Eugen Koller
Story der Woche

Eugen Koller: «Im Spital nennen mich fast alle Pfarrer und dann beginnt die Erklärerei»

Jedes Mal, wenn Eugen Koller (63) den Begriff «Laientheologe» hört, steigt sein Puls. Das hat auch mit dem Satz zu tun: «Du hast immer gewusst, was dir blüht, wenn du dich nicht weihen lässt.»

Raphael Rauch

Warum regen Sie sich auf, wenn Sie den Begriff «Laientheologe» hören?

Eugen Koller*: Ich rege mich nicht wirklich auf, aber ich möchte das Wort aus den Berufsbezeichnungen der katholischen Schweizer Kirche endgültig eliminieren. Natürlich wissen kirchliche Insider, dass es in der katholischen Kirche zwei Sorten von Getauften gibt. Jene die dem Laos, dem Volk zugehören und jene, die in der kirchlichen Hierarchie zu den Klerikern gehören. Aber Laie versteht der Durchschnittsmensch als nicht ganz kompetent: laienhaft gespielt, geflickt, weitergegeben. Insofern plädiere ich entschieden dafür, nur noch die Begriffe Theologin und Theologe zu verwenden bei Menschen, die ein abgeschlossenes Theologiestudium haben.

«Dass Witwer mit Kindern geweiht werden können, versteht niemand.»

Aber verwischt man damit nicht Unterschiede? Am Ende ist die katholische Kirche ein hierarchisches System und die Unterscheidung von Klerikern und Nicht-Klerikern und vor allem von Priestern und Nicht-Priestern entscheidend. Ob das jetzt einem passt oder nicht passt. 

Koller: Ein Kleriker, egal ob Diakon oder Priester, wird aber auch nicht Kleriker-Theologe oder Kleriker-Priester genannt. Und die Unterschiede sollen in meinen Augen sogar verwischt werden in der Berufsbezeichnung: Diese soll eine Kompetenz signalisieren, nicht ob ich geweiht bin oder nicht. Ich muss in meinem Alltag leider immer noch erklären, dass ich als Nichtgeweihter keine Sakramente spenden kann. Dass Witwer mit Kindern geweiht werden können und konvertierte Anglikaner und konvertierte Reformierte als Verheiratete dann katholische Priester sein können, das gibt es ja auch in der Kirche. Erklären Sie das den Leuten, das versteht niemand.

Eugen Koller, Katholischer Theologe, Seelsorger und Redaktor.
Eugen Koller, Katholischer Theologe, Seelsorger und Redaktor.

Wie erleben Sie das konkret im Spitalalltag?

Koller: Im Spital nennen mich fast alle Pfarrer und dann beginnt die Erklärerei… Im Idealfall sage ich: «Ich bin Eugen Koller und Theologe und Ihr Seelsorger.» Wenn’s dann jemand interessiert, sage ich auch noch, dass ich Vater von drei erwachsenen Kindern bin, was die Akzeptanz oft steigert. Manchmal muss ich aber das veraltete System erklären, was der Kirche nicht guttut und auch den Patientinnen und Patienten nicht hilft. 

«Es gibt auch Menschen, die lieber mit einem Priester sprechen – und es geht nicht mal um die Krankensalbung.»

Das Sakrament der Krankensalbung kann nur ein Priester spenden. Es gibt alternative Modelle, die kein Sakrament sind und die Sie ausüben können. Gibt es aber auch Menschen, die sagen: «Ich möchte lieber einen Priester!«

Koller: Ja. Es gibt auch Menschen, die lieber mit einem Priester sprechen – und es geht nicht mal um die Krankensalbung. Das akzeptiere ich stillschweigend im Dienst an der Sache. Ich bin ja für die Menschen da und möchte da darüberstehen.

Auf der Palliativstation
Auf der Palliativstation

Wenn man mit der ersten Generation von Pastoralassistenten spricht, hört man Geschichten wie: «Wir sassen noch in den Kirchenbänken und gingen zum Predigen nach vorne.» Und zwar als bewusstes Statement: aus dem Volk heraus.

Koller: Ich geselle mich als Gestalter von Wort-Gottesfeiern mit oder ohne Kommunion oder auch als Gestalter von Beerdigungen sehr gerne zum Volk, wo immer es geht. Es geht nicht darum, mein Selbstbewusstsein zu stärken oder mich gar zu erheben. Ich habe einen Dienst und bin beauftragt durch die Kirche und arbeite in den Fussstapfen von Jesus Christus. «Wer unter euch der Grösste sein will, soll der Diener aller sein», das leitet mich in meiner Arbeit als Seelsorger und Theologe.

«Du hast immer gewusst, was dir blüht, wenn du dich nicht weihen lässt.»

Manche Pastoralassistenten sind Laien aus Leidenschaft: Für sie hat das Wort Laie eine positive, keine negative Bedeutung. Was ist daraus geworden?

Koller: Das gibt es und es ist auch mein wichtiges Verständnis, denn ich bin kein verhinderter Priester, der etwas kompensieren muss. Aber ich leide seit Jahrzehnten darunter, dass ich trotz umfangreicher Bildung und Lebenserfahrung und meiner vielfältigen Fähigkeiten immer einem Priester vom Kirchenrecht her unterstellt sein muss. Ich bin ein Leben lang im Bistum Chur ein Assistent gewesen in den Pfarreien und die Priester konnten mich im besten Fall voll und ganz in meiner Entfaltung unterstützen oder mich verhindern und klein halten, um nicht mobben zu sagen. Mir sagte einmal ein vorgesetzter Priester: «Du hast immer gewusst, was dir blüht, wenn du dich nicht weihen lässt.» Welche Denunziation von einem Seelsorgekollegen! Das geht tief und verletzt.

Kleriker, soweit das Auge reicht: Priesterweihe 2019 in Schwyz.
Kleriker, soweit das Auge reicht: Priesterweihe 2019 in Schwyz.

Geht es am Ende also um Anerkennung und Wertschätzung?

Koller: Leider ist es der glaubenden Bevölkerung nicht bewusst, wie viel Leid und Schmerz und Krankheit durch die hierarchische Rangelei und in meinen Augen auch Ungerechtigkeit angerichtet wurde und wird. Und dabei denke ich vor allem auch an meine weiblichen Kolleginnen, die wohl die gleichen Aufgaben wie ich wahrnehmen können, aber nicht einmal ständige Diakone werden können. Und beim gläubigen Volk ist wenig Verständnis. Die Menschen würden Diakoninnen, Priesterinnen und verheiratete sowie unverheiratete auf freiwilliger Basis begrüssen.

«Ich ärgere mich über Menschen, die sich klerikal geben, und zwar in jeder Funktion.»

Was sagen Sie zum Vorwurf: Klerikalisierung von Laien?

Koller: Ich ärgere mich über Menschen, die sich klerikal geben, und zwar in jeder Funktion. Klerikalismus ist bis auf den Grund mit allen guten Mitteln zu bekämpfen bei Geweihten und Ungeweihten. Klerikalismus wird auch von Papst Franziskus aufs Ärgste gegeisselt. Klerikalismus ist eine Entgleisung und wir leiden unter den Folgen, wenn ich an autoritäres Gehabe, Überheblichkeit, Machtmissbrauch und sexuelle Übergriffe denke.

* Eugen Koller (63) arbeitet als Spitalseelsorger im Spital Schwyz und ist Mantelredaktor des Pfarrblattes Uri Schwyz.


Eugen Koller | © Ueli Abt
31. Dezember 2021 | 05:00
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