Klaus Mertes referiert in Zürich.
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Jesuit Mertes: Kirche inszeniert sich aus institutionsnarzisstischem Interesse als Aufklärerin

Der deutsche Jesuit Klaus Mertes sieht massive Mängel bei der Missbrauchsaufarbeitung. Die Kirche gehöre «auf die Täterseite», deswegen plädiert er für die Gründung einer unabhängigen Kommission. Auch kritisiert er Papst Benedikt XVI.

Der Jesuit Klaus Mertes sieht weiter gravierende Defizite bei der Missbrauchsaufarbeitung in der katholischen Kirche. «Die Kirche inszeniert sich als Aufklärerin, aber aus institutionsnarzisstischem Interesse», sagte der Ordensmann der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung».

Auch bei Papst Franziskus erkenne er die «drängende Sehnsucht, eine Solidarität mit den Opfern zu konstruieren». Dabei gebe es darauf überhaupt kein Anrecht. «Das ist eine Verkennung der kirchlichen Rolle. Die Opfer wollen das nicht», so Mertes. Der Schmerz der Aufklärung dürfe nicht mit dem Schmerz der Opfer verwechselt werden.

Systemische Zusammenhänge des Nichtsverstehens

Der Jesuitenpater kritisierte zudem die jüngste Erklärung des emeritierten Papstes Benedikt XVI. zum Umgang mit Missbrauchsfällen in seinem früheren Erzbistum München-Freising. Darin äusserte das ehemalige Kirchenoberhaupt unter anderem «tiefe Scham», «grossen Schmerz» und eine «aufrichtige Bitte um Entschuldigung gegenüber allen Opfern sexuellen Missbrauchs».

Das sei «viel zu wenig», so Mertes. Er sehe weiterhin «systemische Zusammenhänge des Nichtverstehens». Die Kirche müsse sich dazu bekennen, «auf die Täterseite zu gehören», forderte der 67-Jährige. Es gebe Verstrickungen, in denen man auch ohne persönliche Schuld mitwirke an Gewalt und Vertuschung.

Grammatik der Gewalt durchschauen

Die entscheidende Frage bleibt aus Sicht des Jesuiten unbeantwortet: «Wie kann Missbrauch so lange stattfinden, ohne dass es jemandem auffällt oder jemand darüber spricht?» Die «große Zukunftsaufgabe» beste darin, die «Grammatik der Gewalt» zu durchschauen und Missstände öffentlich anzusprechen.

Eine effektive Aufklärungsarbeit traut Mertes der Kirche selbst nicht zu. Bisherige Anstrengungen hätten sich als unzureichend erwiesen. Der Geistliche schlug vor, «eine unabhängige Person von hohem öffentlichen Ansehen» mit der Gründung einer Kommission zu beauftragen.

Bundesverdienstkreuz für Engagement

Mertes sorgte als damaliger Leiter des Canisius-Kollegs in Berlin wesentlich dafür, dass der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche 2010 öffentlich wurde. Für sein Engagement wurde er im vergangenen Jahr mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. (kna)


Klaus Mertes referiert in Zürich. | © Regula Pfeifer
18. Februar 2022 | 13:56
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