Gegen die «Lepra des Papsttums»: Warum der Name Franziskus eine Kampfansage ist
Nie zuvor hatte ein Papst den Namen Franziskus gewählt. Aus gutem Grund. Der Namensgeber, Franz von Assisi, war ein radikaler Reformer. Der von ihm gegründete Orden brachte einige der schärfsten Papstkritiker hervor. Jorge Mario Bergoglios Namenswahl ist mehr als eine spontane Eingebung. Sie ist eine Kampfansage an den kurialen Hofstaat.
Annalena Müller
Die häufigsten Papstnamen der Geschichte sind Johannes (23), Gregor, Benedikt (jeweils 16), Clemens (14) und Innozenz (13). Einen Franziskus gab es nie. Das ist nicht überraschend. Denn Franz von Assisi (†1226) war ein radikaler Kritiker der reichen Kirche und des Klerikalismus.
Nomen est Omen
Seit dem frühen Mittelalter geben sich die frisch gewählten Päpste einen neuen Namen. Die Motive unterscheiden sich je nach Zeit und Papst. Meist aber ist die Namenswahl programmatisch. Sie sollen zum Beispiel an die Tradition eines Vorgängers anknüpfen. So benannte sich Johannes Paul II. (1978–2005) nach seinem Vorgänger Johannes Paul I. (1978). Dieser war nur 33 Tage nach seiner Wahl verstorben.
Zwar war auch der Kurzzeit-Papst Johannes Paul I. der erste seines Namens. Aber dieser setzte sich aus zwei traditionellen Papstnamen zusammen. Beim amtierenden Papst ist es anders. Seit dem wenig bekannten Lando (+914) war Jorge Bergoglio der erste, der einen vorher nie verwendeten Papstnamen wählte. Sein Namenspatron: der radikale Kritiker und Reformer Franz von Assisi.
Franz von Assisi
Laut Überlieferung stammt Franz von Assisi aus einer wohlhabenden Familie. Bei einer Wallfahrt nach Rom erlebt er den Geiz der Reichen gegenüber armen Bettlern. Franz sieht darin ein Zeichen apokalyptischer Dekadenz. Kirche und Gesellschaft haben sich von den christlichen Idealen der Armut und dem Dienst am Nächsten entfernt.
Franz ist überzeugt: Gesellschaft und Kirche müssen sich nach dem Vorbild der Ur-Kirche reformieren. Dies soll durch Bekehrung der hohen Kirchenfürsten geschehen. Modern gesagt: via Papst, Kardinäle und Bischöfe. Die franziskanische Reformidee ist eine von oben. Nicht von unten. Franz von Assisi ist kein Martin Luther.
Kirche als Vorbild
Für Franz von Assisi sollte die Kirche Vorbild sein. Ihre Prälaten, also ihre mächtigsten Vertreter, sollten als «Nackte dem nackten Christus folgen». Die Kirche müsse sich von der Last des Besitzes befreien. Und ganz der Seelsorge widmen.
Diese Vorstellung der idealen Kirche geht bis auf die Kirchenväter zurück. Aber Franz von Assisi hat sie massentauglich gemacht. Acht Jahrhunderte später hat Papst Franziskus sich die Idee zu eigen gemacht: «Wie möchte ich eine arme Kirche für die Armen!»
Ausser mit Armut und Verzicht assoziieren die meisten Franz von Assisi mit Tier- und Naturliebe. Stichwort: «Mitgeschöpflichkeit». Papst Franziskus’ Enzyklika «Laudato si’» (2015) unterstreicht wie keine zuvor die Bedeutung von Umwelt- und Klimaschutz.
Auch in diesem Schreiben ist der ideengeschichtliche Einfluss des Heiligen Franz offensichtlich. Im RSI-Interview am Sonntagabend spricht Papst Franziskus vom Amazonas-Gebiet und vom Kongo als den zwei Lungenflügeln der Erde.
Die Geister, die sie riefen…
Der von Franz von Assisi gegründete Orden der Franziskaner brachte einige der grössten Gelehrten des Mittelalters hervor. Diese gehörten zu den schärfsten Kritikern des Papstes und der Amtskirche. Darunter Wilhelm von Ockham (+1347). Der geniale Ockham, der vor den Schergen des Papstes an den Münchner Hof fliehen musste, diente Umberto Eco als Vorbild für William von Baskerville im Roman «Im Namen der Rose».
Vor zehn Jahren hat Jorge Bergoglios Namenswahl vermutlich viele Augenbrauen in die Höhe schnellen lassen. Das Konklave hatte den Argentinier gewählt, weil es ihm zutraute, die «undurchsichtige, verfilzte und selbstbereichernde» römische Kurie zu reformieren.
Dass Bergoglio den Namen eines Reformers wählen würde, war sicher erwartet worden. Die meisten dürften dabei aber an Johannes, Paul oder Pius gedacht haben. Sicher nicht an Franziskus. Diese Namenswahl muss wie eine Kampfansage gewirkt haben.
Ringen der Kräfte
Seit genau zehn Jahren steht der Kurienkritiker Bergoglio/Franziskus an der Spitze der Kurie. Bei vielen Gläubigen ist er beliebt. Bei Ultrakonservativen verhasst. Reformvorschläge wie die Zulassung Wiederverheirateter zur Kommunion («Amoris Laetitia») oder die Lockerung des Pflichtzölibats haben ihm zwischenzeitlich gar den Vorwurf der Häresie eingebracht.
Auch hier gibt es Parallelen zum Namensgeber. Dessen radikale Forderungen fanden bei Gläubigen grosse Zustimmung – der junge Orden der Franziskaner wuchs rasant. Genau wie der weibliche Arm der Klarissen. Innerhalb der Kirche aber stiessen seine Forderungen auf heftigen Widerstand und Diffamierung.
Das Ringen der Kräfte ist also nichts Neues. Genauso wenig wie das Selbstverständnis von Franz und Franziskus im Rahmen der Lehren der katholischen Kirche zu reformieren. So hat der Papst im Mai letzten Jahres die deutschen Bischöfe in die Schranken gewiesen: «In Deutschland gibt es eine sehr gute evangelische Kirche.» Auch Papst Franziskus ist kein Martin Luther.
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