Daniel Craig als James Bond in «Spectre»  | © 2015 MGM / Columbia
Schweiz
Daniel Craig als James Bond in «Spectre» | © 2015 MGM / Columbia

James Bond ist Religion

Zürich, 5.11.15 (kath.ch) Mit dem Start von «Spectre» lohnt es sich, einen Blick auf die James-Bond-Serie als religiöses Phänomen zu werfen. Es gibt in den neueren Filmen eine Berührung der existenziellen Dimension: die Entdeckung der Liebe in «Casino Royal» und der Sturz in den Abgrund in «Skyfall». Der Showdown in «Skyfall» findet nicht zufälligerweise in einer Kirche statt. Vielmehr erreicht die Bond-Saga hier einen Punkt, an dem ganz deutlich religiöse Codes verwendet werden. Und «Spectre» eröffnet mit einem Totentanz in Mexico City.

Charles Martig

Nach einer für die Fangemeinde leidvollen Durststrecke von drei Jahren sind wir wieder im Heiligen Jahr des James Bond angelangt. Der Filmstart wirft gewaltige Wellen in der medialen Berichterstattung und in der Werbewelt. Es handelt sich um ein übermächtiges Phänomen, dem wir alle nicht entgehen können. Auf irgendeinem Plakat, einem Inserat, einer Zeitungsseite, einem Monitor, einem Kanal in den Neuen Medien begegnet uns das Gesicht von 007, der die frohe Botschaft verkündet: «Der neue James Bond ist da!» – Aber was hat dieses Phänomen mit Religion zu tun? Wo hat dieses Filmspektakel, diese grösste und langlebigste Kinoserie aller Zeiten eine Verbindung zum Heiligen?

Zuerst lässt sich festhalten, dass die Figur des James Bond seit seiner Entstehung in den 1960er Jahren eine aussergewöhnliche Karriere gemacht hat. Die Figur hat eine eigene Entwicklungsgeschichte: Sie beginnt beim Agenten und Frauenheld von «Dr. No» (1962) und «Goldfinger» (1964) und endet beim leidenden Knecht seiner Majestät, der von der Liebe getroffen wird und den Boden unter den Füssen verliert. Seit «Casino Royal» (2006) hat sich eine neue Prägung der Bond-Figur entwickelt: verletzlich, leidend und existentiell getroffen.

James Bond ist eine Ikone

Die Figur ist eine Ikone des Mainstream-Kinos. Unbestritten ist, dass es bei James Bond eine Form von religiöser Überhöhung der Hauptfigur gibt. Wenn in «Skyfall» (2012) der Sturz aus dem Himmel in den Abgrund als Leitmotiv gewählt wurde, so ist dies kein Zufall. Die existentielle Krise von Bond schlägt sich in den Bildern des Satanisch-Heiligen nieder. Die Kräfte des Bösen sind derart übermächtig, dass sie es schaffen, den Helden in die Hölle der Selbstzweifel zu reissen. Es handelt sich um einen Abstieg in das Reich der Toten, in die Abgründe seiner Familiengeschichte und in die existentielle Getroffenheit des Helden durch eine verlorene Liebe.

Regisseur Sam Mendes inszeniert mit «Spectre» bereits den zweiten Bond-Film. Er hat das Bild der mehrfachen Brechung gewählt, eine Art von Spiegelkabinett, in dem sich die Aufspaltung des Helden zeigt. Die Ikone vom starken und unverwüstlichen Mann, wie wir sie aus den frühen Filmen der James-Bond-Serie mit Sean Connery kennen, zerfällt in Bruchstücke und verwirrende Spiegelungen. So ist der Showdown von «Skyfall» in einer Kirche inszeniert, einem sakralen Raum. Hier stirbt «M», die Übermutter und Chefin von Bond, die so überragend von Judi Dench dargestellt wurde. Und sie stirbt in den Armen von James Bond. Es handelt sich um eine umgekehrte Pietà-Darstellung: statt Jesus im Schoss von Maria liegt hier «M» in den Armen des Helden.

Motiv des Totentanzes

Im neuen Film «Spectre» (2015) steigt Sam Mendes mit dem Motiv des Totentanzes ein. Es handelt sich wohl um die beste Szene des neuen James Bond Films. «Die Toten leben» heisst es zu Beginn, als Bond die Feierlichkeiten zum Tag der Toten in Mexiko-Stadt aufmischt. Auch die «alte M» lebt in einem Vermächtnis weiter. Wir erfahren, dass sie Bond kurz vor ihrem Tod eine Geheimnachricht überliess, die ihn auf die Spur eines geplanten Terroranschlags in Mexiko bringt. In der langen Eingangssequenz erleben wir krachende Action in einer grossen Schar von Feiernden, die als Skelette verkleidet sind. Begleitet von einem Trommel-Soundtrack erleben wir eine Verfolgungsjagd, die in einem amok-fliegenden Helikopter gipfelt. Erwähnt sei hier, dass auch eine Verfolgungsjagd durch das nächtliche Rom inszeniert wird.

Der Totentanz ist ein starkes Motiv in der Filmgeschichte, das immer wieder auftaucht. Das herausragendste Beispiel ist sicher Ingmar Bergmans «Das siebte Siegel» aus dem Jahr 1957. Mit dem Tod als ständigem Begleiter reitet hier der Ritter Antonius Block durch ein von der Pest verwüstetes, von religiösem Wahn, Angst und Not geplagtes Land. Die bekanntestes Szene ist dabei das Schachspiel mit dem Tod, auf das auch in «Spectre» (Szenenbild) verwiesen wird.

Mit dem Totentanz kommt auch das Satanisch-Böse ins Spiel, denn wo das Böse im Film inszeniert wird, haben wir es mit dem Satanisch-Heiligen zu tun. Gerade im neuen Bond «Spectre» wird die Figur das rational-hochentwickelten Bösen dargestellt. Personifiziert wird es hier durch den Schauspieler Christoph Waltz, der den unheimlichen Franz Oberhauser gibt. Das Böse hat hier wiederum eine beängstigend ruhige Ausstrahlung bekommen. Auch diese Figur ist religiös überhöht und profitiert von diesem Image-Gewinn des Satanisch-Heiligen.

Kultische Verehrung in der Fan-Gemeinde

Die spektakulären Action-Szenen sollten bei den Bondfilmen nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Filme bei der weltweiten Fangemeinde eine regelrecht kultische Verehrung geniessen. Diese Verehrung ist jedoch nicht möglich, ohne eine religiöse Aufladung der Filmserie. Der Erfolg der längsten und ältesten Kinoserie seit 1962 verdankt sich nicht nur ihrer Anpassungsfähigkeit an den Lifestyle der Epoche, sondern auch den Ritualen des Action- und Agentenfilms. Dazu gehört auch die Ironie. Wenn James Bond in «Skyfall» auf die Frage des Bösewichts lapidar sagt: «Mein Hobby ist Auferstehung», dann befinden wir uns im Reich des Surrealen und Ironischen. Für diesen Wortwitz und diesen Instinkt wird die Figur von der Fan-Gemeinde über alles geliebt: Er löst Bewunderung aus durch seine Körperlichkeit, seine Direktheit und seine Ironie.

Der Held James Bond ist inzwischen unsterblich geworden. Selbst eine Neubesetzung durch einen anderen Schauspieler kann ihm nichts anhaben. James Bond ist die Feier einer Ikone der Populärkultur: Martini – geschüttelt, nicht gerührt –, Aston Martin als Automarke, technische Gadgets von «Q» liebevoll entwickelt, schöne Frauen und Abenteuer, gefährliche Herausforderungen und atemberaubende Reisen durch die Welt. Man könnte das, was sich hier abspielt, gerade so gut mit einer Form der Götzenverehrung in der Antike vergleichen. (cm)

Im Heiligen Jahr von 007

James Bond als reine Idolatrie – als Götzenverehrung? Mitnichten. Wenn man die Entwicklung der Serie seit «Casino Royal» verfolgt, gibt es eine existentielle Sinnsuche des Helden. Er entdeckt die Liebe und den Verlust seiner männlichen Allmacht. In dieser Entwicklung wird die Befindlichkeit des Helden einer spirituellen Suche ausgesetzt. Gerade «Skyfall» hat beeindruckt durch die Ernsthaftigkeit, wie hier der Regisseur Sam Mendes eine «Kain und Abel»-Geschichte erzählt. Die Konfrontation mit dem Tod am Schluss des Films ist eine Begegnung mit dem Spirituell-Heiligen, wenn nicht für James Bond, dann doch für den Zuschauer und die Zuschauerin.

Nicht zuletzt ist James-Bond auch ein Ritual. Diese Rückkehr des Immergleichen und Vertrauten, das bei der Fan-Gemeinde einen quasi-religiösen Charakter bekommt, ist auffällig. Ab 5. November 2015 kann jeder «Gläubige» des James-Bond-Universums weltweit in ein Kino pilgern und das Ritual des Kinobesuchs vollziehen. Wir befinden uns also wieder im Heiligen Jahr von 007. (cm)

News ›
Medienspiegel ›
Katholisches Medienzentrum