Jenseits von Konversionstherapien: Heimtückische Gewalt gegen Gläubige
In der Schweiz wird vielerorts über ein Verbot von Konversationstherapien debattiert. Die reformierte und die katholische Kirche sind dafür. Dies reiche nicht, ist Adrian Stiefel der reformierten «Antenne LGBTI Genève» überzeugt. Es gelte auch diskrete, nicht minder schädliche Formen von Druck und Beeinflussung anzugehen.
Adrian Stiefel*, cath.ch
In der Schweiz schreitet die politische Debatte voran, wenn auch langsam. Neuenburg, Waadt und das Wallis haben bereits Gesetze zum Verbot von Konversionstherapien erlassen, in Zürich ist ein solches auf der Zielgeraden.
Auf Bundesebene wartet eine vom Nationalrat angenommene Motion noch auf ihre Behandlung im Ständerat. In Genf schlägt der Staatsrat nach der Ablehnung eines ersten Gesetzesentwurfs nun vor, das Verbot von Bekehrungspraktiken in das Gesetz über die Gleichstellung und die Bekämpfung von Diskriminierungen aufgrund des Geschlechts und des sozialen Geschlechts aufzunehmen.
Ein Fortschritt
Hinzu kommt eine wichtige kirchliche Entwicklung: Die Evangelisch-reformierte Kirche der Schweiz und die Schweizer Bischofskonferenz haben sich für ein nationales Verbot ausgesprochen. Das ist zu begrüssen.
Doch ein Verbot von Konversionstherapien wird nicht ausreichen, um zum Verschwinden zu bringen, was solche Therapien möglich macht. Das Problem liegt auch in den Glaubenssystemen und Einflussmechanismen, die eine Person zu der Überzeugung bringen, dass ein wesentlicher Teil ihres Selbst korrigiert, kontrolliert oder unterdrückt werden müsse, um im Einklang mit Gottes Willen zu leben.
Diskretere Praktiken
Konversionstherapien rufen oft dieselben Bilder hervor: Exorzismen, Befreiungssitzungen, «Heilungs»-Camps, Pseudotherapien, die darauf abzielen, die sexuelle Orientierung oder die Geschlechtsidentität zu ändern. Diese Praktiken gibt es nach wie vor. Doch wenn man sich zu sehr auf sie konzentriert, läuft man Gefahr, diskretere zeitgenössische Formen von Druck und Beeinflussung zu verschleiern.
In bestimmten konservativen religiösen Kreisen hat sich der Diskurs gewandelt. Man verspricht einer homosexuellen Person nicht mehr unbedingt, dass sie heterosexuell werden wird. Manchmal wird behauptet, man nehme die Person so an, wie sie ist, fordert sie aber gleichzeitig auf, auf ein Gefühls- und Sexualleben zu verzichten.
Dies kann mittels Aufforderungen geschehen, die eigenen Wünsche zu unterdrücken oder zu kanalisieren oder mittels Diskurse, die den Zölibat und die Enthaltsamkeit verherrlichen, oder auch mittels Massnahmen, die darauf abzielen, zu lernen, seine Homosexualität zu leben, ohne von einer angeblichen göttlichen Ordnung abzuweichen, die die Heterosexualität zum einzig legitimen Modell erhebt. Eine ähnliche Logik gilt für Transidentität, im Namen einer vermeintlichen Unveränderlichkeit des Geschlechts.
Die Begriffe haben sich geändert, die Methoden wurden angepasst, doch die zugrunde liegende Überzeugung bleibt dieselbe: Ein Teil des Menschen bleibt problematisch und muss eingeschränkt oder unterdrückt werden. Da diese Vorgehensweisen sich mittlerweile unter dem Deckmantel der Akzeptanz tarnen können, sind sie schwerer zu erkennen – und umso heimtückischer.
Gewalt mittels Botschaft
Diese Geschichte ist auch meine eigene. Als Jugendlicher lernte ich, meine Homosexualität als ein Übel zu betrachten, das geheilt werden muss. Mehrere Jahre unternahm ich Schritte, um mich zu ändern. Schliesslich absolvierte ich in den Vereinigten Staaten eine Therapie, die Befreiung, Exorzismen und intensive Begleitung miteinander verband. Danach benötigte ich fast zwanzig Jahre, um die Vorstellung zu dekonstruieren, dass ein Teil von mir geheilt werden müsse.
Seit mehr als zehn Jahren begleite ich bei der «Antenne LGBTI Genève» Menschen, die mit ähnlichen Spannungen zwischen Glauben, Identität und Gemeinschaftszugehörigkeit konfrontiert sind. Die Folgen sind Scham, Schuldgefühle, emotionale und sexuelle Schwierigkeiten, Brüche in der Familie oder der Gemeinschaft, Verlust spiritueller Werte, Angstzustände, Depressionen, Selbstmordgedanken.
Die tiefgreifendste Gewalt hängt also nicht nur von einer Methode ab. Sie liegt in der Botschaft, die sich dauerhaft in einem selbst verankern kann: «Etwas in mir muss verschwinden, damit ich voll und ganz geliebt, anerkannt oder angenommen werden kann.»
«Ich war freiwillig dabei»
Damit stellt sich eine der heikelsten Fragen der Debatte: die nach der Selbstbestimmung. Sollte ein erwachsener Mensch nicht frei sein, die Begleitung seiner Wahl zu wählen – auch wenn er seine Neigungen unterdrücken oder auf eine Geschlechtsumwandlung verzichten möchte, um im Einklang mit seinem Glauben zu leben?
Diese Frage verdient es ernst genommen zu werden, zumal ich selbst freiwillig mitgemacht habe. Niemand hat mich gezwungen, an Befreiungssitzungen teilzunehmen oder in die USA zu gehen. Ich wollte mich verändern. Ich wollte meinem Glauben, meiner Gemeinschaft und dem Leben treu bleiben, das man mir als richtig beigebracht hat.
Doch im Nachhinein betrachtet bedeutet Freiwilligkeit nicht zwangsläufig Freiheit. Sind wir wirklich frei, wenn uns seit unserer Kindheit nur eine einzige Art zu lieben als mit Gottes Willen vereinbar präsentiert wird? Wenn die Wahl eines anderen Weges bedeuten kann, seine Gemeinschaft und seine Angehörigen zu verlieren oder zu glauben, dass das eigene Seelenheil auf dem Spiel steht?
Ich glaube zutiefst an die Selbstbestimmung. Diese setzt jedoch einen Raum innerer Freiheit voraus, in dem mehrere Wege in Betracht gezogen werden können. Die Frage ist also vielleicht nicht, ob bestimmte Menschen aus freiem Willen nach Veränderung streben, sondern unter welchen Umständen sie gelernt haben zu glauben, dass sie sich ändern müssen, um akzeptiert zu werden.
Von der Begleitung zum spirituellen Missbrauch
Jemanden zu begleiten bedeutet nicht, im Voraus die Antwort zu kennen, zu der diese Person gelangen sollte. Es bedeutet, ihr einen sicheren Raum zu bieten, in dem sie ihre Fragen, ihre Wünsche, ihren Glauben und ihre Identität erkunden und ihr eigenes Urteilsvermögen schulen kann. Wenn religiöse Autorität dazu verwendet wird, sie auf einen einzigen Weg hinzulenken, der als vor Gott akzeptabel dargestellt wird, ändert sich der Charakter der Begleitung: Dann betreten wir – aus meiner Sicht – den Bereich des spirituellen Missbrauchs.
Die Begleitung darf nicht an Bedingungen geknüpft sein: im Zölibat zu bleiben, auf ein Gefühls- oder Sexualleben zu verzichten oder von bestimmten Aufgaben in der Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden. Sobald sie mit solchen Anforderungen und einer Wertung einhergeht – selbst wenn diese nur implizit sind –, hört die Begleitung auf, bedingungslos zu sein.
Was bleibt von der Begleitung übrig, wenn diese voraussetzt, dass der andere auf einen wesentlichen Teil seiner Existenz verzichtet? Ich für meinen Teil glaube, dass das Evangelium uns zu einer radikalen und bedingungslosen Akzeptanz aufruft. Eine christliche Gemeinschaft ist nicht dazu berufen, zu definieren, wie der andere sein soll, sondern ihm einen Raum der Entscheidungsfindung zu bieten, in dem Gewissen und Freiheit wirklich gelebt werden können.
Verbot allein reicht nicht
Ja, ein gesetzliches Verbot von Konversionstherapien ist notwendig. Ein Gesetz setzt eine Grenze, schützt Menschen und sendet eine klare Botschaft: Keine sexuelle Orientierung und keine Geschlechtsidentität muss korrigiert, wiederhergestellt oder geheilt werden. Aber das Gesetz allein wird nicht ausreichen. Es gilt auch, diejenigen zu begleiten, die diese Verletzungen in sich tragen, religiöse Verantwortliche zu schulen und die Diskurse zu hinterfragen, die solche Mechanismen erst möglich machen.
Die jüngsten Stellungnahmen der Kirchen stellen einen wichtigen Schritt dar und verpflichten uns, weiterzugehen: Es wäre zu einfach, die spektakulärsten Formen von Konversionstherapien zu verurteilen, ohne zu hinterfragen, was in unseren eigenen Äusserungen und unserer Art der Begegnung dazu führen kann, dass eine Person glaubt, sie müsse sich ändern, um voll und ganz akzeptiert zu werden.
Eine Glaubensgemeinschaft sollte niemals ein Ort sein, an dem man lernt, sich selbst zu misstrauen. Sie sollte ein Ort sein, an dem jede Person wachsen, sich orientieren und ganz sie selbst werden kann. (Adaptiert von rp)
*Adrian Stiefel ist Seelsorger bei der Protestantischen Kirche Genf (EPG). Er ist Gründer und Leiter der protestantischen «Antenne LGBTI Genève», die sich mit LGBTIQ+-Themen sowie mit Glauben und sexueller Orientierung befasst. Die Katholische Kirche Genf (ECR) ist im Rahmen der Familienseelsorge Partnerin der «Antenne LGBTI Genève».
Anlaufstellen für Betroffene
Infosekta ist eine politisch und konfessionell unabhängige Fach- und Beratungsstelle für Fragen zu sektenhaften Gemeinschaften, Netzwerken und Verschwörungsglaube.
Relinfo.ch ist eine evangelische Informationsstelle für Kirchen – Sekten – Religionen der evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich.
Trotz Auflösung der ökumenische Sektenberatung.info berät der frühere Stellenleiter Pfarrer Martin Scheidegger weiterhin über problematische religiöse Gruppierungen.
Für die Westschweiz und das Tessin ist das interkantonale Informationszentrum für Glaubensfragen CIC die Anlaufstelle für Opfer von «Konversionstherapien». (rp)
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