Der Kapuziner Agostino Del Pietro gehört zur Gemeinschaft, die den Wallfahrtsort Madonna del Sasso oberhalb von Locarno betreut.
Schweiz

Frate Agostino: «1919 wurde in Madonna del Sasso intensiv für alle Schweizer Soldaten gebetet»

Madonna del Sasso trägt den Ehrentitel «basilica minor». Die Wallfahrtskirche steht auf einem Felssporn oberhalb von Locarno. Sie wird seit Mitte des 19. Jahrhunderts von Kapuzinern betreut. Ein amtierender Papst hat sie nie besucht. Doch am 24. August 1949 sei Angelo Roncalli, der spätere Johannes XXIII., zu «Unserer Lieben Frau vom Felsen» gepilgert, erzählt der Kapuziner Agostino Del Pietro. Start der Serie über «Basilicae minores» in der Schweiz.

Barbara Ludwig

Warum hat der Papst der Kirche Madonna del Sasso 1918 den Ehrentitel «basilica minor» verlieren – und warum gerade zu diesem Zeitpunkt?

Bruder Agostino Del Pietro: Der Ehrentitel wurde vom damaligen Apostolischen Administrator der Diözese Lugano, Bischof Aurelio Bacciarini, beim Papst beantragt. Bacciarini war ein grosser Verehrer der in Orselina oberhalb von Locarno verehrten «Madonna del Sasso». Papst Benedikt XV. entsprach der Bitte des Prälaten aufgrund der Verehrung, die die Tessiner Gläubigen seit dem Ende des 15. Jahrhunderts für die Madonna entwickelt hatten. Der Überlieferung nach war die Muttergottes im Jahre 1480 dem Franziskaner Bartolomeo Piatti aus Ivrea erschienen.

«Europa hatte gerade einen blutigen Krieg hinter sich.»

Im Jahr 1919, als die Bulle zur Verleihung des Titels «Basilica minor» veröffentlicht wurde, hatte Europa gerade einen blutigen Krieg hinter sich, und der Wunsch nach Frieden, nach einem dauerhaften Frieden, war in allen Völkern gross. Um die Verleihung des Titels zu feiern, zelebrierte Bischof Bacciarini am 2. Februar 1919 ein Pontifikalamt in der neuen Basilika. An diesem denkwürdigen Tag wurde auch intensiv für alle Schweizer Soldaten gebetet, die in den Kriegsjahren 1914 bis 1918 gestorben waren.

Wallfahrtskirche Madonna del Sasso oberhalb von Locarno.
Wallfahrtskirche Madonna del Sasso oberhalb von Locarno.

Welche Rolle spielt die Kirche heute in Ihrer Region?

Del Pietro: Die auf dem Felssporn oberhalb von Locarno verehrte Muttergottes ist die Hauptpatronin der Diözese Lugano. Ihr Festtag wurde in den 1980er-Jahren auf den 1. September festgelegt. Unsere Kirche übernimmt somit die Funktion eines diözesanen Marienheiligtums, eine Aufgabe, die sie sich jedoch mit dem Heiligtum der «Madonna dei Miracoli» in Morbio Inferiore teilt. Deren Festtag wird am 29. Juli gefeiert. Die beiden Heiligtümer erfüllen ihre Aufgabe in besonderer Weise für die Gläubigen der beiden unterschiedlichen Regionen des Tessins: das Sopraceneri und das Sottoceneri. Die Umgebung des Heiligtums «Madonna del Sasso» und der Sacro Monte (Heilige Berg, Red.), der es charakterisiert, führen dazu, dass es nicht nur von Gläubigen und Pilgern, sondern auch von vielen Touristen besucht wird.

«Die deutschsprachige Messe wird am besten besucht.»

Wie viele Menschen kommen am Sonntag zum Gottesdienst in die Kirche?

Del Pietro: In der Kirche Unserer Lieben Frau vom Felsen feiern wir vier Sonntagsgottesdienste, um 7.15 Uhr, um 10 Uhr, um 11 Uhr in deutscher Sprache und um 17 Uhr. Vor den Gottesdiensten finden jeweils ein Rosenkranzgebet und die eucharistische Anbetung statt. Die Zahl der Gläubigen, die an den verschiedenen Messen teilnehmen, ist von Sonntag zu Sonntag sehr unterschiedlich und schwankt zwischen zehn und fünfzig Personen pro Messe. In der Regel wird die deutschsprachige Messe am besten besucht. Da es sich nicht um eine Pfarrei handelt, wird der Wallfahrtsort von Gläubigen unterschiedlicher Herkunft und zu verschiedenen Zeiten des Jahres besucht. Der grösste Zulauf ist im Sommer und an bestimmten Festtagen zu verzeichnen.

Madonna del Sasso wurde auf einen Felssporn gebaut.
Madonna del Sasso wurde auf einen Felssporn gebaut.

Durch welche Besonderheit oder durch welches Kunstwerk zeichnet sich die Basilika Madonna del Sasso aus?

Del Pietro: Wie bereits erwähnt, ist Madonna del Sasso nicht nur ein Marienheiligtum, sondern auch ein Heiliger Berg. Deshalb sollten die Gläubigen unsere Kirche über die mit Kapellen gesäumten Wege erreichen: die «Via della Valle» oder die «Via Crucis». Der traditionelle Weg zu unserem Heiligtum wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts erheblich verändert, weil damals die Standseilbahn gebaut wurde, um den Zugang zu unserer Kirche zu erleichtern.

«Zahlreiche Kunstwerke werden im Heiligtum aufbewahrt.»

Die Basilika ist im Laufe der Jahrhunderte auf dem Felsvorsprung oberhalb der Stadt Locarno entstanden. Im Innenraum, der vor kurzem sorgfältig restauriert wurde, dominiert der Barock. Zahlreiche Kunstwerke werden im Heiligtum aufbewahrt: das hölzerne Bildnis der Madonna, das Gemälde von Bramantino mit der Flucht nach Ägypten, das Altarbild von Bernardino de Conti mit der Verkündigung, das grosse Gemälde von Antonio Ciseri mit der Grablegung Christi sowie zahlreiche Meisterwerke der Kleinkunst. Zu diesen zählt die reiche Sammlung gemalter Votivtafeln, vor allem aus dem Ende des 19. Jahrhunderts. Im Kreuzgang des Klosters sind auch zwei Meisterwerke der Bildhauerkunst zu bewundern: das Altarbild der Pietà und die Beweinung Christi, die in zwei unterschiedlichen Kapellen ausgestellt sind

Gläubige beten in der Kirche Madonna del Sasso.
Gläubige beten in der Kirche Madonna del Sasso.

Welche Rolle spielen die Kapuziner in Madonna del Sasso?

Del Pietro: Bartolomeo Piatti aus Ivrea, der dieses Heiligtum Ende des 16. Jahrhunderts ins Leben rief, war ein Konventualenbruder des Klosters des Heiligen Franziskus in Locarno. Brüder aus diesem Kloster kümmerten sich später um den Sacro Monte. Die Kapuziner kamen nach den bewegten historischen Ereignissen, die auf die politischen Umwälzungen des Jahres 1848 folgten, an diesen Ort. 1848 beschlagnahmte die Tessiner Regierung den Besitz vieler Orden. Die Konventualen wurden aus dem Kanton ausgewiesen. Und kurz darauf wurde die Betreuung der Wallfahrtskirche «Madonna del Sasso» den Kapuzinern anvertraut.

Deckengemälde und Stukkaturen in der Wallfahrtskirche Madonna del Sasso.
Deckengemälde und Stukkaturen in der Wallfahrtskirche Madonna del Sasso.

Die heutige Kapuzinergemeinschaft, die in Sasso stationiert ist, besteht aus sieben Mitgliedern, von denen zwei derzeit ausserhalb der Bruderschaft leben. Ihr Durchschnittsalter liegt bei etwa fünfundsiebzig Jahren. Sie kümmern sich um die Verwaltung des staatlichen Heiligtums und vor allem um alles, was den religiösen Bereich betrifft. Also um Andachten, die Sakramente und den Empfang von Pilgern.

Aufstieg zum Wallfahrtsort Madonna del Sasso.
Aufstieg zum Wallfahrtsort Madonna del Sasso.

Was gefällt Ihnen besonders an dieser Basilika?

Del Pietro: Die natürlichen Gegebenheiten, die die Umgebung unseres Heiligtums kennzeichnen, erinnern mich an die Einsiedeleien, die Orte des Rückzugs und der Stille, die auch dem Gründer unseres Ordens, dem Heiligen Franziskus von Assisi, so wichtig waren. Wir Brüder von Madonna del Sasso haben das Privileg, diese abgeschiedene und stille Umgebung geniessen zu können, die für Meditation und Kontemplation sehr fruchtbar ist – vor allem in den Randstunden, bevor die Gläubigen und Touristen unseren Sacro Monte besuchen und wenn sie wieder weg sind.

«Die vielen Stufen, die sie erklimmen müssen, werden für ältere Menschen zur Tortur.»

Was gefällt Ihnen nicht?

Del Pietro: Gerade diese Eigenschaft eines abgelegenen Ortes, die die spirituelle Suche des Menschen positiv begünstigen kann, wird für viele zu einem unüberwindbaren Hindernis, das sie daran hindert, ihn zu geniessen. Das betrifft vor allem gebrechliche Menschen, was ich bedaure. Viele der Gläubigen, die Madonna del Sasso besuchen, sind Menschen in einem gewissen Alter. Die vielen Stufen, die sie erklimmen müssen, um unsere Kirche zu erreichen, werden für sie zur Tortur. Viele müssen daher auf ihren Wunsch verzichten, unser Heiligtum zu erreichen. Gehbehinderte, die über einen Euroschlüssel (Eurokey) verfügen, können zwar mit zwei Treppenliften zur Kirche gelangen. Der Vorgang ist jedoch ziemlich kompliziert und erfordert einen erheblichen Zeitaufwand.

Angelo Giuseppe Roncalli ist 1949 zur Madonna del Sasso gepilgert. Auf dem Foto vom 25. März 1958 ist er bereits Patriarch von Venedig.
Angelo Giuseppe Roncalli ist 1949 zur Madonna del Sasso gepilgert. Auf dem Foto vom 25. März 1958 ist er bereits Patriarch von Venedig.

Wurde die Kirche jemals von einem Papst besucht?

Del Pietro: Leider wurde die Wallfahrtskirche Madonna del Sasso nie durch einen Papstbesuch geehrt. Ob der Heilige Karl Borromäus den Ort besucht hat oder nicht: Darüber gibt es Diskussionen unter Historikern.

Im Laufe der Jahrhunderte haben jedoch viele Prälaten anderen Ranges unseren Sacro Monte besucht. Ich möchte nur einen davon besonders erwähnen. Am 24. August 1949 pilgerte der damalige Apostolische Nuntius in Paris, Monsignore Angelo Roncalli, zu Unserer Lieben Frau vom Sasso. Er verbrachte die Nacht im Kloster und reiste am nächsten Tag weiter nach Morbio Inferiore, um seinen Freund Monsignore Alfredo Noseda zu besuchen. Etwa zehn Jahre später, am 28. Oktober 1958, wurde Angelo Roncalli, der inzwischen zum Kardinal und Patriarchen von Venedig ernannt worden war, zum Papst gewählt und nahm den Namen Johannes XXIII. an.

Das Interview wurde schriftlich geführt.

*Frate Agostino Del Pietro ist Kapuziner und Mitglied der Klostergemeinschaft, die den Wallfahrtsort Madonna del Sasso in Orselina oberhalb von Locarno betreut.

«Basilica minor»: Zwölf Schweizer Kirchen haben den Titel

«Basilica minor» – kleine Basilika – ist ein Ehrentitel für eine Kirche, der seit dem 19. Jahrhundert an bestimmte Kirchen verliehen wird. Von diesen kleinen Basiliken unterscheiden sich die «basilicae majores». Bekannt sind vor allem die grossen Basiliken in Rom: die Erzbasilika Sankt Johannes in Lateran, Sankt Paul vor den Mauern, Santa Maria Maggiore und der Petersdom. In der Schweiz gibt es zwölf kleine Basiliken. Bei den meisten davon handelt es sich um Wallfahrts- und Zentrumskirchen, nicht zuletzt in ehemals reformierten Kantonen.

Der Titel «basilica minor» wird vom Papst verliehen, um eine bedeutende Kirche zu ehren. Sei es aus historischen Gründen oder aus pastoralen Gründen, zum Beispiel um ein Glaubenszentrum zu fördern. Der Ehrentitel soll auch die enge Verbindung zum Papst betonen. Nach der Verleihung des Titels können die Kirchen und Fahnen einer basilica minor die gekreuzten Schlüssel des Papstwappens tragen. Früher übliche Insignien wie der gelb-rote Seidenschirm (Padiglione) und eine liturgische Glocke (Tintinnabulum) sind heute nicht mehr obligatorisch.

Die zwölf kleinen Basiliken in der Schweiz sind: Wallfahrtskirche Madonna del Sasso oberhalb von Locarno, Pfarrkirche Sacro Cuore in Lugano, Klosterkirche Mariastein in Metzerlen SO, Notre-Dame in Freiburg, Klosterkirche der Abtei Saint-Maurice VS, Dreifaltigkeitskirche in Bern, Notre-Dame in Genf, Notre-Dame du Valentin in Lausanne, ehemalige Klosterkirche St. Ulrich und St. Afra in Kreuzlingen TG, Notre-Dame de l’Asomption in Neuenburg, Notre-Dame de Valère in Sitten, Santa Maria dei miracoli in Morbio inferiore. (bal)

 

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7. Juli 2024 | 12:00
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