Schweiz

«Eine Kirche, die Fremde ablehnt, verkommt zur Sekte»

Interview mit Migranten-Bischof Jean-Marie Lovey

Sitten VS, 7.1.15 (kath.ch) Jean-Marie Lovey (64), heute Bischof von Sitten, lebte jahrelang in einem Haus ohne Türschloss, auf 2.500 Meter über Meer. Der frühere Probst der Augustiner Chorherren vom Grossen Sankt Bernhard sagt im Interview mit kath.ch, welche Haltung gegenüber Fremden sich darin ausdrückt. Lovey, seit kurzem innerhalb der Schweizer Bischofskonferenz zuständig für das Thema «Migration», will die Aufmerksamkeit seiner Amtskollegen für die Migrationsproblematik wachhalten.

Von Barbara Ludwig

Frage: Herr Bischof, seit Anfang 2015 sind Sie als Mitglied der Schweizer Bischofskonferenz für das Thema «Migration» zuständig. Papst Franziskus hat am Sonntag mit der Ernennung des «Flüchtlingsbischofs von Lampedusa» zum Kardinal ein starkes Zeichen für Flüchtlinge gesetzt. Wie beurteilen Sie diese Entscheidung?

Jean-Marie Lovey: Ich sehe zwei Gemeinsamkeiten zwischen dem künftigen Kardinal Montenegro und Papst Franziskus. Zum einen kämpfen beide entschieden gegen die Mafia. Der Papst hat sich mehrmals dazu geäussert, zuletzt indem er die Infiltration der Römer Politik durch die Mafia geisselte. Vor zwei Jahren hat Erzbischof Montenegro religiöse Begräbnisfeiern für einen Mafiaboss von Agrigente verboten – und ging dadurch das Risiko ein, zum Ziel von Vergeltungsmassnahmen zu werden. Zum andern gehört die Flüchtlingsinsel Lampedusa zur Diözese von Montenegro. Das ist der Ort, den der Papst für seine erste Reise ausserhalb Roms aufsuchte. Die Begegnung des Papstes mit den auf der Insel gestrandeten Flüchtlingen: Das hat noch jeder in Erinnerung.

Frage: Was bedeutet der päpstliche Entscheid für die katholische Kirche Schweiz?

Lovey: Damit macht der Papst auf die Akzente aufmerksam, die er weiterhin setzen will. Seit Beginn seines Pontifikats scheint der Papst uns sagen zu wollen: Ich brauche Mitarbeiter, die es wagen, sich gegen das organisierte Verbrechen einzusetzen. Und Ihr, Christen in der Schweiz, seid stark in der Liebe zu Gott und sorgt Euch um die Armen, ob sie nun in der Schweiz leben oder in den umliegenden Ländern.

Frage: Was macht die katholische Kirche Schweiz gegenwärtig für Migranten? Können Sie ein Beispiel nennen?

Lovey: Die Aufnahme von Migranten sollte selbstverständlich sein für Menschen mit jüdisch-christlichem Selbstverständnis. Eine Kirche, die Fremde ablehnt, würde zu einer Sekte verkommen. Die Schweiz hat schon immer Fremde auf ihrem Territorium aufgenommen. Aber diese Tradition muss gelebt werden. Kürzlich hat der Präsident der Schweizer Bischofskonferenz, der St. Galler Bischof Markus Büchel, angesichts des Bürgerkriegs in Syrien zu mehr Grosszügigkeit bei der Aufnahme von Flüchtlingen aufgerufen. Auch die Politik befasst sich derzeit verstärkt mit der Flüchtlingsproblematik. Was das Engagement von Christen betrifft: Im Bistum St. Gallen hat zum Beispiel eine religiöse Gemeinschaft ein Schulgebäude als Unterkunft zur Verfügung gestellt.

Frage: Werden Sie sich in der SBK dafür einsetzen, dass die Kirche Schweiz ihr Engagement in diesem Bereich verstärkt?

Lovey: Ich glaube, meine Amtsbrüder sind bereits sehr sensibilisiert. Es ist jedoch meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass diese Aufmerksamkeit nicht erlahmt.

Frage: Haben Sie bereits Pläne oder Visionen, wie Sie das anpacken wollen?

Lovey: Nein, ich habe noch keine konkreten Pläne. Da ich erst seit kurzem für den Bereich «Migration» zuständig bin, muss ich noch sehr viel kennenlernen. Nächste Woche treffe ich mich etwa mit Mitarbeitern von Migratio, der Kommission der Schweizer Bischofskonferenz für Migration und Menschen unterwegs. Von ihnen werde ich mich instruieren lassen. Im Dezember, beim Ad-Limina-Besuch der Schweizer Bischöfe in Rom, hat mir die Begegnung mit dem Päpstlichen Rat für die Migrantenpastoral bewusst gemacht, dass auch die Fahrenden und die Zirkusleute nicht vergessen werden dürfen. Beide Gruppen von Personen leben in der Schweiz. Dann gibt es noch die Bereiche Pilgerwesen und Tourismus, die zahlenmässig eine noch grössere Rolle spielen, gerade auch im Wallis.

Frage: Welche Rolle soll die Kirche in der gesellschaftlichen Diskussion über Zuwanderung und Migration spielen?

Lovey: Das Wort der Kirche, vor allem aber ihr Handeln, sollen uns stets zwei Realitäten in Erinnerung rufen: Zunächst sind wir die Erben eines wandernden Volkes: Abraham war ein ‘wandernder Aramäer’. Seine Geschichte wurde beständiger mit jedem Wegstück, das er unter die Füsse nahm; und jedes Mal war er abhängig von Menschen, die ihn bei sich aufnahmen. Abrahams Geschichte verpflichtet uns zur Solidarität mit den Migranten von heute. Das ist das eine. Zum andern erinnert uns Abrahams Leben als Nomade auf grundlegende Weise daran, dass jeder Mensch Pilger auf Erden ist – auf der Suche nach einem «anderen Vaterland». Denn wir sind für den Himmel geschaffen. Dies verpflichtet uns zu einer spirituellen und mystischen Solidarität.

Welche persönlichen Erfahrungen haben Sie mit Migranten gemacht?

Lovey: Als Augustiner Chorherr vom Grossen Sankt Bernhard gehöre ich zu einer Gemeinschaft, die gegründet wurde, um Pilger und Handelsleuten Gastfreundschaft anzubieten. Uns ist es wichtig, jede Person zu empfangen, als handelte es sich um Jesus Christus persönlich – ohne auf Status, Alter oder Vermögen zu achten. Jeder ist willkommen, allein aufgrund der Tatsache, dass er als Mensch unser Bruder ist und unsere Unterstützung braucht.

Das Leben in Bergen ist oft rauh, manchmal gefährlich. Ob man seine Tür und sein Herz öffnet oder eben nicht – das kann entscheiden über Leben oder Tod. Unser Mutterhaus, das Hospiz auf dem Grossen Sankt Bernhard, liegt auf 2.500 Meter über Meer. Die Eingangstür steht symbolisch für unsere Haltung: Sie hat kein Schloss. Die Türe wurde im Laufe von 1.000 Jahren kein einziges Mal abgeschlossen.

Hinweis: Das Interview wurde schriftlich geführt. (bal)

Jean-Marie Lovey, Bischof von Sitten | © 2014 Josef Bossart
7. Januar 2015 | 11:11
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