dokumentation «Eldorado» aufgezeigt. Wie drückt sich die Kritik daran in konkreten Szenen Ihres Films aus?

Rau: Einige Szenen spielen auf den Plantagen. Dann gibt es viele Transpositionen. Der Einzug in Jerusalem ist bei uns eine Demonstration nach Matera, in der es um die Rechte der Plantagenarbeiter geht. Die Tempelreinigung verstehen wir als Zerstörung von Tomatenprodukten in einem Supermarkt. Auch die Kampagne, die den Film begleitet, kommt in diesem sehr prominent vor.

Hat sich die Kampagne aus der Idee zum Film heraus entwickelt?

Rau: Ja. Yvan Sagnet gründete die Bewegung «Rivolta della Dignità», auf Deutsch die «Revolte der Würde», die sich für die Rechte der Migranten in Süditalien einsetzt. Die politische Kampagne soll Nachhaltigkeit bewirken. Es muss etwas bleiben.

Hinweis: Der Film von Milo Rau wird voraussichtlich im Herbst 2020 in den Schweizer Kinos anlaufen.  


Videobeitrag des Deutschen Fernsehens ARD zum Film «Das Neue Evangelium»:

Jünger im Film «Das Neue Evangelium» | © Fruit-market/Langfilm/Thomas Eirich-Schneider
30. November 2019 | 14:37
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Milo Rau

Der gebürtige Berner ist Regisseur, Theaterautor, Essayist, Wissenschaftler und Aktivist. Milo Rau (42) begründete das «International Institute of Political Murder» und ist Intendant des Nationaltheaters Gent. Mit seinen Stücken («Five Easy Pieces») und Filmen («Das Kongo Tribunal») strengt er gesellschaftspolitische Diskurse an. (sst)