Kirchentagspräsidentin Christina Aus der Au in Zürich. | © Vera Rüttimann
Schweiz
Kirchentagspräsidentin Christina Aus der Au in Zürich. | © Vera Rüttimann

«Ich hoffe, dass sich Menschen von der Kraft des Glaubens anstecken lassen»

Zürich, 27.4.17 (kath.ch) Der Deutsche Evangelische Kirchentag im Mai in Berlin und Wittenberg ist ein grosses Ereignis, mitten im 500. Jubiläum der Reformation. Die Thurgauerin Christina Aus der Au ist die diesjährige Kirchentagspräsidentin. Die 51-Jährige sieht den Grossevent als Zeitansage und starkes Symbol für Mut und Zuversicht und wünscht sich davon neue Impulse für den Glauben.

Vera Rüttimann

Sie sind als erste Schweizer Theologin zur Präsidentin eines Deutschen Evangelischen Kirchentages  gewählt worden. Wie kam es dazu? 

Christina Aus der Au: Zum Kirchentag in Köln 2007 wurde ich für eine Moderation zum Thema «Beziehung zwischen Theologie und  Neurowissenschaft» angefragt. Dort  erlebte   ich erstmals, wie eine   begeisterte Menge mit bunten Schals,  Gesängen und Diskussionen fröhlich eine ganze Stadt «einnehmen» kann. Ich staunte, weil ich das aus der Schweiz, wo die Kirche mit Grossanlässen dieser Art nicht so sichtbar ist, nicht kenne.

«Ich empfand die Wahl zur Präsidentin als grosse Ehre.»

Seit Köln nehme ich an  jedem Kirchentag teil. Zum folgenden Kirchentag in Bremen wurde ich dann als erste Nicht-Deutsche in das Präsidium gewählt. 2013 wurde ich für sechs Jahre in den leitenden Vorstand gewählt, wo ich mit dem heutigen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier zusammenarbeitete. Eine beeindruckende Persönlichkeit. 2016  folgte schliesslich die Wahl zur Kirchentagspräsidentin. Ich empfand das als grosse Ehre.

Als Kirchentagspräsidentin sind Sie viel unterwegs. Gibt es Termine, die heraus stechen?

Aus der Au: In Berlin führt der Kirchentag eine Geschäftsstelle. Meist bin ich jedoch unterwegs zu Terminen in der Stadt. Ich konnte in den letzten Wochen und Monaten viele spannende Termine wahrnehmen. Ein Auszug: Ich warb mit Berlins Bürgermeister Michael Müller für die Privatquartier-Kampagne; ich traf mich mit Markus Dröge, dem Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, sowie mit Heiner Koch, dem Erzbischof von Berlin. Weiter konnte ich an der Kapelle der Versöhnung, im ehemaligen Todesstreifen der Berliner Mauer einen Baum pflanzen. Ein eindrückliches Erlebnis. Schon früher einmal verbrachte ich eine Nacht im Kältebus der Berliner Stadtmission, um einen Einblick zu erhalten, wie Randständige hier leben.

Das Programm zum Kirchentag umfasst gut 300 Seiten. Welche Veranstaltungen haben Sie besonders angesprochen?

Aus der Au: Es sind so viele! Ich freue mich zum  Beispiel über Kirchentags-Anlässe, an denen Schweizerinnen und Schweizer beteiligt sind. So wird im Französischen Dom in Berlin-Mitte, wo es eine reformierte Gemeinde gibt, eine «ReformierBar» eingerichtet. Beteiligt an diesem Projekt sind die Berliner Reformierten, die Waldenser, die Zürcher Reformierten und das Zentrum für Kirchenentwicklung der Universität Zürich, dessen Geschäftsführerin ich bin. Das ist fantastisch!

«Ich freue mich über Anlässe, an denen Schweizer beteiligt sind.»

Auch Christine Schraner-Burgener, die Schweizer Botschafterin in Berlin, hat sich vom Kirchentagsfieber anstecken lassen. Am Abend der Begegnung soll dort Raclette angeboten werden.

Dann gibt es ja noch die «Kirchentage auf dem Weg»

Aus der Au: Ja. Ich freue mich ebenso auf  diese Kirchentage. Sie finden in Städten statt, die man in der Schweiz kaum kennt. Bach, Händel, Bauhaus-Architektur – diese Kirchentage sind ein idealer Einstieg, um diese Orte kennen zu lernen. Schon meine Eltern kamen aus diesen Städten begeistert zurück.

In welcher Weise können Sie als Schweizerin an diesem Kirchentag theologische Akzente setzen?

Aus der Au: Meine Wahl zur Präsidentin des Kirchentages und der Kirchentage auf dem Weg im Jahr des Reformationsjubiläums verstehe ich klar als Fingerzeig, dass der Fokus nicht nur auf Luther und den deutschen Protestantismus gesetzt werden soll. In theologischer, kultureller und politischer Hinsicht ist die Reformation eine europäische Angelegenheit mit vielen Strömungen und Denkansätzen. Ich werde ein Stück des reformierten Protestantismus von Zwingli einbringen. Seine Vorstellung von unabhängigen Gemeinden ohne hierarchisch dominanten Überbau ist ein wesentliches Element basisdemokratischen Kirche-Seins.

In Berlin sieht man seit Monaten ein grosses orangenes Plakat mit der Losung des 36. Deutschen Evangelischen Kirchentages, die «Du siehst mich» lautet. Eine gute Wahl?

Aus der Au: Ich finde sowohl die Losung als auch grafische Umsetzung sehr gut gewählt. Es ist mir wichtig, den Menschen zu sehen, so wie er denkt, fühlt und glaubt. In einer stark säkularisierten Stadt wie Berlin geht es zudem auch darum,  die  Nichtgläubigen  zu  sehen.  Mit Menschen ins Gespräch zu kommen, ist mir als Kirchentagspräsidentin ein bedeutendes Anliegen. Die Ränder, dort, wo es «ausfranst» – das interessiert mich!

Atheisten werden bei diesem Kirchentag stärker eingebunden sein als in den Jahren zuvor. So freue ich mich, dass   wir zusammen mit Vertretern des Humanistischen Verbandes eine Podiumsdiskussion zum Thema Sterbehilfe und eine über die Grenzen der offenen Gesellschaft einfädeln konnten.

Wie nehmen Sie die deutsche Hauptstadt wahr? 

Aus der Au: Wenn ich in Berlin bin, staune ich jedes Mal neu: Eine 3-Milionen-Stadt mit unterschiedlichen Bezirken und Baudenkmälern, die ich so noch nie sah. Wie meine 8-jährige Tochter mag ich zudem die «Berliner Schnauze». Oft schon waren wir gemeinsam im «Café Zimt und Zucker» zum Brunch.

«Berlin nehme ich nicht als eine «Stadt ohne Gott» wahr.»

Berlin nehme ich zudem keinesfalls als eine «Stadt ohne Gott» wahr, wie sie von manchen Medien gern bezeichnet wird. In den vergangenen Monaten war ich hier oft zu Gast in sehr lebendigen Kirchgemeinden. Und die Stadt ist multireligiös! Während der «Nacht der Religionen», die gleichzeitig mit dem Kirchentag stattfindet, werden sich viele sehr unterschiedliche Glaubensgemeinschaften mit einem spannenden Programm präsentieren.

Der ehemalige Präsident der USA, Barack Obama, wird den Kirchentag in Berlin besuchen. Das Medieninteresse steigt. Welche Hoffnungen setzen Sie in dieses  Grossereignis?

Aus der Au: Der Evangelische Kirchentag ist seit seiner Gründung politisch. Ich bin überzeugt, dass auch der Berliner Kirchentag in einer Zeit, in der Europa tiefe Krisen durchläuft, seine Zeitansagen machen wird und sich Christinnen und Christen nicht nur um ihr Seelenheil kümmern werden. Ich hoffe zudem, dass sich die Menschen wieder vermehrt von der erneuernden Kraft des Glaubens anstecken lassen und Reformen in Kirche und Politik mit Entschlossenheit, Mut und Zuversicht weiterführen.

Kirchentagspräsidentin Christina Aus der Au in Berlin.e | © Vera Rüttimann
Kirchentagspräsidentin Christina Aus der Au in Berlin.e | © Vera Rüttimann
Gedächtniskirche, ein Wahrzeichen Berlins. | © Vera Rüttimann
Gedächtniskirche, ein Wahrzeichen Berlins. | © Vera Rüttimann
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