Stiftsbibliothek St. Gallen.
Schweiz

«Gefährlicher Schädling»: St. Galler Stiftsbibliothek bislang vom Brotkäfer verschont

In der Bibliothek der ungarischen Erzabtei Pannonhalma hat ein massiver Brotkäfer-Befall rund 100’000 Bücher beschädigt. Eine Bibliothek sei «ein Schlaraffenland» für diesen Parasiten, sagt Cornel Dora. Der St. Galler Stiftsbibliothekar erläutert, wo die Gefahren lauern – und wie wertvolle Bestände geschützt werden.

Barbara Ludwig

Der braune Käfer ist zwei bis vier Milimeter lang, seine Larven ernähren sich von Lebensmittelvorräten. Doch der Brotkäfer liebt auch Bücher, was die Bibliothek des ungarischen Benediktinerklosters Pannonhalma jüngst erleben musste.

Die Abtei hatte Anfang Juni ihre Bibliothek geschlossen, nachdem bei einer Reinigung ein weit fortgeschrittener Befall durch den Brotkäfer festgestellt worden war, wie die österreichische Agentur Kathpress am Dienstag berichtete.

Ein Viertel des Bestandes beschädigt

Rund ein Viertel des insgesamt 400’000 Bücher umfassenden Bestandes sind von dem Insekt beschädigt worden. Sie werden dem Bericht zufolge mit einer aufwendigen Stickstoffbehandlung desinfiziert.

Die ungarische Klosterbibliothek, eine der ältesten historischen Bibliotheken des Landes, gehört zum Unesco-Weltkulturerbe. Dies gilt ebenso für die St. Galler Stiftsbibliothek, deren Bestand rund 170’000 Bücher umfasst. Viel potentielles Futter für den Brotkäfer – im Volksmund früher auch Bücherwurm genannt.

«Der Brotkäfer ist ein gefährlicher Schädling in Bibliotheken. Seine Larven fressen gerne Papier», teilt Cornel Dora, Stiftsbibliothekar in St. Gallen, auf Anfrage mit. Ein Befall durch Brotkäfer sei ernst zu nehmen. «Eine Bibliothek ist ein Schlaraffenland für diesen Schädling.»

Keine «gravierenden Schäden in breiterem Ausmass»

Gab’s auch schon Brotkäfer in der Stiftsbibliothek? «Nein, jedenfalls nicht in einem besorgniserregenden Ausmass», antwortet Dora. In jeder Bibliothek und in jedem Archiv kämen gelegentlich einzelne Schädlinge vor, etwa Papierfischchen. Dieses papierliebende Insekt ist mit 11 bis 15 Millimetern Länge um einiges grösser als der Brotkäfer.

Cornel Dora, Stiftsbibliothekar.
Cornel Dora, Stiftsbibliothekar.

Und natürlich gebe es auch in St. Gallen Bücher im Bestand, die über die Jahrhunderte einmal mit Schädlingen Kontakt hatten, auch Schimmelspuren kämen gelegentlich vor. «Aber gravierende Schäden in einem breiteren Ausmass hat die Stiftsbibliothek St. Gallen Gott sei Dank noch nie erlitten», so deren Leiter.

Geschenkte Bücher sind gefährlich

Umstände, die den Befall durch Parasiten fördern, gibt es verschiedene. Zum Beispiel Staub sei ein wichtiger Faktor. «Deshalb ist Sauberkeit in Bibliothek mindestens so wichtig wie zuhause», schreibt Dora. Der Prior des ungarischen Klosters sieht laut einer Meldung der Nachrichtenagentur Keystone-SDA den Klimawandel als Hintergrund für den Käferbefall, der seine Bibliothek so stark geschädigt hat. Cornel Dora hält das für plausibel, da wärmere Temperaturen die Schädlingsverbreitung begünstigen könnten.

Alte Bücher in der Stiftsbibliothek St. Gallen.
Alte Bücher in der Stiftsbibliothek St. Gallen.

Die grössere Gefahr gehe jedoch von «geschenkten Büchern» aus, die manchmal jahrzehntelang auf dem Estrich lagerten, bevor sie in einer Bibliothek landen. «Hier kann es sein, dass irgendwo im Einband ein kleiner Schädling sitzt. Solange er sich aber nicht fortpflanzt, bleibt der Schaden in Grenzen», so Dora.

Wie die Gefahr gebannt wird

Das Vorkommen einzelner Schädlinge ist laut dem Bibliotheksleiter nie ganz ausgeschlossen. Doch durch ein «konsequentes Monitoring» mit Insektenfallen und «beherztes Eingreifen» beim Feststellen von Befall könne die Gefahr von Schädigungen «praktisch» ausgeschlossen werden, ist er überzeugt.

Das Personal der Stiftsbibliothek habe Insektenfallen aufgestellt, in denen allfällige Schädlinge kleben bleiben. Und Messgeräte, mit denen Feuchtigkeit und Temperatur in den Räumen überwacht werden.  «Das Personal beobachtet unsere Bestände ständig, und die Bücher werden regelmässig von Staub befreit.»

Schatz an frühmittelalterlichen Handschriften

Die aus der Büchersammlung der ehemaligen Benediktinerabtei – 719 gegründet und 1805 untergegangen – entstandene Bibliothek zählt zu den ältesten und bedeutendsten Bibliotheken der Welt. Sie dokumentiere die kulturelle Leistung des Klosters und bewahre zahlreiche grundlegende Werke der europäischen Geistesgeschichte auf, heisst es auf der Webseite der Institution, die heute dem Katholischen Konfessionsteil des Kantons St. Gallen gehört.

Herzstück der Sammlung bilde das weitgehend an dem Ort entstandene Korpus frühmittelalterlicher Handschriften aus dem achten bis elften Jahrhundert. Über 400 Bände der insgesamt rund 170’000 Bücher sind mehr als 1000 Jahre alt. 1983 wurde die Stiftsbibliothek zusammen mit dem gesamten Stiftsbezirk St. Gallen von der Unesco ins Verzeichnis des Weltkulturerbes aufgenommen. (bal)


Stiftsbibliothek St. Gallen. | © Roger Fuchs
16. Juli 2025 | 15:00
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