Freizeit-Angebote locken Teenager: «Die katholische Kirche ist cool, weil es Minis gibt»
Der «Kantonale Mini-Tag» in der Basler Agglo-Gemeinde Arlesheim am letzten Wochenende zeigt: Teenager lassen sich für den Dienst in der Kirche durchaus begeistern. Vor allem wenn’s dazu gute Freizeitangebote gibt. Wie die Pfarrei Arlesheim mit ihrem Dom: Ihre 50 Minis sind organisiert wie ein Jugendverein.
Boris Burkhardt
Delia, Mascha und Alessia vergnügen sich auf dem «Gladiator». Das ist eine Rodeo-Hüpfburg in der Sporthalle Hagenbuchen in Arlesheim. Helfen sie sich gegenseitig, schaffen sie es, länger oben zu bleiben als je allein. Alle drei Mädchen sind 13 Jahre alt, Klassenkameradinnen und miteinander befreundet.
Und sie sind Ministrantinnen in der Pfarrei St. Odilia in Arlesheim, wo heute am Samstag der «Kantonale Mini-Tag» im Baselbiet stattfindet: Ministranten aus dem ganzen Baselbiet sind zu einem gemeinsamen Nachmittag mit Sport und Freizeit eingeladen. Neben den Hüpfburgen und dem Töggeli in Menschengrösse gibt es Hot-Dog und Waffeln zu essen. Religiöse Inhalte spielen an diesem Tag keine Rolle: Die Gemeinschaft zählt.
Vorbilder im Umfeld
Alle drei Mädchen hatten vor vier Jahren ihre Erstkommunion. Dass sie danach Ministrantinnen wurden, liegt bei allen Dreien etwa gleich begründet: Die Geschwister, die Eltern, die Freundinnen waren bereits Ministranten.
Sie bleibe vor allem Ministrantin wegen des tollen Freizeitangebots in der Pfarrei, gibt Delia zu; und Alessia betrachtet ihren sonntäglichen Dienst in der Messe «eher als Hobby». Aber alle drei Mädchen versichern, dass ihnen auch der christliche Glaube etwas bedeute.
Zwischen Freikirche und katholischer Kirche
Mascha verrät sogar, dass sie jeden Abend zu Gott betet, früher mit dem katholischen Vater und der ukrainisch-orthodoxen Mutter, heute allein vor dem Schlafengehen. Mit ihrem Onkel gehe sie manchmal in eine Freikirche.
Ihr gefallen beide Arten von Gottesdiensten: In der Freikirche riefen die Leute dazwischen und lobten den Pfarrer, wenn ihnen die Predigt gefiele, berichtet sie: «Aber die katholische Kirche ist cool, weil es Minis gibt.»
Mini-starke Gemeinde
Das Treffen der Ministranten findet nicht umsonst jährlich in Arlesheim statt: In der 9200-Seelen-Gemeinde mit den reichsten Einwohnern im Basler Speckgürtel und dem Dom im Dorf wirken sage und schreibe 50 Ministranten.
Mit dieser Grösse haben die Arlesheimer Ministranten eine Struktur und ein Freizeitangebot mit Lagern, Ausflügen und Veranstaltungen wie andernorts die Pfadis oder Jungwacht-Blauring. Tatsächlich ist die Jubla-Gruppe in Arlesheim etwa genauso gross wie die Ministranten; im wöchentlichen Jugendtreff ab zwölf Jahren pflegen beide Gruppen den Kontakt zueinander.
Grosser Pool – weniger Auftritte
Bei dem grossen Pool an Ministranten kommt der einzelne im Arlesheimer Dom nicht oft mit einem Dienst dran. Mascha wird etwa alle zwei Monate eingeteilt, auch Alessia alle vier bis fünf Wochen. Nur Delia ist deutlich öfter dran, manchmal dreimal im Monat. Das liegt daran, dass ihre Schwester Alissia für den Dienstplan zuständig ist: «Sie weiss, wann ich da bin.
Geht bei einer so langen Pause nicht vergessen, was während der Messe zu tun ist? «Wir besprechen uns vorher jedes Mal und verteilen die Aufgaben», erklärt Delia. Dazu gehöre, die Gaben zu bereiten, die Kerzen während der Evangelienlesung zu halten, die Kollekte einzusammeln und die Altarschellen zu läuten.
Ältere Minis haben Gruppenleitung
Die meisten Ministranten in Arlesheim sind junge Teenies wie Delia, Mascha und Alessia. Wer älter ist, fungiert als Gruppenleiter. Linus Hagenbach ist Gruppenleiter und gehört mit 18 Jahren zu den Älteren; der älteste Ministrant ist 23.
Dass man sich wie andernorts als Fünft-, Sechstklässler vor Freunden und Klassenkameraden rechtfertigen muss, dass man so etwas «Uncooles» macht wie Ministrieren, kennen die Arlesheimer Ministranten nicht: Auch Linus kennt seit seiner Erstkommunion nichts anderes als das coole Freizeitangebot der Ministranten.
Frust der Absagen
Linus organisierte den Mini-Tag vor vier Jahren. Dieses Jahr fällt diese Aufgabe neben sechs anderen dem 14-jährigen Raphael zu, der sich im «Tandem» genannten Programm zum Hilfsleiter ausbilden lässt.
Der junge Mann wird erstmals mit der Frustration des Organisierens konfrontiert, wenn viele Teilnehmende, die er für das Töggeli-Turnier eingeteilt hatte, kurzfristig absagen oder einfach nicht kommen oder ihm bei der Durchsage keiner zuhört.
«Mit anderen zusammen macht es Spass.»
Raphael (14) übers Ministrieren
Raphael war noch vor der Erstkommunion mit acht Jahren erstmals bei den Arlesheimer Ministranten im Lager dabei, wohin er seine zwei Jahre ältere Schwester begleitete. Ihm gefällt aber auch der Dienst in der Messe: «Mit anderen zusammen macht es Spass.»
Tandem als Leadership-Einführung
Die Tandems wurden in Arlesheim vor wenigen Jahren gegründet und dienen ab 14 Jahren der Vorbereitung der Ministranten für Leitungsaufgaben, bis sie das entsprechende Alter erreicht haben. Linus Hagenbach koordiniert die Tandems.
Der diesjährige Kantonale Mini-Tag ist der erste sei 2019, der wieder mit dem üblichen Programm, nicht nur digital oder als Schnitzeljagd draussen, stattfindet. Dennoch ist die Resonanz noch bescheiden: Statt der 80 Ministranten 2019 sind nur 25 Kinder dabei und auch nur aus den Nachbargemeinden Münchenstein, Reinach, Aesch und – obwohl bereits solothurnisch – Dornach.
«Corona hat eine Lücke von zwei Jahrgängen in unsere Ministranten gerissen.»
Kuba Beroud, Jugendseelsorger
Vom Seelsorgeverband Angenstein in Aesch, Pfeffingen und Duggingen ist der Jugendseelsorger Kuba Beroud gekommen. Er habe seine Stelle erst mit Jahresbeginn angetreten, erzählt er, und noch viel vor sich: «Corona hat eine Lücke von zwei Jahrgängen in unsere Ministranten gerissen.» Ronja Imhasly, die ihn begleitet, ist mit 13 Jahren die älteste Ministrantin im Seelsorgeverband.
Vernetzung soll aktivieren
Beroud will als ersten Schritt die insgesamt 20 Ministranten der drei Pfarreien vernetzen und gemeinsame Anlässe organisieren. Das hat auch Rita Hagenbach vor, Linus’ Mutter, die lange Jahre als Katechetin in Arlesheim tätig war und nun in gleicher Funktion nach Dornach wechselte: In Arlesheim war sie allerdings nicht für die Ministranten zuständig.
Rita Hagenbach ist hoch begeistert von der Arbeit der Arlesheimer Ministranten: Nicht ohne Stolz präsentiert sie den fünfzehnjährigen Jonas, der sich als Dornacher Ministrant in Arlesheim zum Hilfsleiter ausbilden lässt.
Tandems helfen dranzubleiben
Die Einführung des «Tandems» verhindere, dass die jungen Ministranten die Lust verlören, bevor sie mit 15 Jahren Hilfsleiter werden dürften. So habe auch ihre heute 22-jährige Tochter mit zwölf Jahren als Ministrantin aufgehört und sei mit 14 wieder zurückgekehrt.
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