Schweiz

Ehe light – kirchliche Stimmen wären nötig

Zürich, 28.3.15 (kath.ch) Diese Woche hat der Bundesrat Vorschläge für Änderungen im Familienrecht präsentiert. Dabei stehen verschiedene Modelle zur Diskussion, welche das Zusammenleben von Paaren – homo- wie heterosexuellen – rechtlich regeln wollen. Wie sehr das Thema auch kirchliche Gemüter bewegt, zeigen die vielerorts laufenden Gespräche im Vorfeld der Familiensynode ebenso wie die Reaktionen zum Fall des Pfarrers von Bürglen, der ein homosexuelles Paar segnete. Die Stimme der Kirche wäre eigentlich wichtig, meinen Vertreter von kirchlichen Partnerschaftsfachstellen.

Der Fall Bürglen zeige, dass die Frage, was Ehe ist, die Menschen beschäftige, sagt Madeleine Winterhalter, Leiterin der Fachstelle Partnerschaft, Ehe und Familie (Pef) des Bistums St. Gallen und Präsidentin der Interessensgemeinschaft Pef-Pastoral Deutschschweiz. Von der Kirche wünscht sie sich, dass diese sich in die Diskussion, die der Bundesrat nun anstossen will, einschaltet: «Die Kirche sollte für Beziehungswerte wie Verbindlichkeit, Treue und das Zueinander-Stehen einstehen, und zwar in allen Formen von Paarbeziehungen», so Madeleine Winterhalter.

Sie begrüsst es, dass der Bundesrat mehrere Varianten, die den heutigen Familienrealitäten gerecht werden, zur Diskussion stellt. Ein Vorschlag des Bundesrates zielt dahin, die eingetragene Partnerschaft für Homosexuelle an die Ehe anzugleichen, beispielsweise bei der Frage des Adoptionsrechts. Ein anderer Vorschlag prüft eine gesetzlich geregelte Partnerschaft, die weniger bindend ist als die Ehe. Die Verbindung soll beispielsweise formell abschliessbar und auch wieder kündbar sein. Modell hierfür ist der so genannte «Pacte civil de solidarité» (Pacs), der sich in Frankreich bereits grosser Nachfrage erfreut, sozusagen eine «Ehe light», wie am Donnerstag, 26. März, viele Zeitungen titelten.

Madeleine Winterhalter erachtet es als wichtig, Partnerschaft und Familie nicht gleichzusetzen. Dies zeige sich auch im Pacs, das nur den rechtlichen Status des Paares regelt, nicht aber die familiären Bindungen. Wie die rechtliche Situation der Kinder nach Auflösung des Vertrages aussieht, gehe aus den Unterlagen des Bundesrates nicht hervor, erklärt sie auf Anfrage von kath.ch.

Nicht zum Zwangszölibat verpflichten

In Bezug auf die gleichgeschlechtlichen Partnerschaften hält sie es für wichtig, dass auch die Kirche die Erkenntnisse der Humanwissenschaft ernst nimmt, dass es diese Spielart der Sexualität gibt. «Man kann homosexuelle Menschen nicht zum Zwangszölibat verpflichten» – dies geschehe de facto, wenn man ihnen zwar ihre sexuelle Orientierung, nicht aber das Ausleben ihrer Sexualität zugestehe.

In der  Frage der Familiengründung beobachtet sie derzeit eine Polarisierung in der Diskussion. Kritisch sieht sie die Forderung nach einem Recht auf Kinder, egal ob von homo- oder heterosexuellen Paaren: «Haben wir wirklich ein Recht auf Kinder?» fragt Winterthalter und plädiert hier für eine differenzierte Betrachtung, die das Kindeswohl im Auge hat. Für dieses einzutreten sieht sie denn auch als eine mögliche Aufgabe der Kirche. «Man weiss noch wenig darüber, was gleichgeschlechtliche Eltern für die geschlechtliche Entwicklung eines Kindes bedeuten. Hier müssten Befürworter und Gegner des Adoptionsrechts für homosexuelle Paare zugeben, dass es dazu noch wenig Zahlen gibt und daher eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Thema nötig ist», sagt Winterhalter. Im Sinne des Kindeswohles erachtet sie die Stiefkindadoption für Paare in eingetragenen Partnerschaften, wie sie der Bundesrat ermöglichen will, jedoch als sinnvoll.

Kindeswohl im Zentrum

Es sei wichtig, «dass Kirche sich in zu familienpolitischen Fragen stärker einbringt, zum Wohl der Kinder», sagt auch Birgitta Aicher, Personalverantwortliche des Bistums Basel und Mitglied der Interessensgemeinschaft Partnerschaft-, Ehe- und Familien-Pastoral der Deutschschweiz. Wie wichtig dies sei, zeigten die Impulsgespräche, die im Vorfeld der Familiensynode in Rom durchgeführt worden seien.

Inwiefern die Kirche in Fragen um Sexualität, Ehe und Familie als glaubwürdige Stimme wahrgenommen wird, darf aufgrund einiger Resultate der Gespräche zur Familiensynode bezweifelt werden. «Auf alle Fälle gibt es hier innerkirchlichen Diskussionsbedarf – die Berichte von verschiedenen Gesprächen in Dekanaten zur Familiensynode der letzten Tage zeigen dies sehr deutlich!», sagt denn auch Ludwig Spirig-Huber, Kommunikationsbeauftragter der Katholischen Kirche Region Bern.

Politik ist schneller als Kirche

Die Kirchenvertreter selber lassen sich Zeit mit dem Studium der bundesrätlichen Vorschläge, wie Walter Müller, Sprecher der Schweizer Bischofskonferenz gegenüber kath.ch bestätigte. «Die Schweizer Bischofskonferenz wird sich zum gegebenen Zeitpunkt zu den Vorschlägen des Bundesrates äussern», antwortete auch Weihbischof Marian Eleganti in Vertretung von Weihbischof Pierre Farine, der für die Pastoral des Lebensbereichs Ehe zuständig ist. «Wir bleiben sicher am Thema und werden dann zusammen als Schweizer Bischofskonferenz Stellung beziehen», so Eleganti zu kath.ch.

Schneller reagiert hat die CVP. Auch sie stellt das Kindeswohl ins Zentrum. Aus diesem Grund will sie nicht «verschiedene Familienmodelle gegeneinander ausspielen», wie die Partei in ihrer Medienmitteilung vom 25. März sagt. Dennoch solle die Ehe bleiben, was sie gemäss verfassungsmässig garantierter Definition sei. Der Weg der eingetragenen Partnerschaft, die die CVP unterstützt, soll konsequent weiterverfolgt werden. Dem Pacs steht die Partei kritisch gegenüber. (sys)

 

Weiterer Beitrag zum Thema: «Kirche hat keinerlei Glaubwürdigkeit in Sachen Sexualität»

 

 

Für immer eins | © Lupo / pixelio.de
28. März 2015 | 08:15
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