Gottfried Locher: «Der Rat der Religionen hat eine wichtige Türöffner-Funktion»
Bern, 20.5.16 (kath.ch) Am Sonntag, 22. Mai, feiert der Schweizer Rat der Religionen (SCR) sein 10-Jahr-Jubiläum. Worüber im Rat diskutiert und gestritten wird, was gut funktioniert und was nicht, erzählt dessen Präsident Gottfried Locher im Interview mit kath.ch.
Sylvia Stam
Warum wurde der Rat der Religionen gegründet?
Gottfried Locher: Am Anfang stand das Bedürfnis, in einer veränderten Religionslandschaft in der Schweiz den Vertretern der institutionellen Religionen eine Plattform zu bieten, wo diese sich treffen können, um Tagesgeschäfte und religiöse Fragen zu besprechen.
War damit eine konkrete Aufgabe verbunden?
Locher: Ziel des SCR ist die Förderung des religiösen Friedens, das steht so auch in den Statuten. Was das im Einzelnen bedeutet und wie man diesen fördern kann, muss der Rat immer wieder neu abwägen.
Und wie hat der SCR bisher zum Religionsfrieden in der Schweiz beigetragen?
Locher: Wir können einen kleinen Teil beitragen, indem wir bei wichtigen Ereignissen eine bedeutende Stimme sind. Anlässlich der Anschläge auf die Redaktion von Charlie Hebdo ist es dem SCR zum Beispiel geglückt, diese in einer gemeinsamen Stellungnahme zu verurteilen und dennoch an der Freiheit der Meinungsäusserung festzuhalten.
Was für andere Themen diskutiert der SCR zurzeit?
Locher: Wir treffen uns vierteljährlich und besprechen Themen, die in der Öffentlichkeit eine Rolle gespielt haben oder noch spielen. Aktuell sind das die Entwicklungen im Nahen Osten, weil das die Wahrnehmung der Religionen in der Schweiz beeinflusst. Die Entwicklung des Religionsfriedens in der Schweiz ist nicht zu trennen von der Entwicklung im Nahen Osten.
Und wie kann der SCR da Einfluss nehmen?
Locher: Meiner Erfahrung nach bringt es viel, wenn die Vertreter des SCR in den anderen Institutionen jeweils auch präsent sind. Wenn Montassar BenMrad (Präsident der Föderation islamischer Dachorganisationen, die Red.) beispielweise in den Kirchenbund und seine Gremien kommt, lernt man ihn als Person kennen. Das kann Vorurteile abbauen. Auch ich käme sonst nicht so leicht in eine muslimische Dachorganisation. Diese Türöffner-Funktion des Rates ist viel wert, auch wenn sie in der Öffentlichkeit nicht direkt sichtbar ist.
Der religiöse Frieden in der Schweiz ist derzeit durch zunehmende Islamophobie gefährdet. Was tut der SCR dagegen?
Locher: Transparenz ist hier sehr wichtig. Wir können Ängste, die in der Bevölkerung gegenüber Muslimen vorhanden sind, entschärfen, indem wir sachlich darüber sprechen. Ein grosser Teil der Konflikte im Nahen Osten zum Beispiel hat nichts mit Religion zu tun, sondern es geht eher um kulturelle als um religiöse Differenzen. Wenn man solche Zusammenhänge benennt und anhand von Fakten aufzeigt, trägt das zur Verringerung der Islamophobie bei. Und natürlich ist auch der persönliche Kontakt sehr wichtig.
Was haben Sie persönlich im Gespräch mit Muslimen gelernt?
Locher: Muslime sehen Religion mit einer grossen Selbstverständlichkeit als Teil ihrer Identität an, davon kann ich viel lernen. Der Dialog mit ihnen bedingt, dass man sich der eigenen religiösen Identität bewusst ist und Auskunft darüber geben kann, was man eigentlich glaubt. Bei uns Christen herrscht da manchmal ein schüchternes Schweigen.
Worüber wird oder wurde im SCR auch gestritten?
Locher: Ein Thema war die Frage der Meinungsfreiheit: Darf Satire religiöse Gefühle verletzen? Da gibt es unterschiedliche Ansichten innerhalb des SCR. Persönlich bin ich der Meinung, dass man bis an die gesetzliche Grenze auch religiöse Gefühle verletzen darf. Es gibt im Rat Positionen, die finden, dass es Bereiche gibt, über die man sich nicht lustig macht, weil man die Gefühle des andern nicht verletzen möchte. Ich finde das ein bedenkenswertes Argument. Religiöser Friede braucht eine gewisse Rücksichtnahme auf die religiösen Gefühle anderer, aber er braucht auch eine gegenseitige Toleranz, Verletzungen auszuhalten. Wenn wir das Schwierige ausklammern, kommen wir in eine Art «Nicht-Dialog» .
Dann funktioniert der Austausch untereinander also gut?
Locher: Ja. Diese Plattform muss allerdings geschützt bleiben. Es muss möglich sein, dass Themen dort kontrovers diskutiert werden, ohne dass sie gleich öffentlich werden.
Wo sehen Sie Verbesserungspotenzial?
Locher: Der SCR reagiert oft nicht schnell genug. Nehmen wir die Debatte um den verweigerten Händedruck an einer Schule in Therwil BL. Hier sollte jedes Ratsmitglied Verantwortung übernehmen und sagen können: Jetzt ist etwas passiert, zu dem wir Stellung nehmen sollten. Das ist eines der Themen, die ich in Angriff nehmen möchte.
Ist der SCR auch mit dem Islamischen Zentralrat (IZRS) im Gespräch?
Locher: Nein, denn die beiden islamischen Dachverbände Fids (Föderation islamischer Dachorganisationen Schweiz) und Kios (Koordination Islamischer Organisationen Schweiz) beanspruchen, eine breite islamische Öffentlichkeit zu repräsentieren. Es sind ja auch nicht alle Christen vertreten. Es gibt gute Gründe, dass der IZRS mit dem Rat ins Gespräch kommen könnte, aber das müssen unsere muslimischen Vertreter auch befürworten. Der SCR ist ja noch am Wachsen, aber er muss sorgfältig wachsen. (sys)
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