Thomas Andonie, einziger deutschsprachiger Hörer an der Jugendsynode
Vatikan

«Die Synode ist kein Schlusspunkt, sondern ein Anfang»

Rom, 27.10.18 (kath.ch) Thomas Andonie war der einzige deutschsprachige «Laie», der als Auditor an der Bischofssynode zur Jugend teilnehmen konnte. Der Vorsitzende des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) steht in regem Austausch mit den katholischen Jugendorganisationen in der Schweiz und spricht über die Eindrücke, die er von der Synode mit sich nach Hause nimmt.

Georges Scherrer

Wie war die Atmosphäre an der Synode?

Thomas Andonie: Ich würde sie als offen und inspiriert bezeichnen und auch mit dem Wunsch nach Veränderung. Wobei wir jetzt natürlich auch zum Ende hin merken, dass die Bischöfe um ihre Verantwortung wissen, sich aber teilweise sehr schwer damit tun, jenen Mut aufzubringen, den es braucht, um die Kirche in die Zukunft zu leiten.

«In der deutschen Sprachgruppe wurde gut miteinander diskutiert. Ich wurde mit einbezogen.»

Fühlten Sie sich als so genannter kirchlicher «Laie» im Kreis der kirchlichen Würdenträger ernst genommen und willkommen geheissen?

Andonie: Das habe ich so sehr stark wahrgenommen. In der deutschen Sprachgruppe wurde auch gut miteinander diskutiert, auf Augenhöhe. Ich wurde mit einbezogen. Es ist aber sehr schade, dass junge Menschen bei der Synode nicht mitstimmen konnten. Das ist der Bischofssynode geschuldet. Ich glaube schon, dass die Synode zu einer Kultur führt, die jetzt auch dementsprechend in den Bischofskonferenzen, Diözesen und Pfarreien umgesetzt werden muss.

«Es ist sehr schade, dass junge Menschen bei der Synode nicht mitstimmen konnten.»

Kamen die Resultate der Jugendbefragungen und Vorsynode in der Synode zur Geltung?

Andonie: Viele Bischöfe haben tatsächlich Ressourcen und Dokumente in ihren Interventionen zitiert. In der Diskussionsgruppen war auch immer wieder Thema: Was hatte die Vorsynode beschlossen? Was hatten die jungen Menschen für sich entschieden? Es ist normal, dass diese Entscheide einfliessen. Und ich glaube, das ist tatsächlich vorgekommen. Jetzt wird sich zeigen, wie weit das im Abschlussdokument realisiert ist. Daran zeigt sich dann, ob die Kirche, sprich die Bischöfe, auf die jungen Menschen, die sich hier beteiligt haben, gehört hat.

«Das Thema Missbrauch ist immer wieder in Interventionen aufgetaucht.»

Wie schwer haben die Missbrauchs-Skandale die Diskussionen und Statements beeinflusst?

Andonie: Das ist auch aufgrund der Diskussion in Deutschland natürlich ein sehr starkes Thema, das ich auch in meiner Intervention eingebracht habe. Auch irische, amerikanische, chilenische Bischöfe haben davon gesprochen. Das Thema ist immer wieder in verschiedenen Interventionen aufgetaucht und in den verschiedenen Berichten der einzelnen Sprachgruppen vorgekommen. Die Bischöfe der deutschsprachigen Gruppe, unter ihnen der Schweizer Jugendbischof Alain des Raemy, haben sich dafür stark gemacht, weil sich schliesslich die Glaubwürdigkeit der Kirche auch an diesem Thema misst.

«In der Synodenhalle stiessen Kulturen aus verschiedenen Ländern aufeinander.»

Wo fanden die interessanteren Gespräche statt: im Synodensaal, in den Wandelgängen oder bei Treffen ausserhalb des Vatikan?

Andonie: Ich bin jetzt seit vier Wochen hier auf dieser Synode und habe ganz viele spannende Gespräche erlebt. In der Synodenhalle konnte jeder Teilnehmer vier Minuten reden. Da stiessen unterschiedliche Kulturen aus verschiedenen Ländern aufeinander. Gross war auch die Vielfalt der Themen und Schwerpunkte. Es war spannend zuzuhören.

Die Gespräche fanden nicht in der Aula statt, sondern in den Sprachgruppen. Da war tatsächlich sehr intensiv, weil neben dem österreichischen, dem schweizerischem und dem deutschen Jugendbischof auch ein tschechischer Bischof, ein Experte und ich als Vertreter der Jugend teilnahmen.

«Spannend waren auch die Gespräche am Küchentisch.»

Spannend waren auch die Gespräche in der BDKJ-Wohngemeinschaft am Küchentisch, wo ich wohnte. Wir hatten unter anderem Alois Löser, den Prior von Taizé, und den deutschen Jugendbischof zu Gast.

Vier Wochen sind eine lange Zeit. Wurden Sie von den vielen Synodenstunden in der Aula nicht erschlagen?

Andonie: Das war natürlich eine unfassbare Menge an Informationen. Aber es war in erster Linie super spannend zu hören, wie es den Menschen in Südafrika und Ozeanien geht. Was in Russland passiert, ist ja auch etwas, das man nicht jeden Tag hört. Aber die schiere Menge ist natürlich der Hammer. Da muss man schon sagen, dass zwischendurch die Konzentration nachliess. Ich habe für mich mitgeschrieben, damit ich die Konzentration beibehalten und jeden Beitrag angemessen mithören konnte. Das ist mir wichtig – auch wenn wir von Synodalität, von der theologischen Übung des Zuhörens sprechen. Ich versuche alles nachzuvollziehen, um zu verstehen, was die anderen mir sagen.

«Das Wort Synodalität hat sich bei mir sehr stark festgesetzt.»

Welches Stichwort ist Ihnen am Besten in Gedächtnis geblieben?

Andonie: Das Wort Synodalität hat sich bei mir sehr stark festgesetzt. Also die Frage: Wie können wir, Junge, Alte, Frauen, Männer, Geweihte, Laiinnen und Laien die Kirche gemeinsam voranbringe? Und wie leiten wir diese Kirche gemeinsam, indem wir das «Priestertum aller» verwirklichen? Dieser Gedanke hat mich massgeblich geprägt und ich hoffe, dass sich eine positive Wendung vollzieht. Die Kirche muss gemeinschaftlich verantwortet werden, weil wir alle Teil des Volkes Gottes sind.

Wie ist es Ihnen gelungen, sich und die Anliegen der Jugendlichen, die Sie vertreten, in die Synode einzubringen?

Andonie: Wir hatten Anfang September in München einen deutschsprachigen Austausch, an welchem Delegationen aus der Schweiz, Österreich, Südtirol und Deutschland teilnahmen. Für uns war es zuerst einmal wichtig zu sagen: Wir bündeln. Was sind die Punkte, die uns alle bewegen?

«An der Synode konnte ich die Meinungen vom Austausch in München einbringen.»

In meiner Intervention an der Synode konnte ich die Meinungen einbringen, etwa die Frage vom Umgang mit der sexualisierten Gewalt in der Kirche, die damit verbundenen strukturellen Herausforderungen, die Frage von der Leitung von Frauen in Kirche und auch die Frage nach dem Weiheamt, die viele junge Menschen bei uns ganz stark beschäftigt. Und auch die Frage nach der Sexualmoral und jene nach gleichgeschlechtlichen Partnerschaften. Ansprechen konnte ich auch die Frage der geistlichen Begleitung als ganz elementarer Bestandteil katholischer Jugendverbandsarbeit. Die Kirche muss junge Menschen im Glauben begleiten.

Was wir in München besprochen haben, war mit immer gegenwärtig. Ich war der einzige deutschsprachige Auditor in der Synodenaula. Darum stand ich auch für die Meinung der Leute ein, mit denen ich im Vorfeld gesprochen habe.

«Wir haben aber festgestellt, dass die deutsche Sprachgruppe sehr wohl wahrgenommen wurde.»

Wurde die deutsche Sprachgruppe an der Synode gut wahrgenommen oder wegen der Übermacht anderer Sprachgruppen wie Englisch, Spanisch oder Französisch an den Rand gedrängt?

Andonie: Das würde ich so nicht sagen. Natürlich ist in der französischsprachigen Gruppe eine viel grössere Vielfalt an Ländern mit drin. Wir haben aber festgestellt, dass die deutsche Sprachgruppe sehr wohl wahrgenommen wurde. Man sieht dies auch an dem, was ins Schlussdokument eingeflossen ist.

Wenn eine englische Sprachgruppe etwas im gleichen Kontext wie die deutschsprachige Gruppe eingebracht hat, dann muss man fragen: Wie wurden die Anteile der Voten berücksichtigt? Und ich habe wahrgenommen, dass das, was die deutschsprachigen Bischöfe eingebracht haben, auch in dem Papier vorkommt.

Wird die Synode sich Ihrer Ansicht nach fruchtbar auf die Weiterentwicklung der Kirche auswirken oder als Papiertiger in die Geschichte eingehen?

Andonie: Papier ist bekanntlich geduldig. Ich glaube, dass diese Synode kein Schlusspunkt ist, sondern ein Anfangspunkt. Wir haben gemerkt, dass die Bischöfe ganz stark in diese Richtung diskutierten: Ja, wir müssen für alle offen sein. Wir müssen erst mal den jungen Menschen das Gefühl geben: Gott nimmt dich so an, wie du bist. Und wie spiegelt sich das in der kirchlichen Arbeit wieder? Was bedeutet das für die Pastoral, für die Seelsorge, für die Leitung und Struktur der Kirche.

«Wenn die Kirche in die Zukunft gehen will, muss sie die Papiere in der Praxis umsetzen.»

Im Endeffekt ist nun der Prozess der Synodalität gestartet, der sich nach einem Vorbereitungsprozess jetzt in einen Nachbereitungsprozess befindet und nie zu Ende geht. Wenn die Kirche in die Zukunft gehen will, muss sie immer einen Schritt nach dem anderen tun. Nicht nur sich beraten und Papiere produzieren, sondern eben diese Papiere in der lebendigen Praxis umsetzen.

«Die Bischofskonferenzen müssen junge Menschen in die Leitung der Kirche einbinden.»

Die Bischofskonferenzen müssen den jungen Menschen nicht nur zuzuhören und Entscheide treffen, sondern sie auch in die Leitung der Kirche und Verantwortung einbinden. Da müssen ganz konkrete Sachen folgen. So kann das Synodenpapier seine Wirkung entfalten. Was in Rom besprochen wurde, sind gute Ansatzpunkte. Die Kirche ist sehr unterschiedlich. Es muss vor Ort das umgesetzt werden, was für die Schweiz, Österreich, das Südtirol oder Deutschland wichtig ist.

Gibt es Parallelen zwischen der Jugend-Synode und der Familien-Synode, die vor einigen Jahren im Vatikan stattfand?

Andonie: Ich sehe eine Entwicklung. Die Kirche versteht heute: Man soll nicht über, sondern mit den Leuten reden. An der Jugendsynode nahmen leider nur 34 junge Auditorinnen und Auditoren teil.

«Die Kirche muss mit den jungen Menschen gemeinsam vorwärts gehen.»

Die Kirche muss für die junge Menschen heute nicht irgendwelche Angebote schaffen, «damit sie beschäftigt sind». Die Kirche muss mit den jungen Menschen gemeinsam vorwärts gehen. Wir erleben in Deutschland oder auch in der Schweiz, etwa bei Jungwacht-Blauring, dass Jugendliche die Jugend begleiten. Das ist ein total gutes Prinzip. Wenn sie theologisch, pädagogisch, pastoral und spirituell gut begleitet sind, dann ist das richtig gut. Dann kann Kirche gelingen. Dann können junge Menschen den Glauben entdecken.

Um das zu schaffen, braucht es mehr, als hinab zu gucken auf die jungen Menschen. Die Kirche muss mit ihnen ins Gespräch kommen. Und das gilt nicht nur für die junge Menschen. Diese Erfahrung machen wir auch in der Laienarbeit. Wir müssen miteinander reden. Diese Kirche ist eine Kirche von uns allen auf den Schultern aller. Das muss jetzt auch entsprechend in der Praxis Wirklichkeit werden.

«Ich glaube, dass der Weg, den die Schweizer Jugendverbände gehen, richtig ist.»

Was geben Sie zum Abschluss der Jugend-Synode den Schweizer Jugendverbänden für die Zukunft mit auf den Weg?

Andonie: Ich glaube, dass der Weg, den sie gehen, richtig ist. Die selbstorganisierte Arbeit hat im deutschen Sprachraum eine gute Tradition. Dieser Weg entspricht dem gut, was junge Menschen wollen. Auf diesem Weg wirken Laien und Priester zusammen. Junge Menschen sollen über Glauben, Gesellschaft, Politik kritisch reflektieren und für sich jenen Platz in dieser Welt finden, für den sie Gott berufen hat.

«Mit der 72-Stunden-Aktion machen junge Menschen die Welt ein Stück besser.»

In der Schweiz, Österreich, Deutschland, der Slowakei und dem Südtirol gibt es zum Beispiel die «72-Stunden-Aktion». Bei diesem Event gehen junge Menschen aus dem Glauben heraus unter die Leute, setzen sich sozial ein und sind aus dem Glauben heraus missionarisch. Sie machen die Welt ein Stück besser. Ich wünsche mir, dass das ein Grundsatz in der gesamten pastoralen Arbeit wird.

Thomas Andonie, einziger deutschsprachiger Hörer an der Jugendsynode | © KNA
27. Oktober 2018 | 15:57
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