Stephan Schmid-Keiser
Analyse

Im Dilemma: Zur Debatte um das Diakonat von Frauen

Bisher können Frauen in der römisch-katholischen Kirche nicht zu Diakoninnen geweiht werden. Die Debatte darüber wird sich nach Abschluss der Weltsynode verstärken. Und sie wird einige Hürden nehmen müssen. Es bedarf deshalb einer gründlichen Bereinigung der Sichtweisen auf Rollen und Ämter in der Kirche.

Stephan Schmid-Keiser

Wie bereits Dorothea Reininger zum 25. Tag der Diakonin im April 2023 festhielt, besteht zwischen dem diakonischen Kernauftrag und der sakramentalen Struktur der Kirche ein Dilemma (https://www.feinschwarz.net/wartet-nicht-25-jahre-tag-der-diakonin-kein-grund-zum-feiern/).

Rollenverständnis als ständige Herausforderung

Bestätigt wird damit, was vor einiger Zeit eine in der Deutschschweiz wirkende Seelsorgerin ansprach. Sie erlebe das Rollenverständnis in der pastoralen Arbeit als ständige Herausforderung, besonders als «zu wenig reflektierter Begleitumstand allen liturgischen Handelns.»

Weltsynode
Weltsynode

Ein ständiger Diakon (d. h. ohne Option auf die nächste Weihestufe) führte aus, seine Aufgaben seien im Kirchenrecht klar aufgelistet. Sein Einsatz in Pfarreien bezüglich Stellung und Zusammenarbeit mit anderen Seelsorgenden sei für ihn eher schwierig. Arbeite man mehr in Ressorts und Teams, sollten Seelsorgende, die nicht zur Priesterweihe zugelassen sind, vom Stand her gleichwertig sein.

«Das Amt des ständigen Diakons in unserer Pastoral ist das schwierigste in den grossen Teams.»

Und wenn Frauen zum Amt der Diakonin zugelassen wären, dürften sie auch nicht der Eucharistie vorstehen, die Krankensalbung spenden und die Lossprechung bei der Beichte aussprechen: «Das Amt des ständigen Diakons in unserer Pastoral ist das schwierigste in den grossen Teams.»

Diakon mit diagonal über die Albe gelegte Stola.
Diakon mit diagonal über die Albe gelegte Stola.

Schwierig sei es auch, in Österreich und Deutschland, wenn nebenamtliche ständige Diakone, als Geweihte, in der Liturgie mitwirken und so die vollamtlichen und theologisch ausgebildeten Pastoralreferentinnen und -referenten verdrängen.» In seinem Team selber sah sich dieser Diakon akzeptiert. Wenn er aber «Pastoralassistent wäre» und sich zum «ständigen Diakon weihen lassen wollte, wären sie sicherlich dagegen und würden mich auf eine freie Stelle kaum anstellen».

Welches Berufsbild soll es sein?

Ob Personen, die sich als Diakoninnen und Diakone verstehen wollen, diesem verzerrenden Dilemma gegenüber, je zu einem für sie stimmigen Berufsbild finden können? Mit dem Entscheid zur Diakonats-Weihe würden sie nämlich Teil des Kleriker-Standes und im Unterschied zu allen anderen Getauften anders wahrgenommen.

So schlugen etwa H. Hoping und Ph. Müller 2017 vor, «Männern aus dem Kreis der ständigen Diakone, die Teil des einen sakramentalen Ordo sind, unter bestimmten Bedingungen mit Dispens vom Weihehindernis der Ehe die Priesterweihe zu spenden (can. 1042 1 CIC). Darunter können auch ehemalige Pastoralreferenten sein, die nach ihrer Weihe eine Zeit lang als Diakone gearbeitet haben».[1]

Profil des ständigen Diakons würde geschmälert

Damit aber würde meiner Meinung nach das Profil des ständigen Diakonats geschmälert, die Rollenunsicherheit verstärkt und jedes pastorale Handeln zum Lücken-Füllen degradiert. Es wäre schlicht dem fehlenden Priester-Nachwuchs geschuldet. Die Vielfalt pastoraler Orte bräuchte dagegen eine Abkehr von der absoluten Fixierung auf eine Amtsperson – in der Regel des seit dem Tridentinischen Konzil in seinen Funktionen inhaltlich und strukturell erhöhten männlichen Priesters.

Nicht an Hierarchiestufe gebunden?

Interessant ist, wie Gisbert Greshake 2006 bilanzierte, es sei «dringlich, bezüglich der sakramentalen Wesensgestalt des Diakonats eine gesamtkirchliche Entscheidung zu treffen».[2] Demgegenüber wurde mit dem Motu proprio Omnium in mentem im Oktober 2009 basierend auf der konziliaren Kirchenkonstitution (LG 29) dem Diakon die Befähigung, in der Person Christi des Hauptes zu handeln, nicht mehr zugesprochen.

Eine Frau empfängt die Erwachsenentaufe.
Eine Frau empfängt die Erwachsenentaufe.

Nun blieb H. Hoping schon 2000 betreffend Diakonat der Frau zurückhaltend [3]. Wollte seine Sicht den diakonischen Kernauftrag von Frauen nicht an eine Hierarchiestufe binden? Weil sonst das Weihe-Amt tangiert wäre? Wer ausdrücklich den diakonischen Auftrag in seinem Pflichtenheft hat, hätte also de facto keinen Anteil am sakramentalen Ordo und diente schlicht, wie auf Weltkirchenebene gilt, «dem Volk Gottes in der Diakonie der Liturgie, des Wortes und der Liebe» (can. 1008/1009)? Wären sie gleichgestellt mit allen Getauften und Gefirmten, die in Kirche und Gesellschaft ihre gewichtigen Dienste leisten?

In Wandel und Zukunftsfähigkeit investieren

Diakone und Diakoninnen in petto(!) haben unter diesen Umständen keine andere Wahl, als deutlicher danach zu fragen, was ihre Identität und ihr Profil sind. Als Nicht-Priester werden Diakone durch die Weihe zu Klerikern, die ihre Funktionen in der Verkündigung und Liturgie ebenso ausüben wie sie ihr Spezifikum in sozial-diakonischer Tätigkeit konkret finden (müssen). Vor diesem Hintergrund ist die Präzisierung durch S. Steger bemerkenswert, dass «es in der amtstheologischen Umsetzung häufig stärker zur Ableitung als zur Zuordnung zum Presbyter (kam) und in der pastoralen Konkretion zum Ersatzdienst statt zur Kooperation»[4].

Als Diakon und Organisationsberater im Bistum Hildesheim zeigte sich M. Bonert 2017 daran interessiert, Diakone nicht als «Priesterreserve» zu sehen, sondern als «Amt des Wandels».[5] Zwar im Dreiklang Bischof/Priester/Diakon erwähnt und «irgendwie zum Amt» gehörend, fehle Diakonen eine «eigene Amtsbestimmung im Kontext des Wandels».

«Sozial-diakonische Motivation» überwiegt bei Männern

Die «sozial-diakonische Motivation» überwiege heute bei Männern, die sich zum Diakon weihen lassen. Bonert bat darum, in den Wandel und die Zukunftsfähigkeit zu investieren und «die Rollen aller kirchlich Beauftragten» genauer zu fassen. Für den Wandel notwendig seien «Pioniere, die rausgehen… in die Ortschaften und Stadtteile, um das Evangelium in Wort und Tat zu verkündigen. Das gewünschte Kirchenbild der ›Gemeinschaft von Gemeinden’ lässt sich ohne sie nicht erreichen».

Für den gewünschten Kulturwandel brauche es diese Pioniere, meinte Bonert und mahnte das Entdecken und Fördern der Charismen nicht allein durch den Priester als «amtlichen Anstifter» an. Das Diakonat sei «ein Amt, dass nahe bei den Sorgen der Menschen und beim Evangelium ist; verankert im sozialen Handeln der Menschen und in der Eucharistie». Tatsächlich sind Sozialraumorientierung, Not-Sensitivität und Nähe zum Evangelium Qualitätszeichen jedes diakonischen Tuns, können jedoch durch Fixierung auf amtliche Beauftragung allein nicht genügend entfaltet werden.

Eine sehr alte Teilabschrift der Bibel: das Johannesevangelium als Papyrus-Taschenbibel
Eine sehr alte Teilabschrift der Bibel: das Johannesevangelium als Papyrus-Taschenbibel

Auch vermögen ständige Diakone (bald auch Diakoninnen?) nicht, wie Beispiele in Schwesterkirchen zeigen, allein den Wandel voranzubringen. Zwar können sie als amtliche «Initiatoren und Begleiter» lokaler und kontext-sensitiver Gemeinschaften gesehen werden, darin aber erschöpft sich in meinen Augen der notwendige Wandel im Kirchenbild und Alltag kaum. Das von Michael Bonert vertretene Postulat hat es deshalb in sich: «Anstelle der Debatte über die Zulassung der viri probati zur Priesterweihe wäre … jetzt eher die Klärung der Frage dran, wie eine sakramentale Stärkung der Frauen als Pionierinnen oder im diakonischen Dienst erfolgen könnte.»

Experimentierstadium Diakonat

Dorothea Reininger betonte 2023 die Notwendigkeit der Ausbildung zum erhofften Eintritt in das weibliche Diakonat. Deshalb ist zu betonen, wie sich diese Ausbildung auswirken wird. Von jeher steht in Gottesdiensten lt. Stephan Steger «der Diakon …in der Rolle des Vermittlers, der die Brücke zwischen den Menschen und dem liturgischen Geschehen bildet und als `Übersetzer´ zwischen Lebens- und Glaubenswelten fungiert, (und hat dort/SSK) eine liturgische Selbstständigkeit».

Für die weiteren pastoralen Bereiche müsste dennoch daraufhin gearbeitet werden, dass sich ein auf die individuellen Fähigkeiten zugeschnittenes Profil von Männern und Frauen in der allgemeinen Diakonie als nächstes Ziel realisieren lässt, etwa in den anforderungsreichen Kontexten des Sozial- und Gesundheitswesens oder in der Schulpastoral. Besonders im Blick auf die Ausbildung solcher Dienste zeigte die Dissertation von Michael Wollek 2016, worauf zu achten sei.[6]

Religionspädagogischer Ansatz

Der Autor wählte einen religionspädagogischen Ansatz und erhob mit Leitfadeninterviews die Erfahrungen von Diakonen im Zivilberuf. Interessiert an deren Ausbildung in der Transformationsgesellschaft bezog er sich auf Ortfried Schäffter und dessen Weiterbildungsmodelle, charakterisiert in Stichworten wie linear, zielvorwegnehmend, zieloffen, zielgenerierend, korrelativ und iterativ. Wolleck sah das Diakonat nicht allein auf sozial-caritative Tätigkeiten eingeschränkt und konnte diesen Aspekt weder in der Bibel noch im Wortfeld oder der Kirchengeschichte festmachen.

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So bestätigt sich, dass zwar dem letzten Konzil das auslösende Moment für die Neuprofilierung des Diakonats geschuldet ist, dieses jedoch lt. A. Weiss in ein «Experimentierstadium entlassen» wurde. Dieses Faktum ist angesichts der lange herausgezögerten Entscheidungen der römischen Kirchenleitung als grosser Hemmschuh für die Entfaltung vielfältiger Formen des Diakonats anzusehen. Wird die Arbeitsgruppe des Vatikans nach der Weltsynode in diese Richtung gehen und Neues wagen?

Amts-Diakonat variabler gestalten

Aktuell engagieren sich ungezählte Menschen in der Diakonie, kooperieren vor Ort mit säkular Engagierten und Gruppen, knüpfen Netze der Solidarität und verleihen so der Nächstenliebe als christlichem Alleinstellungsmerkmal unverkennbar Konturen in der Gesellschaft. Kirchliches Tun weist im besten Fall auf den Anbruch des Reiches Gottes und erzählt davon nicht nur in Liturgien, weil es nicht dabei verweilen kann.

Möglichkeit zur Krankensalbung

Darum wäre im Besonderen Frauen und Männern, die ausdrücklich als kirchlich Beauftragte in Quartieren oder Spitälern tätig sind, nach einer Spezialausbildung die Möglichkeit zur Feier der Krankensalbung mit den ihnen Anvertrauten zu eröffnen. Man würde so zumindest den Intentionen des Jakobusbriefes nicht widersprechen und die Theologie der kirchlichen Dienste variabler gestalten. Liegt der Sinn dieser Dienste nicht darin, Menschen in vielfältigsten Situationen des Alltags und der Gesellschaft zu begleiten und von der Begegnung mit Christus Zeugnis an allen Orten der Weltkirche abzulegen?

[1] H. Hoping, Ph. Müller: Ein Vorschlag: Viri probati zur Priesterweihe zulassen, in: HK 76 (2017) 13-16

[2] G. Greshake Art. Diakon, V. Gegenwärtige Diskussion, in: LTHK Sonderausgabe 2006, Sp. 183 f.

[3] H. Hoping: Diakonat der Frau ohne Frauenpriestertum? in: SKZ 168 (2000) 281-284

[4] S. Steger: Der Ständige Diakon und die Liturgie. Anspruch und Lebenswirklichkeit eines wiedererrichteten Dienstes. Regensburg 2006, 471

[5] M. Bonert (03.04.2017) = https://kirchenentwicklung.de/diakone-amt-des-wandels/

[6] M. Wollek: «Ich bin bereit!» Die Ausbildung zum Diakon mit/im Zivilberuf in Zeiten gesellschaftlicher und kirchlicher Transformation. Bd. 5 Diakonie und Ökumene, Berlin 2016 (Diss.), 133 f., 172

*Stephan Schmid-Keiser (*1949) promovierte in Liturgiewissenschaft und Sakramenten-Theologie. Nach elf Jahren Engagement auf sprachregionaler Ebene im Bereich Missions- und Hilfswerke engagierte er sich langjährig als Seelsorger und Gemeindeleiter im Bistum Basel. Vor seinem Einstieg in die nachberufliche Zeit war ihm 2016/17 die Funktion als Redaktor der Schweizerischen Kirchenzeitung SKZ anvertraut.

Weltsynode im Podcast: Was haben die Synodalen erreicht, was ist nach wie vor offen, und wie geht es jetzt weiter? Darüber diskutieren Helena Jeppesen-Spuhler, Delegierte für Europa, und Bischof Felix Gmür in der nächsten Folge des Podcasts «Laut + Leis». Ab Freitag, 1. November, um 6 Uhr auf www.kath.ch/podcast/ und überall, wo’s Podcasts gibt.


Stephan Schmid-Keiser | © Lisbeth Schmid-Keiser
30. Oktober 2024 | 14:00
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