Evangelischer Kirchenbund: Zwingli und Calvin weniger aggressiv gegenüber Juden als Luther

Zürich, 17.7.15 (kath.ch) Die Schweizer Reformatoren Ulrich Zwingli und Johannes Calvin seien weniger aggressiv gegenüber Juden gewesen als der deutsche Reformator Martin Luther. Dies teilte Serge Fornerod, Projektleiter Reformationsjubiläum 2017 beim Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund (SEK), auf Anfrage von kath.ch mit. Hintergrund ist eine Diskussion in der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD) über eine Einbindung von Vertretern des Judentums in das Reformationsgedenken, weil Luther sich sehr verletzend über das Judentum geäussert haben soll.

Martin Luther habe sich «in seiner Spätzeit unhaltbar und zutiefst verletzend über das Judentum geäussert», sagte der Vizepräsident des Kirchenamtes der EKD, Thies Gundlach, am Donnerstag, 17. Juli, gegenüber der deutschen Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). «Diese Verirrungen sind bis heute Anlass zu Bestürzung und Scham.»

Im Vergleich zu Luther seien die Schweizer Reformatoren Zwingli und besonders Calvin «viel freundlicher zu den Juden gewesen, oder genauer gesagt viel weniger aggressiv», so Fornerod gegenüber kath.ch. Man finde bei ihnen keine Schriften zum Judentum wie bei Luther, was daher komme, dass die Schweizer Reformatoren stärker als Luther durch den Humanismus geprägt worden seien. «Das bedeutete unter anderem, dass man die Texte in der originalen Sprache lesen wollte, und dem ‘Alten’ Testament genauso die Qualität des ‘Gottes-Wortes’ gab wie dem Neuen Testament.»

Laut einem Lexikonartikel über Zwinglis Haltung gegenüber dem Judentum auf der Homepage der reformierten Kirche des Kantons Zürich ging Luther «offenbar ganz traditionell davon aus, dass die Kirche das Judentum als auserwähltes Volk ersetzt habe.» Zwingli sei dieser Tradition nicht gefolgt.

Schweiz feiert Reformation, nicht Reformator

Grundsätzlich sei die Ausgangslage des Reformationsjubiläums in der Schweiz eine andere als in Deutschland, so Fornerod weiter, weil der SEK 2017 nicht Luther, sondern die Reformation als ganze feiere. «Insofern haben wir bisher davon abgesehen, in unserem ‘Jubiläumskomitee’ dem Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund (SIG) einen Sitz anzubieten.» Der SIG sei aber selbstverständlich zu den Veranstaltungen anlässlich des Reformationsjubiläums eingeladen.

Luther gilt mit seinen scharfen Angriffen gegen Juden als ein Wegbereiter des Rassenantisemitismus, der zum Holocaust führte. Der Zentralrat der Juden in Deutschland sprach zuletzt mit Blick auf das Reformationsgedenken die Hoffnung auf ein «deutliches Zeichen» der deutschen evangelischen Kirche zu Luthers Antisemitismus aus. Mit Blick auf das Reformationsjubiläum hat die EKD laut Vizepräsident Grundlach klar signalisiert, dass sie sich der «daraus erwachsenden Verantwortung» stellen werde. Dazu gehöre auch die deutliche Distanzierung der Kirchen von den sogenannten «Judenschriften» Luthers. Über angemessene Formen der Begegnungen mit Vertretern des Judentums sei man im Gespräch, so Grundlach.

Die evangelischen Christen feiern 2017 den 500. Jahrestag der Reformation, die mit der Veröffentlichung von 95 ablasskritischen Thesen durch Luther (1483-1546) begann. (sys/kna)

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