Bruno Fluder, Theologe, Öffentlichkeitssprecher von Adamim – Verein Schwule Seelsorger Schweiz | © 2015 Sylvia Stam
Schweiz
Bruno Fluder, Theologe, Öffentlichkeitssprecher von Adamim – Verein Schwule Seelsorger Schweiz | © 2015 Sylvia Stam

Schwule Seelsorger fordern jesuanische und menschenrechtliche Akzeptanz

Luzern, 11.10.17 (kath.ch) Bruno Fluder hätte sich gewünscht, dass sich die rund fünfzig Mitglieder des Vereins Adamim am heutigen Coming Out Day «outen». Doch diese haben es nicht getan, ausser zwei Personen. Homosexuelle in kirchlichen Diensten haben Angst, sagt der Sprecher des Vereins.

Georges Scherrer

Homosexuelle machen in der Kirche aufgrund ihrer sexuellen Ausrichtung immer wieder schlechte Erfahrungen. Anlässlich des Coming Out Day, der jährlich am 11. Oktober durchgeführt wird,  weist der «Verein von schwulen Männern im kirchlichen Dienst» (Adamim) auf vier Fälle von Seelsorgern hin, die in den vergangenen 18 Monaten bei ihrer Bewerbung abgeblitzt sind. Diese Fälle dokumentierten, dass es Homosexuelle auf allen Ebenen der Kirche schwer haben, eine Anstellung zu finden, dies sowohl in der katholischen wie in den reformierten Kirchen, sagt Fluder.

Die Medien haben bereits über die Fälle in Bichelsee TG und in der psychiatrischen Klinik St. Urban LU geschrieben. Neu ist die Geschichte um Ueli Stirnimann, der in einer eingetragenen Partnerschaft lebt, und von Adamim bekannt gemacht wird.

Sexualmoral der Kirche wird höher als Seelsorge gewichtet

Der Katechet, der sich über das theologische Konzept ForModula weitergebildet hatte, erfuhr diese Diskriminierung auf Pfarreiebene, sagt der Adamim-Sprecher. Anfänglich verliefen die Anstellungsverhandlungen und die Begegnungen mit dem Seelsorgeteam positiv. Überraschend habe der zuständige Pfarrer die Verhandlungen abgebrochen mit dem Hinweis, das Team könne sich nicht vorstellen, mit Stirnimann zusammenzuarbeiten. Stirnimann ging leer aus.

Ehrlich sich selber gegenüber bleiben

Bruno Fluder | © Georges Scherrer

Von solchen Negativ-Entscheiden seien nicht nur homosexuelle Theologen betroffen, sondern auch Personen, die im Konkubinat oder als Geschiedene wieder heirateten, ergänzt der Adamim-Sprecher. «Eine kirchliche Anstellung werde dann wieder möglich, wenn die erste Ehe annulliert wird», sagt der Adamim-Sprecher. Er kennt aber Leute, die auch nach der Scheidung zu ihrer ersten Ehe stehen und diese darum nicht annullieren lassen wollten.

Diskretion ist in unserem Verein enorm wichtig.

Die eng gesetzte katholische Sexualmoral, die auf die Zeugung von Nachkommen ausgerichtet sei, bilde eine Barriere. «Ich habe das Gefühl, dass die Sexualmoral in der Kirche oft höher eingestuft wird als die Seelsorge. Die ‘Seelsorge an Seelsorgenden’, welche die Kirche für Seelsorgende in Not eingerichtet hat, ist ja schön und gut. Aber der Umgang der Kirche mit dem eigenen Personal ist dennoch oft nicht von einer Barmherzigkeit geprägt, wie man sie in anderen Bereichen der Seelsorge findet», so Bruno Fluder.

Die Angst schwingt mit

Fluder hätte sich gewünscht, dass sich die rund fünfzig Mitglieder am Coming Out Day an die Öffentlichkeit gewagt hätten. Das geschah aber nicht. «Die meisten haben sich in den letzten zehn, zwanzig Jahren mit ihrer Situation arrangiert und an diese gewöhnt.» Einige haben entschieden, aus freien Stücken oder notgedrungen zölibatär zu leben. Andere gestalteten nach aussen ihr Leben nach den Vorgaben der Kirche. Im Privaten lebten sie aber gemäss den eigenen Vorstellungen, sei es in einer festen Partnerschaft oder in wechselnden Beziehungen.

«Diskretion ist in unserem Verein enorm wichtig», sagt der Pressesprecher. Diese Haltung entspreche jedoch nicht der befreienden Botschaft des Evangeliums. Jedes Mitglied wisse aber: «Es wird niemand geoutet.»

Bischöflicher Gruppendruck

Die Position der katholischen Kirche gegenüber Homosexuellen sei seit Jahrhunderten unverändert. «Wir hatten das Gefühl, dass sich die Kirche im 21. Jahrhundert etwas bewegt hat. Das hat sie aber nicht.» In einigen Diözesen habe die Gewichtung des Kirchenrechts gegenüber der Diskriminierung von Homosexuellen etwas variiert. Die Erfahrung zeige aber, dass liberalere Bischöfe unter dem Druck ihrer konservativen Mitbrüder sehr schnell auf ihre Entscheide zurückkämen, so der Admim-Sprecher. Die Gruppendynamik innerhalb von Bischofskonferenzen und die «Angst vor Rom» sorge dafür, dass sich bezüglich der Homosexuellen nichts bewege.

Mit dieser Schizophrenie muss die Kirche im Moment leben.

In der Schweiz bewarb sich kürzlich ein homosexueller Theologe (Name der Redaktion bekannt) bei einem kirchennahen Hilfswerk. Der Geschäftsführer signalisierte Wohlwollen. Weil der zuständige Bischof aber sein Veto einlegte, kam es nicht zu einer Anstellung. Der Bischof brachte ein, der Bewerber habe sich öffentlich für die Einstellung von homosexuellen Mitarbeitern in der Kirche stark gemacht. Er habe sich vor Reaktionen aus Nachbarbistümern gefürchtet.

Stagnation und Bremsklötze

Heute rede man in der Kirche wenigstens über diese Probleme. Vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil waren sie nicht einmal ein Thema. Die Kirche griff die gesellschaftliche Diskussion der «68er»-Jahre über Homo-, Trans- und Intersexualität langsam auf. Die Äusserungen des zurückgetretenen Papstes Benedikt XVI. machten aber deutlich, wie schwer es sich die Kirche mit dem Thema mache.

Die Regebogenpastoral betrifft nicht die Anstellungsbedingungen für den kirchlichen Dienst.

Benedikt XVI. habe erst kürzlich erklärt, Transsexuelle entschieden sich frei dafür, ein anderes Geschlecht anzunehmen. «Jene Transsexuellen, die ich kenne, sind alles andere als frei. Sie befinden sich oft Jahrzehnte lang in einer Lebenskrise, die dazu führt, dass sie ihr Geschlecht umwandeln lassen», so der Adamim-Sprecher.

Menschenrechtliche Akzeptanz

Die «Regebogenpastoral» sei nicht für kirchliche Mitarbeiter gedacht, erklärt er weiter, sondern richte sich als pastorales Angebot an Betroffene. Sie betreffe auch nicht die Anstellungsbedingungen für den kirchlichen Dienst. «Mit dieser Schizophrenie muss die Kirche im Moment leben.» Die «Regenbogenpastoral» sei eine Antwort auf die gesellschaftliche Wirklichkeit, wo die Homosexualität «eine relativ hohe Anerkennung» erfahre, während Inter- und Transsexualität gesellschaftlich «nicht wahrgenommen werden». Diese Zielgruppen wollten von der Kirche aber nicht Mitleid und Barmherzigkeit erfahren. Sie beanspruchten «ganz einfach menschenrechtliche Akzeptanz».

Die Kirche verzichtet auf erfahrene Mitarbeiter.

Die Position der Kirche schrecke viele Menschen ab, sich in kirchliche Dienste zu stellen. «Ich kenne Dutzende solcher Personen», erklärt der Adamim-Sprecher. Andere würden sich aber engagieren, «weil ihnen die Botschaft des Evangeliums wichtig ist und sie überzeugt sind, dass die Kirche der heutigen Welt etwas zu sagen hat». Sie möchten die «jesuanische Akzeptanz» auch in der Kirche verwirklichen.

Diese müsse sich zudem der Frage stellen, ob sie auf die Mitarbeit kompetenter Seelsorger verzichten wolle, weil sie eine Lebensform pflegten, die nicht ganz der kirchlichen Lehre entspreche, zumal der Personalmangel nach Lösungen verlange.

Pride-Parade in Freiburg | © Georges Scherrer
Pride-Parade in Freiburg | © Georges Scherrer
Gottesdienst zur "Zurich Pride" | © Georges Scherrer
Gottesdienst zur "Zurich Pride" | © Georges Scherrer
Die Heilige Pforte im Bistum St. Gallen | ©  zVg/Philipp Hautle
Die Heilige Pforte im Bistum St. Gallen | © zVg/Philipp Hautle
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