Historiker und SP-Mitglied: Peter Heim.
Schweiz

Historiker: Silja Walters Vater war ein Sympathisant des Nationalsozialismus

Der Oltener Historiker Peter Heim (77) hat zu Otto Walter geforscht, dem Vater der Benediktinerin Silja Walter. Otto Walter war Schriftsteller, Verleger – und als Politiker von den totalitären Regimes in Italien, Deutschland und Spanien tief beeindruckt, sagt Peter Heim.

Raphael Rauch

Wer war Silja Walters Vater?

Peter Heim*: Otto Walter war eine der markantesten Figuren des Schweizer politischen Katholizismus in der Zwischenkriegszeit. Er lebte von 1889 bis 1944. Sein Studium der Philosophie, Volkswirtschaft und Jurisprudenz an der Freiburger Universität brach er vorzeitig ab und wandte sich ganz der Politik und dem Verlagsgeschäft zu. Seine Dissertation über den deutschen Publizisten Josef Görres (1776–1848) blieb unvollendet. Otto Walter hatte neun Kindern, von denen die Benediktinerin und Lyrikerin Silja (1919–2011) und der Romancier Otto Friedrich (1928–1994) sich einen Namen gemacht haben.

Otto Walter
Otto Walter

Wie können wir uns Silja Walters Elternhaus vorstellen?

Heim: Sie ist in einem gut betuchten Elternhaus aufgewachsen. Ihr Grossvater besass eine Kamm-Fabrik, die Grossmutter war Tochter eines Grenchner Uhrenfabrikanten. 1916 hatte ihr Vater den Walter Verlag gegründet – und zwar als geistiges Bollwerk des Römischkatholizismus in der damals freisinnig-christkatholisch dominierten Stadt Olten. Der Verlag wurde 1992 von Patmos übernommen. Zusammen mit Ferdinand Rüegg rief er ausserdem die Katholische Internationale Presseagentur (Kipa) ins Leben, also die Vorgängerin von kath.ch.

«Er war ein einflussreicher Meinungsmacher.»

Wie wichtig war Otto Walter als politische Figur?

Heim: Walter spielte sowohl lokal und kantonal, aber auch auf Bundesebene eine wichtige Rolle. Er war mit seinem Verlag und der dort gedruckten Tageszeitung «Der Morgen» ein einflussreicher Meinungsmacher und prägte als Parlamentarier und konservativer Parteipräsident die kantonale Politik. Von 1925 bis 1939 sass er im Nationalrat, wo er unter anderem als Promotor der 1935 vom Schweizervolk verworfenen Totalrevision der Bundesverfassung hervortrat. Er gehörte zu den Begründern der jungkonservativen Bewegung der Schweiz und deren Zeitung «Die Schildwache». 

Aus dem Schweizerkreuz wird ein Hakenkreuz: "Der Morgen" berichtet über den Wahlkampf in Olten im Jahr 1933.
Aus dem Schweizerkreuz wird ein Hakenkreuz: "Der Morgen" berichtet über den Wahlkampf in Olten im Jahr 1933.

Sie sehen Otto Walter sehr kritisch. Warum?

Heim: Er war ein ausgesprochener Sympathisant des Nationalsozialismus in Deutschland. Seine politische Haltung war geprägt durch die traumatisierende Erfahrung der freisinnigen Herrschaft in der Ära des Kulturkampfs und später der sozialen Spannungen während und nach dem Ersten Weltkrieg, Stichwort Generalstreik 1918. Diese doppelte Abwehrhaltung leistete innerhalb des katholischen Milieus rechtskonservativen Strömungen Vorschub, die sich in den 1930er-Jahren autoritär, demokratiefeindlich und auch ausgesprochen antisemitisch gebärdeten.

«Otto Walter hat die demokratischen Rechte teilweise in Frage gestellt.»

War er ein Frontist, also ein Schweizer Nazi?

Heim: So weit würde ich nicht gehen. Er verstand sich als treuer Schweizer, als Hüter einer unabhängigen Schweiz – auch wenn er die demokratischen Rechte teilweise in Frage stellte. Für ihn war der moderne Bundesstaat ein Kind der französischen Revolution und daher fragwürdig. Aus seiner Sympathie für die autoritären Regimes in Italien, Deutschland und Spanien machte er kaum einen Hehl. Nach einer Reise nach Berlin im November 1933 schwärmte er förmlich über einen Auftritt des Propagandaministers Goebbels im Sportpalast:

Otto Walter berichtet über Joseph Goebbels

«Eine S.A.-Musikkapelle hoch oben auf der zweiten Balkonreihe intoniert das Horst-Wessellied – stehend, mit erhobenem Arm singt die Riesenmenge die eindrucksmächtige, erschütternde ‹Marseillaise’ der deutschen Revolution! Und dann braust ein einziger Schrei auf, wie ein Orkan fegt es durch die gigantische Halle, die ‹Heil’-Rufe werden zu Sturmgebraus. Hüte, Mützen, Taschentücher, Hände flattern wirbelnd und grüssend in der Luft und ehe man sich recht versieht – steht Dr. Goebbels schon am Mikrophon auf der Rednertribüne und hebt mit tiefer ruhiger, fast leiser Stimme zu sprechen an: ‹Volksgenossen und Volksgenossinnen!’»

Quelle: «Der Morgen»

War Silja Walters Vater ein Antisemit?

Heim: Walter war vorsichtig genug, sich in dieser Beziehung persönlich nicht zu sehr zu exponieren. Aber er gab manchen extremistischen Autoren aus dem katholischen Milieu auf der Titelseite seiner Zeitung Gelegenheit, ihre abstrusen antifreimaurerischen, antisozialistischen und antisemitischen Verschwörungstheorien zu verbreiten. 

Die Benediktinerin Silja Walter.
Die Benediktinerin Silja Walter.

Wie sind die zwei bekannten Walter-Kinder Silja und Otto F. mit der problematischen Rolle ihres Vaters umgegangen?

Heim: Unterschiedlich. Der Sohn setzt sich in seinem Roman «Zeit des Fasans» – natürlich fiktional verbrämt – sehr kritisch mit der Kollaboration von Schweizern mit Nazideutschland und auch mit der Haltung seines Vaters auseinander, während Silja diesen eher in Schutz nimmt. 

Pius XI., Enzyklika Mit brennender Sorge
Pius XI., Enzyklika Mit brennender Sorge

1937 hat Papst Pius XI. die Enzyklika «Mit brennender Sorge» veröffentlicht, die die NS-Politik kritisiert. Wie hat Otto Walters Zeitung darüber berichtet?

Heim: Unter der Schlagzeile «Wachsende Spannung zwischen Staat und Kirche in Deutschland» berichtete das Blatt am 23. März 1937 über die Verlesung der deutschsprachigen Enzyklika «Mit brennender Sorge» von etwa 11’500 deutschen Kanzeln herab und fasste den Inhalt der päpstlichen Botschaft ausführlich zusammen.

«Über die Gräuel des Holocausts hat ‘Der Morgen’ erst ganz am Ende des Krieges berichtet.»

Wie behandelte «Der Morgen» das Thema Konzentrationslager?

Heim: Den immer wieder durchsickernden Meldungen über die skandalösen Zustände in den Konzentrationslagern stellte das Blatt verharmlosende Reportagen entgegen, die von der gleichgeschalteten deutschen Presse verbreitet wurden. Über die Gräuel des Holocausts hat «Der Morgen» erst ganz am Ende des Krieges berichtet. Da war Otto Walter bereits tot – er ist 1944 gestorben. 

* Peter Heim (77) hat an der Kantonsschule Olten Geschichte und Deutsch unterrichtet. Von 2003 bis 2012 war er Stadtarchivar von Olten. An der Vereinigung für Schweizerische Kirchengeschichte hat er am Samstag in Aarau einen Vortrag gehalten. Heim ist SP-Mitglied.


Historiker und SP-Mitglied: Peter Heim. | © Raphael Rauch
4. Mai 2022 | 12:07
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