Ausland

«Gesunkene Flüchtlingszahlen sagen nichts über die Lage der Menschen in Lybien»

Berlin, 20.9.17 (kath.ch) Das Hilfswerk «Ärzte ohne Grenzen» geht in der Debatte um die Rettung von Bootsflüchtlingen zwischen Italien und Libyen hart mit Europa ins Gericht. «Die Lage in Libyen ist für Flüchtende katastrophal und obwohl Europa das weiss, werden trotzdem Menschen dorthin zurückgeschickt», sagte Tankred Stöbe, ehemaliger Präsident von «Ärzte ohne Grenzen» Deutschland und Mitglied im internationalen Vorstand der Organisation, am Mittwoch der deutschen Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Er selbst habe untragbare Zustände vor Ort gesehen. «Die Räume sind verwahrlost und unhygienisch», berichtete Stöbe von einem seiner letzten Einsätze. «Nicht-Libyer haben in Libyen quasi keine Rechte. Sie werden willkürlich aufgegriffen und in solche Lager gebracht, auch wenn sie gar nicht nach Europa wollen oder bereits in Libyen gearbeitet haben.»

Das Argument, dass alle nach Europa weiterzögen und sich bewusst in die Hände von Schleppern begäben, um von Hilfswerken auf dem Meer gerettet zu werden, hält Stöbe für konstruiert. «Für die Flüchtlinge ist das Aufgreifen auf dem Mittelmeer durch eine NGO nicht der Grund, das Land zu verlassen. Es sind die unvorstellbar schrecklichen Zustände in Libyen, die sie zur Flucht nach Europa treiben. Trotzdem haben die Flüchtlinge Todesangst vor einer Überfahrt», so Stöbe.

«Sie wollen nur Profit machen»

Die Schlepper haben aus Sicht der Organisation, die selbst zeitweise drei Rettungsschiffe auf dem Mittelmeer im Einsatz hatte, ebenfalls kein primäres Interesse daran, die Flüchtlinge an ein Rettungsboot zu übergeben. «Die Schlepper machen ein extrem zynisches Geschäft. Ihnen ist es egal, ob die Flüchtlinge Europa erreichen. Sie wollen an den Menschen nur Profit machen», sagte Stöbe. Die fehlenden legalen Fluchtrouten nach Europa machten dieses Geschäft möglich.

Libyen hatte im August ein Areal von bis zu 100 Meilen vor der libyschen Küste zur eigenen «Search and Rescue Region» (SRR) erklärt und private Organisationen gewarnt, in diese Zone zu fahren. Zuvor hatte bereits Italien die privaten Seenotretter verpflichtet, einen Verhaltenskodex zu unterzeichnen. Zahlreiche NGO’s hatten infolge dieser Ereignisse ihre Rettungseinsätze ausgesetzt. Mittlerweile gibt es wieder Einsätze, unter anderem von «Sea-Eye» und SOS Mediterranee mit einem Ärzteteam von «Ärzte ohne Grenzen» an Bord.

Trügerischer Rückgang

Seit Libyen sich auch mit Hilfe europäischer Mittel verstärkt selbst um die Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa kümmert, ist die Zahl der Bootsflüchtlinge deutlich gesunken. Im August kamen nach Angaben der italienischen Regierung 3’914 Migranten über das Mittelmeer nach Italien. Im gleichen Monat des Vorjahres waren es 21’294, also mehr als fünfmal so viel.

Nach Einschätzung von «Ärzte ohne Grenzen» ist dieser Rückgang trügerisch. «Die gesunkenen Flüchtlingszahlen auf der Mittelmeerroute sagen nichts aus über die Lage der Menschen in Libyen», beklagte Stöbe. (kna)

Bootsflüchtlinge | © Pixabay
20. September 2017 | 15:34
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