Schweiz

«Flüchtlinge kommen strahlend aus dem Café Mama Muttenz zurück»

Muttenz BL, 22.2.17 (kath.ch) Direkt neben dem Bundesasylzentrum in Muttenz liegt das Café «Mama Muttenz». Hier erhalten Asylsuchende nebst Kaffee und Kuchen auch ganz handfeste praktische Beratung und seelsorgerliche Betreuung. Der Tag der offenen Tür gab Einblick in dieses ökumenische Projekt.

Sylvia Stam

Die Gegend ist unwirtlich. Nach 400 Metern an Industriegebäuden und Parkplätzen entlang, sieht man vor einem niedrigen Gebäude erstmals Menschen draussen stehen. Hier muss es sein, das Café «Mama Muttenz».

Betreuung im Café

«Der Name ist nicht ganz gendergerecht», gibt Seelsorger Roland Luzi später vor den Medien zu, «aber er ist eingängig», sagt er schmunzelnd. Die Menschen wüssten, worum es geht. Der reformierte Theologe ist vom «ökumenischen Seelsorgedienst für Asylsuchende» beider Basel (Oesa) angestellt, um die Menschen aus dem Bundesasylzentrum (Baz) Feldreben in Muttenz seelsorgerlich zu betreuen.

Das geschieht unter anderem in dem kleinen Raum, der als Café dient. An diesem Tag der offenen Tür ist es besonders eng. Gegen hundert Personen sind da. Menschen jeden Alters, viele davon dunkelhäutig, sitzen auf den Stühlen rund um die paar Tische, den Blick auf die beiden Musiker in der Mitte gerichtet. Einige spielen Karten, ein paar Kinder zeichnen, es wird geredet, gelacht und geklatscht. Die Stimmung ist auffallend fröhlich, man kennt sich offenbar. Ein Buffet mit Snacks und Süssigkeiten, dahinter Frauen, die einem auf Schweizerdeutsch einen Kaffee anbieten.

Zusammenschluss aller christlichen Kirchen

Inmitten des Gewusels steht Luzi, lässt sich von seinen zur Musik klatschenden Nachbarn mitreissen. Er ist ein gefragter Mann an diesem Tag der offenen Tür, zu dem das Café Mama Muttenz erstmals eingeladen hat.

Und sie kamen in Scharen, viel mehr, als die Kirchenleute erwartet haben. Luzi wartet gelassen, bis der letzte Medienvertreter und die letzte Politikerin einen Sitzplatz haben. Er scheint es gewohnt zu sein, mit unerwarteten Situationen umzugehen.

Das Café «Mama Muttenz», in unmittelbarer Nachbarschaft zum Baz Feldreben, wurde vom «Roundtable Kirchen Muttenz Pratteln» (siehe Kasten) gegründet, erzählt Luzi in seiner Rede. Dies geschah im Hinblick auf die Eröffnung des Baz anfangs November letzten Jahres. Der Roundtable ist ein Zusammenschluss aller christlichen Kirchen von Muttenz und Pratteln. Die Räume des Cafés gehören der Freien Evangelischen Gemeinde.

Selbstverständliche Begegnungen

Luzi ist vom Staatssekretariat für Migration (SEM) akkreditierter Seelsorger für das Baz und Koordinator des Roundtable. Das gemeinschaftliche Netzwerk ist laut Luzi die Voraussetzung dafür, dass sich Freiwillige aus Gemeinden und Pfarreien auf das Projekt einliessen. Derzeit seien es rund 30 ehrenamtlich Tätige. Diese Menschen ermöglichten den Asylsuchenden Begegnungen mit der einheimischen Bevölkerung. Der Kontakt sei im Café «Mama Muttenz» ganz selbstverständlich.

Zwischen 40 und 60 Personen kämen pro Vormittag ins Café, das grundsätzlich allen offen steht, nicht nur Asylsuchenden. Dennoch scheint der Treffpunkt letzteren besonders gut zu tun: «Ich sehe, wie die Leute ins ‹Mama Muttenz› rübergehen und strahlend ins Baz zurückkommen», sagt Christoph Moser, Leiter des Baz Feldreben, vor den Medien.

«Aufsuchende Seelsorge»

Als «aufsuchende Seelsorge» bezeichnet Luzi seine Tätigkeit: «Ich gehe auf die Menschen zu und biete ein Gespräch an.» Das erfordere Mut und gewisse Sprachfähigkeiten, auch wenn ihm bei Bedarf Dolmetscher zur Verfügung stünden. «Ich bin da, ich bleibe dran, ich rufe wach, ich tröste, ich singe, bete, segne sie, wenn sie das wollen, erzähle Geschichten aus den Heiligen Büchern», so Luzi.

Der Seelsorgedienst verfügt im Baz über ein eigenes Zimmer, er ist an zwei Vormittagen pro Woche präsent. Ausserdem sei dort zweimal wöchentlich ein Kinderbetreuungsdienst entstanden, der von Oesa-Freiwilligen getragen werde.

Hinweis: EIn Interview mit Roland Luzi erscheint am Donnerstag, 23. Februar, auf kath.ch.

Tag der offenen Tür im Café «Mama Muttenz» | © Sylvia Stam
22. Februar 2017 | 16:32
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Das Café «Mama Muttenz»

Das Café «Mama Muttenz» (Hofackerstrasse 79) ist montags, mittwochs und freitags jeweils von 9 bis 11 Uhr geöffnet, erzählt die Freiwillige Jette Sonntag. Die Lebensmittel erhielten sie von der Organisation «Schweizer Tafel». An diesen Tagen seien auch jeweils zwei Asylsuchende aus dem Dorf als Freiwillige dabei.

Montags und mittwochs ist jeweils auch jemand von «Info Refugees» vom Hilfswerk der Evangelischen Kirche Schweiz (Heks) anwesend, erklärt deren Leiterin Tanja Bühler. Ziel dieses Projekts sei es, zu informieren, zu unterstützen und zu vernetzen. Die Asylsuchenden aus dem Baz kämen vor allem mit Fragen zum Asylverfahren und zum Dublin-Abkommen. Die Infostelle gibt aber auch Antworten auf so konkrete Fragen wie: «Wo fährt das Tram? Wo finde ich türkische Bücher?»

Seit Januar hätten 75 Personen aus ganz verschiedenen Ländern bei Info Refugees Informationen eingeholt. Wie vielerorts kämen die Menschen aus Eritrea, Syrien, Afghanistan, aber auch aus Gambia, Kamerun, der Türkei und der Elfenbeinküste.

Das Café «Mama Muttenz» wurde vom «Roundtable Kirchen Muttenz Pratteln» gegründet. Dies ist ein Zusammenschluss aller christlichen Kirchen von Muttenz und Pratteln, sowohl Landeskirchen wie Freikirchen, unterstützt vom Oesa beider Basel, vom Heks und von der Evangelischen Stadtmission. Der Roundtable generiert die rund 30 Freiwilligen, die beim Café und bei Info Refugees engagiert sind.

Roland Luzi ist mit einem 45 Prozent-Pensum vom Ökumenischen Seelsorgedienst für Asylsuchende beider Basel (Oesa) angestellt, davon arbeitet er 15 Prozent im Café «Mama Muttenz». Sein Lohn für die Tätigkeit im Café stammt aus einem Fonds des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes, während die römisch-katholische Kirche Baselland einen Startbetrag von 8000.– Franken beigesteuert hat.

Die Asylsuchenden bleiben in der Regel drei Wochen im Baz, ehe sie ins Empfangs- und Verfahrenszentrum Basel kommen. Derzeit sind laut Christoph Moser etwa 100 der insgesamt 500 Plätze belegt. (sys)