Schweiz

«Im barocken Universum ordnete sich alles nach Gott hin»

St. Gallen, 23.11.17 (kath.ch) Die Stiftsbibliothek und die Kathedrale St.Gallen gehören zu den schönsten Bauwerken des Spätbarocks. Beide feiern 2017 das 250. Jahr ihrer Fertigstellung. Aus diesem Anlass zeigt die Stiftsbibliothek ab dem 28. November die Winterausstellung «Barockes Universum – Religion und Geist in der Fürstabtei St.Gallen». Wie das Leben damals war und wie das in der Ausstellung präsentiert wird, erklärt Stiftsbibliothekar Cornel Dora im Gespräch mit kath.ch.

Evelyne Graf

Cornel Dora, können Sie uns einen kurzen Überblick über die Winterausstellung geben?

Cornel Dora: Die Stiftsbibliothek besitzt ein seltenes Modell der Stiftskirche, das im Bauprozess eine wichtige Rolle spielte. Wir werden das Original des Modells zeigen. Eine Vitrine ist der Buchkunst mit Handschriften aus der Barockzeit gewidmet, die vor allem dem liturgischen Gebrauch dienten. Eine weitere Vitrine zeigt Exponate der barocken Festkultur. Dazu gehören insbesondere religiöse Feste, welche die spirituellen und gesellschaftlichen Höhepunkte im damaligen Leben der Menschen bildeten.

Was wäre ein Beispiel dieser Festkultur?

Dora: Ein grosses Fest fand am 15. September 1680 statt, bei dem die Reliquien mehrerer Katakomben-Heiligen in die Klosterkirche gebracht wurden. Mehrere tausend Personen sollen an der Prozession teilgenommen haben. Ein Kupferstich erinnert an diese Feierlichkeit.


Da soll offenbar auch eine Druckerei stehen.

Dora: Ja, in der vierten Vitrine stellen wir die Klosterdruckerei vor. Sie existierte von 1633 bis um 1800. Sie war ein wichtiges Instrument für die Förderung von Kultur und Bildung, aber auch für die Sicherung von Dokumenten und für die Verwaltung. So wurde zum Beispiel das Bettlerwesen mit gedruckten fürstäbtischen Mandaten geregelt.

Die Benediktiner-Mönche haben auf hohem Niveau Wissenschaft betrieben.

Eine Vitrine befasst sich mit der wissenschaftlichen Erforschung der damals bereits berühmten Handschriftensammlung. Die Benediktiner-Mönche haben auf hohem Niveau Wissenschaft betrieben.

Schliesslich geben wir in der Vitrine in der Mitte des Barocksaals einen Einblick in den grossartigen Buchnachlass des Historikers und Politikers Aegidius Tschudi. Dieser wurde 1768, also auch vor 250 Jahren, für die Stiftsbibliothek erworben.

Was kennzeichnet Religion und Geist in der barocken Fürstabtei?

Dora: Zum einen war das barocke Universum eine religiöse Welt, in der sich letztlich alles auf Gott hin ordnete. In dieser Welt fühlte sich der Mensch aufgehoben. Zum andern wurde im Kloster eine hochstehende Gelehrsamkeit gepflegt. Wissenschaftliche Bildung lag den barocken Fürstäbten sehr am Herzen.

Ich kenne keine schönere barocke Kirchenlandschaft als die der Fürstabtei St.Gallen.

Können Sie etwas zur Bautätigkeit der Fürstäbte sagen?

Dora: Die Bautätigkeit war rege: Nach der Reformation wurden im 17. Jahrhundert zahlreiche Gebäude im Klosterbezirk neu gebaut, zunächst fehlte aber eine Gesamtkonzeption. Erst unter Fürstabt Coelestin Gugger von Staudach  (ab 1740 – 1767) wagte man den grossen Wurf mit einer wunderschönen, grossen neuen Stiftskirche – der heutigen Kathedrale – und einer neuen Bibliothek. Etwa gleichzeitig entfaltete sich eine rege und hochstehende barocke Baukultur in den Pfarreien der Fürstabtei. Ich kenne keine schönere barocke Kirchenlandschaft als die der Fürstabtei St.Gallen zwischen St. Margrethen und Wil SG.

Ist auch etwas über die Mönche zu erfahren?

Dora: Ja, die Ausstellung zeigt auch, wie wichtig die St. Galler Mönche bei der Erforschung des St. Galler Klosterplanes waren, indem sie das Dokument als Erste entdeckten, einordneten, abschrieben und abzeichneten. Der erste eigentliche Klosterplan-Forscher war der St. Galler Pater und Stiftsbibliothekar Jodocus Metzler (1574 – 1639).

Neben der harten Arbeit gab es auch Raum für Festliches und Sinnliches.

Was können die Besucherinnen und Besucher als Anregung mitnehmen?

Dora: Wir lernen eine Welt kennen, in der die Menschen in einem im Glauben verankerten Universum lebten. Neben der harten Arbeit gab es auch Raum für Festliches und Sinnliches. Der barocke Katholizismus ist auch ein fulminanter Gegenentwurf zu reformierter Nüchternheit. Für unsere heutige kurzlebige Welt können wir von der spirituellen Verankerung sicher etwas lernen.

Woher kommt das Wort «barock»?

Dora: Das Wort «barock» stammt aus der portugiesischen Sprache und bezeichnet ursprünglich «unregelmässig geformte Perlen». Es heisst eigentlich «schief», «merkwürdig» und bezog sich in erster Linie auf die Architektur. Erst seit dem 19. Jahrhundert wurde der Begriff auch für die Musik und Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts verwendet.

Auch das war gewissermassen «schief», «verrückt» – barock eben!

Was finden Sie persönlich an der Ausstellung interessant?

Dora: Interessant finde ich, dass in der Stadt St. Gallen von 1584 bis 1701 zwei Zeitrechnungen verwendet wurden. In der katholischen Fürstabtei galt der neue gregorianische Kalender, in der reformierten Stadt der alte julianische Kalender. Beide lagen zehn Tage auseinander, was auch die hohen kirchlichen Feste wie Weihnachten und Ostern betraf. Briefe von St. Gallern aus dieser Zeit tragen daher oft zwei Daten. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Auch das war gewissermassen «schief», «verrückt» – barock eben!

Die Winterrausstellung «Barockes Universum – Religion und Geist in der Fürstabtei St. Gallen» wird vom 29. November bis 11. März 2018 im Barocksaal der Stiftsbibliothek St. Gallen gezeigt. Sie ist täglich von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Weitere Informationen: www.stiftsbibliothek.ch.

Cornel Dora | © Stiftsbibliothek
23. November 2017 | 16:00
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