Story der Woche

#DomkapitelLeaks: «Grichting und Gracia sind katholische Hooligans»

Zum Beginn eine Terz, zum Ende ein Gebet für den neuen Bischof – und dazwischen flogen die Fetzen. Recherchen von kath.ch zeigen: Das Churer Domkapitel ist zerstrittener denn je.

Raphael Rauch

Wenn Indiskretionen aus dem Churer Domkapitel in den Medien landen, werden schnell liberale Domherren verdächtigt. Dass auch Generalvikar Martin Grichting und Bistumssprecher Giuseppe Gracia eine offensive Medienpolitik betreiben, geht oft unter.

kath.net und «Luzerner Zeitung» leaken Protokoll-Auszüge

Internas zur gescheiterten Bischofswahl vom vergangenen Montag tauchten dieses Mal aber beim ultrarechten Portal kath.net auf. Am Donnerstag folgte die «Luzerner Zeitung», die in engem Kontakt zu Giuseppe Gracia steht.

Martin Grichting

Ein Kenner des Bistums Chur meint: «Als ich den Text auf kath.net las, dachte ich: So dumm kann auch nur kath.net schreiben: ‹feindliche Übernahme›. Jetzt wissen wir, woher das kommt.»

Im Domkapitel fliegen die Fetzen

kath.ch hat am Donnerstagabend das Protokoll der Sitzung des Domkapitels geleakt. Eigentlich sollten die 22 Domherren am Montag einen neuen Bischof von Chur wählen. Der Papst bot zur Auswahl: Offizial Joseph Bonnemain, Abt Vigeli Monn oder Generalabt Mauro Lepori.

Giuseppe Gracia am Podium von Kirche in Not, 2019

Doch im zerstrittenen Domkapitel flogen die Fetzen. Am Ende stimmten elf dafür, die Wahlliste zurückzuweisen. Zehn Domherren hingegen wollten wählen. Offizial Joseph Bonnemain enthielt sich der Stimme.

«Für Grichting ist Seelsorge ein Fremdwort»

«Martin Grichting und Mediensprecher Giuseppe Gracia benehmen sich wie katholische Hooligans. Hooligans geht es nicht um Fussball, sondern um Krawall und Zerstörung», sagt ein Domherr. «Grichting und Gracia geht es nicht um die Kirche oder um die Botschaft Jesu. Ihre Tage im Bistum Chur sind gezählt. Es geht ihnen darum, nun einen maximalen Schaden anzurichten.»

Eine Handykamera an der Tür des bischöflichen Schlosses nimmt Medienleute auf.

Der Domherr behauptet: «Ich habe von Martin Grichting noch nie etwas über das Evangelium gehört oder etwas Pastorales. Höchstens etwas zum Kirchenrecht. Für ihn ist Seelsorge ein Fremdwort.»

«Feindliche Übernahme»

In der Tat fuhr Martin Grichting am Montag scharfe Geschütze auf. Laut Protokoll graut ihm vor einem «progressistischen Kurs der Deutschschweizer Bischöfe sowie Äbte und der Vertreter des staatskirchenrechtlichen Systems».

Gespräch unter Domherren: Albert Fischer und Franz Imhof.

Die Dreierliste des Papstes sei eine «feindliche Übernahme des Bistums Chur durch die Bischöfe von Basel, St. Gallen und den Abt von Einsiedeln. Sie haben sich, wie bekannt geworden ist, in Rom direkt massiv in die Bischofsernennung für Chur eingemischt.»

«Erpresserische Drohungen»

Die Bischöfe von Basel, Felix Gmür, und von St. Gallen, Markus Büchel, werden direkt angegriffen: Sie würden die sakramentale Struktur der Kirche unterminieren.

Eintritt ins bischöfliche Schloss

Doch auch die Vertreter des dualen Systems bekommen ihr Fett weg. «Ihre erpresserischen Drohungen haben sie ja öffentlich bekannt gemacht», sagte Grichting. Es werde versucht, dem Bistum Chur «bistumsexterne Mönche aufzunötigen, die nie als Vikar oder Pfarrer in der Pastoral waren. Es fehlt ihnen die Erfahrung mit den zum Teil schweren pastoralen Problemen unserer Pfarreien.»

Bonnemain die «grösste Priesterenttäuschung meines Lebens»

Wenn Grichting von einem Abt mit «progressistischem Kurs» spricht, dürfte er Martin Werlen meinen, den früheren Abt des Klosters Einsiedeln. Am 22. März 2020 schickte Werlen einen Brief an die Domherren. Darin bat er das Domkapitel, auf das Privileg der Bischofswahl zu verzichten – und stattdessen Papst Franziskus entscheiden zu lassen.

Martin Werlen, Benediktiner

Auch sonst hat es das Protokoll in sich. Domherr Gion-Luzi Bühler sagte, Joseph Bonnemain sei die «grösste Priesterenttäuschung seines Lebens». Abt Vigeli Monn sei «nie in einer Pfarrei tätig» gewesen und habe sich nicht «durch spirituelle oder theologische Beiträge hervorgetan». Generalabt Lepori wiederum habe «keine Ahnung von unserem Bistum».

Angst vor katholischer «Monokultur»

Ein anderer Domherr warnte vor einer «Monokultur in der Kirche in der Deutschschweiz». Chur werde «inhaltlich auf die Verhältnisse in den Bistümern Basel und St. Gallen herunternivelliert».

Felix Gmür ist Bischof von Basel und Vorsitzender der Schweizer Bischofskonferenz.

Der progressive Flügel hielt dagegen: Die drei Kandidaten seien valable Männer, über die nichts Negatives bekannt sei. Doch dieses Argument verfing nicht. Weil Joseph Bonnemain sich wegen Befangenheit der Stimme enthielt, gewann die Grichting-Fraktion mit einer Stimme Vorsprung.

Liberale fühlen sich als Gewinner

Warum haben sich die liberalen Domherren nicht mehr zu Wort gemeldet? «Wir wollten nicht zusätzlich Öl ins Feuer giessen», sagt ein Domherr. «Wir sehen uns als Gewinner. Nun kann Papst Franziskus frei entscheiden.»

Bischof Markus Büchel

Während der Sitzung habe eine «negative Grundstimmung» geherrscht: «Martin Grichting hat gleich zu Beginn den Takt vorgegeben. Mir war schnell klar, dass wir heute keinen Bischof wählen würden. Die anderen Domherren haben sich von dieser negativen Grundstimmung anstecken lassen.»

Gebet und Heuchelei

Nach zwei Stunden und zehn Minuten sprachen die Domherren das «Gebet für einen neuen Bischof». Darin heisst es: «Dir vertrauen wir unser Bistum an und bitten Dich um einen neuen Bischof, in dem das Feuer des heiligen Geistes lebendig und die Freude des Evangeliums spürbar ist.»

Eine feurige Sitzung ging um 12.25 Uhr zu Ende. Allerdings war wenig vom Feuer des Heiligen Geistes zu spüren. Stattdessen taten sich Abgründe auf. Und ganz viel Heuchelei.


Schwarzer Rauch in Chur: Generalvikar Martin Grichting steuert die Domherren. | © Peter Esser
27. November 2020 | 07:41
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