Franz Stampfli
Schweiz

Domherr Stampfli: «Ich wünsche Martin Grichting eine Professur in Rom oder noch weiter weg»

Kurienkardinal Kurt Koch weiht am Freitag Joseph Bonnemain zum Bischof von Chur. Domherr Franz Stampfli weiss noch nicht, ob er es in die Kathedrale schafft. Mit 87 Jahren wäre er der älteste Gast. Als Dekan von Zürich hatte er sich einst mit dem Opus Dei angelegt. Nun lobt er den Opus-Dei-Mann Joseph Bonnemain.

Georges Scherrer

«Als Dekan von Zürich habe ich drei Mitgliedern des Opus Dei verboten, Religionsunterricht zu erteilen», erinnert sich Domherr Franz Stampfli. «Sie haben in der Schule für die Personalprälatur geworben.»

Die Geschichte liegt Jahrzehnte zurück. Das dürfte in den 1980er-Jahren geschehen sein – also zu einer Zeit, in der Wolfgang Haas noch nicht Bischof von Chur war. Heute ist Stampfli 87 Jahre alt.

Stampfli kann Einladung in die Kathedrale nicht Folge leisten

Aufgrund seines Alters und seiner Gehbehinderung geht Stampfli nicht davon aus, dass er der Einladung folgen kann und am Freitag in der Churer Kathedrale der Weihe Bonnemains beiwohnen wird.

Wichtiger war für ihn ohnehin die Sitzung des Domkapitels. «Ich hätte ihn gewählt», sagt der Zürcher Domherr. Allerdings liessen die konservativen Domherren eine Wahl nicht zu. Sie schickten die Dreierliste mit den Namen Joseph Bonnemain, Mauro-Giuseppe Lepori und Vigeli Monn nach Rom zurück.

Franz Stampfli auf dem Weg ins bischöfliche Schloss
Franz Stampfli auf dem Weg ins bischöfliche Schloss

Nach der verhinderten Wahl durch das Domkapitel am vergangenen 23. November ernannte Papst Franziskus selber den künftigen Churer Bischof. Der Opus Dei-Mann sei eine gute Wahl, findet Stampfli.

Ohne Worte

Im Churer Domkapitel ist der Zürcher Domherr das älteste Mitglied. Stampfli kennt sie alle: Die wenigen Höhe- und die vielen Tiefpunkte, die das Ordinariat in Chur weit über die Bistumsgrenzen bekannt machte.

Der Erzbischof von Vaduz/Liechtenstein, Wolfgang Haas, mit der Ernennungsurkunde, bei seiner Inthronisation am 21. Dezember 1997 in der Sankt-Florin-Kirche.
Der Erzbischof von Vaduz/Liechtenstein, Wolfgang Haas, mit der Ernennungsurkunde, bei seiner Inthronisation am 21. Dezember 1997 in der Sankt-Florin-Kirche.

Wolfgang Haas, aktuell Erzbischof in Vaduz, war der erste Bischof, der für den Zusammenhalt des Bistums zur Herausforderung wurde. Als Stampfli den Namen hört, verwirft er nur die Hände. Der Name verschlägt ihm die Sprache. Der Weihe von Wolfgang Haas blieb er fern.

Bischof Vitus Huonder
Bischof Vitus Huonder

Bei Vitus Huonder, dem emeritierten Bischof von Chur, wird der Domherr konkreter: «Damals habe ich schon gesagt, dass er nicht fähig ist, ein Bistum zu leiten.» Er sei kirchenpolitisch viel zu konservativ gewesen. Mittlerweile lebt Huonder in einem Knaben-Institut der Piusbrüder in Wangs SG.

Joseph Bonnemain
Joseph Bonnemain

Ein Bischof, der hinhört

Franz Stampfli kennt den künftigen Bischof Joseph Bonnemain vor allem aufgrund von dessen Arbeit als Spitalseelsorger. Den designierten Bischof von Chur bezeichnet Stampfli als offen und zugänglich: «Wir brauchen jetzt einen Bischof, der auf die Leute zugeht.»

Stampflis Wunsch ist, dass der neue Bischof den Weg zu den Weiheämtern für Frauen öffnet. Aber Bonnemain kann keinen Alleingang gehen. Er ist Teil der Weltkirche.

War mächtig und unbeliebt: Martin Grichting.
War mächtig und unbeliebt: Martin Grichting.

Stampfli ist erfreut, dass der ehemalige Bischofssprecher Giuseppe Gracia nicht mehr Mitglied des Bischofsrates in Chur ist. Den ehemaligen Generalvikar in Chur, Martin Grichting, sieht Stampfli als jene Person, welche die Fäden im Bistum zog: «Ich wollte ihn nicht um mich haben.» Heute wünscht er ihm «eine Professur in Rom oder noch weiter weg».

Schwarzer Rauch in Chur: Martin Grichting steuert die Domherren.
Schwarzer Rauch in Chur: Martin Grichting steuert die Domherren.

Die Kirche muss sich ändern

Erstaunliche Worte findet der Domherr für den Zustand der Kirche: «Ich würde wie andere auch gehen, wenn ich frei wäre.» Die Missbrauchsskandale haben ihm zugesetzt. Auch wenn Zürich von den Skandalen bislang nicht so stark getroffen wurde, sei er sich nicht sicher, ob nicht doch so manches im Verborgenen liege.

Domherr Franz Stampfli vor knapp zehn Jahren.
Domherr Franz Stampfli vor knapp zehn Jahren.

«Die Kirche muss sich ändern», sagt Stampfli. Sie müsse offener und ehrlicher werden. Der altgediente Domherr sucht nach Worten. Offener heisst auch: offener für die Frauen. Und sie müsse viel mehr darauf hören, was die Leute wünschen.

Am Freitag könnte für Franz Stampfli ein neuer Traum beginnen: der Traum eines befriedeten Bistums. Ein Traum, auf den er jahrzehntelang gewartet hat.


Franz Stampfli | © Georges Scherrer
17. März 2021 | 09:00
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