Schweiz

Dogmen lassen sich neu formulieren

«Dieselbe Kirche anders denken»: Unter diesem Titel referierte am vergangene Freitag Michael Seewald in der Zürcher Pfarrei Bruder Klaus. Der in Münster dozierende Professor wurde vom Verein tagsatzung.ch eingeladen.

Walter Ludin*

Auch wenn die katholische Kirche endlich reformiert werde, bleibe sie die gleiche. Und selbst Dogmen dürfe man verändern.

Dies waren die Grundthesen des Münsteraner Professors für Dogmatik und Dogmengeschichte mit Jahrgang 1987. Bei der Überlegung zur Veränderbarkeit dogmatischer Aussagen stützte der Referent sich auf Walter Kasper, der als Vorgänger von Kurt Koch «Ökumene-Minister» des Vatikans war.

«Verwesentlichung» statt Verlust

Kasper hält eine «Reduktion des Dogmatischen für möglich und notwendig. Sie führe zum Zentrum des christlichen Glaubens. Ein solcher Prozess sei kein Verlust und keine Verarmung, sondern eine «Verwesentlichung».

Wenn ein Dogma «hart, frostig, abstossend und rechthaberisch wirke», müsse es neu formuliert werden, damit die Kirche nicht Schaden leide. Die Folgerung: «Wo die Kirche sich ändern kann, wird sie stark.»

«Die Kirche ist ein Subjekt, das mit der Zeit wächst.»

Michael Seewald

Michael Seewald verwies auch auf Benedikt XVI., der mit seiner Formulierung vom «Bruch oder der Kontinuität» zwischen den früheren Aussagen des Lehramtes und dem Zweiten Vaticanum unterschied: «Die Kirche ist ein Subjekt, das mit der Zeit wächst und sich entwickelt, dabei aber immer sich selbst bleibt: das Volk Gottes auf dem Weg.»

«Dogmatisches Upgrade»

Zu Beginn seines Referates erinnerte Seewald daran, dass Papst Johannes Paul II. 1992 den Begriff «Dogma» neu definiert und seine möglichen Inhalte ausgeweitet hat. Seither könnten nicht nur «von Gott geoffenbarte Wahrheiten» dogmatisiert werden, sondern auch «Inhalte, die mit seinen Wahrheiten in einem notwendigen Zusammenhang stehen».

Michael Seewald
Michael Seewald

Dies ist keine abstrakte Spitzfindigkeit, sondern hat konkrete Konsequenzen. Seewald: «Das Lehramt kann plötzlich behaupten, das etwas geoffenbart ist, von dem man gestern gesagt hat, es sei es nicht.» Der Referent nannte dies ein «dogmatisches Upgrade».

«Das Evangelium ist keine historische Grösse, sondern eine gegenwärtige Macht.»

Michael Seewald

Mit einer solchen Möglichkeit habe der konservative Papst aber ein Eigengoal geschossen. Denn, wenn ein «Upgrade» denkbar sei, könne es auch ein «Downgrade» geben: die Erklärung, dass etwas, das als Dogma – als von Gott geoffenbart – angesehen wurde, es nun nicht mehr ist.

Die Kirchenleitung weigert sich

Auch in diesem Zusammenhang zitierte Michael Seewald Kardinal Walter Kasper: «Das Evangelium ist keine historische Grösse, sondern eine gegenwärtige Macht, die sich im Zeugnis der Kirche immer neu entfaltet.» Vor allem: Das Evangelium ist immer mehr als das Dogma – ein «Selbstüberschuss». Aus der Einsicht eines dynamischen Evangeliums leitete Kasper die vorhin erwähnte Möglichkeit zur dogmatischen «Reduktion» ab.

In der Diskussion mit den rund 50 Teilnehmenden der Veranstaltung betonte der Referent aufgrund des Gesagten, es sei «theologisch unglaublich mehr möglich als bereits gemacht wird». Doch die Kirchenleitung weigere sich, es zu tun.

* Walter Ludin ist für den Verein «tagsatzung.ch» als Informationsbeauftragter zuständig.

Michael Seewald (l.) im Gespräch mit Kathrin Lochbühler, Sekretärin, und Bruno Strassmann, Präsident des Vereins tagsatzung.ch | © Walter Ludin
11. November 2019 | 16:30
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