Eritrea, Emmaus, Erstfeld: Ostern mit Martin Kopp im «Clubhüüs»
«Brannte nicht unser Herz?», heisst es in der Emmaus-Erzählung zu Ostern. Martin Kopp erlebt mit geflüchteten Jugendlichen im «Clubhüüs» viele Karfreitage, aber auch viele Emmaus-Momente. Vor kurzem kam Abdullahi nach Jahren der Flucht in Erstfeld UR an. Ein Fest der Auferstehung.
Vera Rüttimann
Es duftet nach Essen. Auf dem Tisch im Gemeinschaftsraum im «Clubhüüs» steht ein Auflauf. Junge Männer greifen beherzt zu. Nach einem langen Tag in der Schule oder am Arbeitsplatz haben sie Hunger.
Das «Clubhüüs» gibt es seit 18 Jahren
Am oberen Ende des Tisches sitzen zwei Somalier. Der eine ist erst ein paar Tage hier. «Er sieht bei uns zum ersten Mal Schnee», erzählt der Priester Martin Kopp. Zwei Männer aus Eritrea kommen später zum Essen. «In der Fastenzeit essen sie vegan.» Irgendwie schaffen es dann alle gemeinsam an den Esstisch. Hier im «Clubhüüs» haben Flüchtlinge aus Afghanistan, Eritrea und Somalia eine neue Heimat gefunden. Der Esstisch, sagt Martin Koop, ist der Fixpunkt für alle.
Das «Clubhüüs» ist ein Wohnhaus in der Leonhardstrase 16 in Erstfeld. Seit 18 Jahren steht es Menschen offen, die in eine Notlage geraten sind und kein Dach über dem Kopf haben. Es ist offen für alle. Auf der Homepage des Hauses steht: «Egal um welche Tages- oder Nachtzeit, hier hast du einen Unterschlupf.»
Martin Kopp «zwischen Vater und Grossvater»
«Clubhüüs»-Leiter Martin Kopp wird von drei Sozialpädagoginnen und einem Zivildienstleistenden unterstützt. Aktuell wohnen hier zehn Leute. Zwei weitere sind in einer Mietwohnung in der Nähe des Bahnhofs untergebracht.
Die jungen Leute am Esstisch scherzen mit Martin Kopp, stupsen ihn an und suchen mit ihm das Gespräch. «Es ist sehr wichtig, dass sie von ihrem Leben erzählen können», sagt der ehemalige Generalvikar für die Urschweiz. Seine Rolle bezeichnet er schelmisch so: «Ich bin für sie so ein Mittelding zwischen Vater und Grossvater.»
Kreuz im Essraum
Dass auch Religion hier ein Thema ist, erkennt man allein schon am grossen Kreuz, das in einer Nische über dem Esstisch steht. «Vor Jahren hat es der Präsident der indischen Bischofskonferenz zu uns gebracht», erzählt Martin Kopp.
Religion ist am Esstisch immer wieder ein Thema. Martin Kopp sagt: «Wir reden gerne über religiöse Themen. Wenn ich erzähle, was in der Kirche so läuft, dann hören sie mir gerne und interessiert zu.»
Morteza ist Muslim
Am Esstisch wird auch über die Bedeutung der Karwoche und Ostern gesprochen. Morteza ist Muslim. Er interessiert sich auch für das Leben Jesu. «Bei uns wird Jesus als Prophet und Wohltäter verehrt.»
Zurzeit ist Ramadan. Morteza vergleicht das Ende des Ramadans mit dem Ende der christlichen Fastenzeit: «Wir essen, tanzen und feiern das Leben. Die Familien sitzen zusammen und die kleinen Kinder erhalten Süssigkeiten.»
Karfreitag und Trauma
Immer wieder erlebe er Karfreitags-Momente, erzählt Martin Kopp am Esstisch. Dann etwa, wenn die jungen Männer traurig und still werden. «Sie haben so viel Schreckliches zuvor erlebt, ihre Traumata kommen immer wieder hervor», sagt er. Oft würden sie beim Spazierengehen verarbeiten, was sie seelisch bedrücke. Oder sie suchen das Gespräch mit ihm. «Ich muss dann oft gut zuhören und Präsenz zeigen.»
Manchmal plage die jungen Männer auch die Sehnsucht nach ihrer Heimat. Deshalb sei ein Ort wie das «Clubhüüs» für sie umso wichtiger. Martin Kopp sagt: «Oft sagen sie mir: Das hier ist meine Familie, mein Zuhause.»
«Nicht im Karfreitag versinken»
Auch der Krieg in der Ukraine ist so ein Karfreitags-Moment. Er beschäftigt die jungen Leute am Esstisch. «Als der Krieg ausbrach, waren sie sehr betroffen», sagt Martin Kopp, der nach Worten sucht, seine diffusen Gefühle zu beschreiben.
Ostern 2022 wird auch für ihn anders. «Wir können dieses Fest nicht feiern, ohne dass wir uns mit diesem Krieg beschäftigen.» Karfreitags-Momente wie dieser sinnlose Krieg können für ihn nicht mit einem fröhlichen «Halleluja!» verdrängt werden. Wichtig sei für ihn als Christ, «dass wir nicht im Karfreitag versinken, sondern uns auf das Österliche, auf das Licht, ausrichten.»
Abdullahi und Nuur
Doch kein Karfreitag ohne Ostern. Auch Ostern wird für Martin Kopp immer wieder sehr konkret. Der 75-Jährige erzählt die bewegende Geschichte von den beiden Halbbrüdern Abdullahi und Nuur. Nuur lebt schon länger bei Martin Kopp, sein Halbbruder Abdullahi ist seit Jahren auf der Flucht.
Abdullahi stammt aus Äthiopien. Als er zwölf Jahre alt ist, entführen ihn islamistische Milizen, erzählt Martin Kopp. Erst kam er in den Sudan, dann nach Libyen. Dort war er zwei Jahre in einem schrecklichen Lager. Dann floh er mit einem Gummiboot über das Meer. Dabei ist er fast ertrunken, wurde aber gerettet. Abdullahi kam nach Malta, wo er wieder zwei Jahre in einem Lager leben musste. «Abdullahi hatte keine Jugend. Ein Grossteil verbrachte er in Lagern», sagt Martin Kopp.
Martin Kopp dankt den Behörden in Bern
Vor kurzem dann «das Wunder», sagt Martin Kopp: Abdullahi ist in Kloten gelandet. «Es war das Ende einer nahezu vierjährigen Tragödie. Es war ein grosser Moment für uns alle», erzählt Martin Kopp. Und besonders für Nuur, der seinen Halbruder in die Arme habe schliessen können.
Dass Abdullahi jetzt hier am Tisch sitzen könne, habe man auch der Migrationsbehörde in Bern zu verdanken. Der Urner Priester betont: «Ganz besonders einem Mann dort, der sich sehr für Abdullahi eingesetzt hat.» Wenn er die beiden Halbbrüder nun am Tisch fröhlich essen und lachen sieht, dann sei das für ihn ein richtiger Emmaus-Moment: ein wahrhaftiges Ostern.
«Es lohnt sich, zu kämpfen»
Ein ähnliches Erlebnis hatte Martin Kopp, als der Afghane Amir endlich von einem Lager auf Lesbos zu seinem Bruder ins «Clubhüüs» konnte. «Das war ein unglaublich ergreifender Moment. Sie wollten sich gar nicht mehr loslassen», erinnert sich Martin Kopp. «Ich weiss dann: Es lohnt sich, zu kämpfen.»
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